ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2019Klimawandel: Ernstfall für die Gesundheit

POLITIK

Klimawandel: Ernstfall für die Gesundheit

Dtsch Arztebl 2019; 116(47): A-2174 / B-1779 / C-1739

Eckert, Nadine

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Hitzewellen, exotische Infektionskrankheiten, Herzinfarkte – der Klimawandel hat bereits heute massiven Einfluss auf die Gesundheit der Menschen. Doch bislang ist das deutsche Gesundheitssystem nicht auf die Konsequenzen vorbereitet, wie aktuelle Monitoring-Daten zeigen.

Zwischen Mai und September werden künftig immer wieder Hitzeperioden auftreten, die besonders für ältere und geschwächte Menschen eine gesundheitliche Bedrohung darstellen. Foto: Robert Kneschke/stock.adobe.com
Zwischen Mai und September werden künftig immer wieder Hitzeperioden auftreten, die besonders für ältere und geschwächte Menschen eine gesundheitliche Bedrohung darstellen. Foto: Robert Kneschke/stock.adobe.com

Bis zu fünf zusätzliche Hitzewellen in Norddeutschland und bis zu 30 zusätzliche Hitzewellen in Süddeutschland – jeden Sommer (1). Außerdem ein Anstieg der Durchschnittstemperatur um 3,7° C (2). Diesen für die kommenden Jahrzehnte prognostizierten Klimaveränderungen hat das deutsche Gesundheitswesen – zumindest aktuell – nichts entgegenzusetzen. Das zeigt der im November in Berlin vorgestellte Jahresbericht der internationalen Forschungsinitiative „Lancet Countdown“ (Kasten [3]). In diesem Jahr wurden erstmals auch ein Bericht sowie Empfehlungen für Deutschland herausgegeben (4).

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Insbesondere die hohen Umgebungstemperaturen während sommerlicher Hitzewellen werden dem Bericht zufolge direkte gesundheitliche Auswirkungen haben. Der Hitzestress, aber auch die hohen bodennahen Ozonkonzentrationen während der Hitzeperioden können schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben, insbesondere bei älteren Menschen und solchen mit kardiovaskulären oder Atemwegserkrankungen (5). Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) fordert deshalb Länder und Kommunen auf, konkrete Maßnahmenpläne für Kliniken, Not- und Rettungsdienste sowie Pflegeeinrichtungen zur Vorbereitung auf Hitzeereignisse zu entwickeln.

Dabei dränge die Zeit, sagte BÄK-Präsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, denn die Auswirkungen des Klimawandels seien nicht irgendwann, sondern bereits hier und heute spürbar.

Dringender Vorsorgebedarf

Handlungsempfehlungen zur Umsetzung von Hitzeaktionsplänen habe die Bundesregierung bereits 2017 herausgegeben, ergänzte Dr. Franziska Matthies-Wiesler vom Helmholtz-Zentrum München, eine der Autorinnen des Deutschland-Berichts (6). Die Empfehlung zur beschleunigten Umsetzung von Hitzeaktionsplänen ist nur eine von drei deutschlandspezifischen Empfehlungen, die von der BÄK unter anderem in Zusammenarbeit mit der Charité-Universitätsmedizin Berlin, dem Helmholtz-Zentrum München, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sowie der Hertie School in Berlin herausgegeben wurden.

Die Autoren fordern außerdem zur Senkung des CO2-Fußabdrucks des deutschen Gesundheitssektors auf. Momentan mache er fünf Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen aus, mehr als in anderen europäischen Ländern (3). „Der Gesundheitssektor sollte mit gutem Beispiel vorangehen“, sagte Prof. Dr. Dr. med. Sabine Gabrysch, die an der Charité den ersten Lehrstuhl für Klimawandel und Gesundheit in Deutschland innehat.

Da es „im öffentlichen Diskurs, auch unter Ärzten und Pflegekräften, noch an einem klaren Bewusstsein für die Verbindung zwischen Klimawandel und Gesundheit mangelt“, wie Dr. med. Martin Herrmann, Vorsitzender von KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit, betonte, müsse die Problematik bereits in der Ausbildung vermittelt werden (7). Die dritte Empfehlung für Deutschland lautet demnach, das Thema Klimawandel und seine gesundheitlichen Folgen in die Lehrpläne aller Gesundheits- und medizinischen Fakultäten einzubeziehen, ebenso wie in die Aus-, Fort- und Weiterbildung aller Gesundheitsberufe.

Unerwartete Effekte

„Ärzte müssen im Blick haben, dass bei bestimmten Medikamenten bei hohen Temperaturen die Dosierungen angepasst werden müssen“, nannte Reinhardt ein Beispiel für die Auswirkungen von Hitzeperioden, über die Ärzte sich im Klaren sein müssten. Zudem gelte es, von Mücken übertragene „exotische“ Erreger künftig verstärkt auf dem Schirm zu haben.

Steigende Temperaturen ermöglichen die Ausbreitung von Überträgern von Infektionskrankheiten, die bislang in Deutschland noch nicht vorkamen, wie das Dengue-Fieber, Zika oder Chikungunya. In diesem Jahr wurde erstmals in Deutschland ein Mann durch den Stich einer heimischen Mücke mit dem West-Nil-Virus infiziert und ist in der Folge an einer Meningoenzephalitis erkrankt (8).

Auch die Biologie allergener Pollen verändert sich mit zunehmender Wärme, die saisonale Dauer des Pollenfluges verlängert sich, die Pollenmenge steigt an, was Asthma und allergische Reaktionen verstärkt. Darüber hinaus erhöht sich durch die Erwärmung der Ostsee das Risiko für Infektionen mit Vibrio-Bakterien. Die im Salzwasser der Ostsee vorkommenden Keime vermehren sich sprunghaft bei Wassertemperaturen von mehr als 20 Grad und können Wunden infizieren. Sie stellen, wie auch die Todesfälle in diesem Sommer belegen, speziell für ältere, immungeschwächte, chronisch kranke oder Menschen mit Hautverletzungen ein Risiko dar (9).

Dass sich die Lebensbedingungen für Krankheitserreger, über die sich Ärzte in Deutschland bislang kaum Gedanken machen mussten, immer weiter verbessern, zeigt auch der globale Jahresbericht des Lancet Countdown. Seit den 1980er-Jahren habe sich aufgrund höherer Wassertemperaturen die Anzahl der Tage verdoppelt, an denen man sich beim Baden in der Ostsee mit Vibrionen anstecken kann. 2018 waren es 107 Tage.

„Das Monitoring [durch den Lancet-Countdown] dient nicht nur dazu, die Dynamik der Wechselbeziehungen zwischen Gesundheit und Klimawandel abzubilden. Wir wollen auch eine verlässliche Grundlage für politische Entscheidungen liefern“, sagte Prof. Slava Jankin, Professor für Data Science und Public Policy an der Berliner Hertie School. „Wir müssen verhindern, dass die Gesundheit eines Kindes, das heute geboren wird, durch das sich verändernde Klima bestimmt wird.“ Tatsächlich werden Kinder dem Bericht zufolge diejenigen sein, die am stärksten von den Effekten des Klimawandels betroffen sein werden.

„Seit 1960 haben die Ernteerträge der weltweit vier wichtigsten Nahrungspflanzen um rund drei Prozent abgenommen“, sagte Dr. Kris Murray vom Imperial College London. Und kleine Kinder seien diejenigen, die am stärksten unter der daraus resultierenden Mangelernährung und deren teils lebenslangen Folgen litten. Hinzu komme, dass sie auch am anfälligsten für Durchfallerkrankungen sind und das Dengue-Fieber bei ihnen besonders schwerwiegend verlaufe.

Um dies zu verhindern, sei entschlossenes und rasches Handeln erforderlich – bestenfalls aller 7,5 Milliarden Menschen auf diesem Planeten, lautet die Forderung der Lancet-Countdown-Autoren.

„Je früher wir anfangen, desto einfacher ist es, die notwendige Reduktion der CO2-Emissionen zu erreichen“, betonte die Ärztin und Epidemiologin Gabrysch. „Beginnen wir erst 2025, bleibt nur der ‚kalte Entzug‘ mit den zu erwartenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen“ (10). Um möglichst viele Menschen „ins Boot zu holen“, betonte Gabrysch, dass Klimaschutz nicht mit Verzicht gleichgesetzt werden sollte. Stattdessen sollte darauf hingewiesen werden, was gewonnen werden könne.

Gesundheitliche Vorteile

Weniger Einsatz fossiler Brennstoffe im Energie- und Verkehrssektor verringere beispielsweise die Belastung durch Luftverschmutzung. Die Luftverschmutzung insgesamt habe 2016 weltweit zu sieben Millionen Todesfällen geführt, 2,9 Millionen davon habe Feinstaub verursacht. In Deutschland trug die Feinstaubbelastung 2016 laut Bericht zu über 44 800 frühzeitigen Todesfällen bei. Darüber hinaus trage die Förderung von Radfahren, Zu-Fuß-Gehen und die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zur Steigerung der körperlichen Aktivität bei – mit den bekannten positiven Folgen für die Gesundheit. Nadine Eckert

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4719
oder über QR-Code.

Ein Countdown für die Gesundheit

Die internationale Forschungsinitiative „Lancet Countdown“ entstand, nachdem 2015 eine von der Zeitschrift „The Lancet“ aufgestellte Fachkommission zu dem Schluss gekommen war, dass der Klimawandel die größte Gefahr für die menschliche Gesundheit im 21. Jahrhundert darstellt. Die Initiative wurde als globales Monitoring-System gegründet, unter anderem um politische Entscheidungsträger auf die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Gesundheit aufmerksam zu machen. 120 Experten verschiedenster Disziplinen aus 35 Institutionen, vorwiegend Universitäten, aber auch die Weltbank und die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), ziehen in einem jährlich erscheinenden globalen Bericht Bilanz, wie der fortschreitende Klimawandel die menschliche Gesundheit beeinträchtigt.

Die Ergebnisse basieren auf 41 Schlüsselindikatoren, anhand derer Veränderungen erfasst werden. Ein Indikator ist zum Beispiel die Häufigkeit, mit der vulnerable Bevölkerungsgruppen Hitzewellen ausgesetzt sind, ein anderer die mediale Berichterstattung über Klimawandel und Gesundheit.

1.
Jacob D, Petersen J, Eggert B, et al.: EURO-CORDEX: new high-resolution climate change projections for European impact research. Reg Env Chang. 2014; 14: 563–78 CrossRef CrossRef
2.
Deutscher Wetterdienst. Nationaler Klimareport: Klima – Gestern, heute und in der Zukunft; https://www.dwd.de/DE/leistungen/nationalerklimareport/report.html (letzter Zugriff am 19. November 2019).
3.
Watts N, Amann M, Arnell N, et al.: The 2019 report of The Lancet Countdown on health and climate change: ensuring that the health of a child born today is not defined by a changing climate. Lancet 2019; 394: 1836–7 CrossRef
4.
The Lancet Countdown on Health and Climate Change: Policy Brief für Deutschland (November 2019); https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/Pressemitteilungen/20191114_Klimawandel/3_Lancet_Countdown_Policy_brief_for_Germany_German_v01b.pdf (letzter Zugriff am 19. November 2019).
5.
Schneider A, Rückerl R, Breitner S, et al.: Thermal control, weather and aging.
Curr Env Heal Rep 2017; 4 (1): 21-9 CrossRef MEDLINE
6.
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit: Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit; https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Klimaschutz/hap_handlungsempfehlungen_bf.pdf (letzter Zugriff am 19. November 2019).
7.
Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland: Positionspapier Klimawandel und Gesundheit; https://www.bvmd.de/fileadmin/user_upload/Grundsatzentscheidung_2018–11_Klimawandel_und_Gesundheit.pdf (letzter Zugriff am 19. November 2019).
8.
Eckert, N.: „West-Nil-Virus-Infektion: Erster durch Stechmücken übertragener Fall in Deutschland bestätigt“. Deutsches Ärzteblatt online. https://www.aerzteblatt.de/n106344 (letzter Zugriff am 19. November 2019).
9.
„Immungeschwächte Frau stirbt nach Bad in der Ostsee an Bakterieninfektion“. Deutsches Ärzteblatt online. https://www.aerzteblatt.de/n105183 (letzter Zugriff am 19. November 2019).
10.
The Global Carbon Project; https://www.globalcarbonproject.org (letzter Zugriff am 19. November 2019).
1.Jacob D, Petersen J, Eggert B, et al.: EURO-CORDEX: new high-resolution climate change projections for European impact research. Reg Env Chang. 2014; 14: 563–78 CrossRef CrossRef
2.Deutscher Wetterdienst. Nationaler Klimareport: Klima – Gestern, heute und in der Zukunft; https://www.dwd.de/DE/leistungen/nationalerklimareport/report.html (letzter Zugriff am 19. November 2019).
3.Watts N, Amann M, Arnell N, et al.: The 2019 report of The Lancet Countdown on health and climate change: ensuring that the health of a child born today is not defined by a changing climate. Lancet 2019; 394: 1836–7 CrossRef
4.The Lancet Countdown on Health and Climate Change: Policy Brief für Deutschland (November 2019); https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/Pressemitteilungen/20191114_Klimawandel/3_Lancet_Countdown_Policy_brief_for_Germany_German_v01b.pdf (letzter Zugriff am 19. November 2019).
5.Schneider A, Rückerl R, Breitner S, et al.: Thermal control, weather and aging.
Curr Env Heal Rep 2017; 4 (1): 21-9 CrossRef MEDLINE
6.Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit: Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit; https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Klimaschutz/hap_handlungsempfehlungen_bf.pdf (letzter Zugriff am 19. November 2019).
7.Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland: Positionspapier Klimawandel und Gesundheit; https://www.bvmd.de/fileadmin/user_upload/Grundsatzentscheidung_2018–11_Klimawandel_und_Gesundheit.pdf (letzter Zugriff am 19. November 2019).
8.Eckert, N.: „West-Nil-Virus-Infektion: Erster durch Stechmücken übertragener Fall in Deutschland bestätigt“. Deutsches Ärzteblatt online. https://www.aerzteblatt.de/n106344 (letzter Zugriff am 19. November 2019).
9.„Immungeschwächte Frau stirbt nach Bad in der Ostsee an Bakterieninfektion“. Deutsches Ärzteblatt online. https://www.aerzteblatt.de/n105183 (letzter Zugriff am 19. November 2019).
10.The Global Carbon Project; https://www.globalcarbonproject.org (letzter Zugriff am 19. November 2019).

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