ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2000Lebensrecht: Vom Aufenthaltsort bestimmt

SPEKTRUM: Leserbriefe

Lebensrecht: Vom Aufenthaltsort bestimmt

Dtsch Arztebl 2000; 97(6): A-284 / B-244 / C-228

Loewenich, Volker von

Zu dem Beitrag "Ungeborenes Leben: Widersprüchliche Regelungen" von Prof. Dr. med. Dr. phil. Urban Wiesing in Heft 49/1999:
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Unser Embryonenschutzgesetz (ESchG) ist weltweit das strengste. Es verbietet jede "Verwertung" menschlicher Embryonen sowie jede embryonen-verbrauchende Diagnostik und Forschung, sodass eine Präimplantations-Diagnostik allenfalls dann legal ist, wenn die Zellen der Morula nicht mehr totipotent sind. Der Embryo ist mithin als menschliche Person zu respektieren. Paragraph 8 ESchG definiert den Beginn menschlichen Lebens mit der Vereinigung der Zellkerne der Gameten. Befindet sich der Embryo nicht beziehungsweise nicht mehr im Glase, sondern im Mutterleib, dann ist sein Leben nur noch sehr eingeschränkt geschützt, nämlich durch Paragraph 218 ff. StGB. Dies ändert sich schlagartig mit Einsetzen regelmäßiger Wehen oder beim Kaiserschnitt mit der Eröffnung des Uterus. Dann ist das Leben durch Paragraph 211 ff. StGB geschützt wie bei jedem von uns. Diese Gesetzgebung ist inkohärent. Man darf sich fragen, warum dem Embryo im Glase die Grundrechte nach Artikel eins und zwei des deutschen Grundgesetzes zugestanden werden, dem etwas älteren Kind im Leib seiner Mutter dann nicht mehr und dem geborenen Kind, sei es so früh geboren wie es wolle, wieder in vollem Umfange. Hält man sich an den Kantschen Begriff der Menschenwürde, die Basis unseres Grundgesetzes, dann haben die zitierten Gesetze keine gemeinsame philosophische und moralische Grundlage. Vielmehr orientieren sie sich an Zielvorstellungen, die Mehrheiten so gewollt haben. Es sollte deshalb ehrlicherweise zugegeben werden, dass das Lebensrecht vom Aufenthaltsort bestimmt wird und wir hier mit einer Tripel-Moral leben, die wir mehrheitlich gutheißen.
Prof. Dr. med. Volker von Loewenich, Abteilung für Neonatologie, Klinikum der Johann Wolfgang GoetheUniversität, 60590 Frankfurt/ Main
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema