ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2019Prävention: Gegen eine Krankheitskarriere

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Prävention: Gegen eine Krankheitskarriere

Dtsch Arztebl 2019; 116(48): A-2211 / B-1811 / C-1763

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Eine Stunde Bewegung am Tag klingt nicht nach einem stressigen Sportprogramm. Nach Ansicht der Welt­gesund­heits­organi­sation ist dieses Pensum das Minimum für Kinder und Jugendliche. Aber nur ein Fünftel der elf- bis 17-Jährigen schafft dies weltweit. In Deutschland waren 79,7 Prozent der Jungen und sogar 87,9 Prozent der Mädchen 2016 körperlich nicht aktiv genug. Damit liegt Deutschland etwas unter dem weltweiten Durchschnitt. Im Fokus steht nicht nur der organisierte Sport, es betrifft zunächst die Bewegung im Alltag wie das miteinander Spielen oder den Schulweg. Schnell gibt man der zunehmenden Nutzung von Smartphones oder Computerspielen die Schuld. Das greift aber zu kurz, denn die Urbanisierung macht viele altbewährte Bewegungsvarianten unmöglich: Mal ist der Heimweg mit dem Fahrrad zu gefährlich, mal ist der Bolzplatz um die Ecke einem Neubau gewichen. Bewegung findet daher überwiegend in der Schule oder im Verein statt. Doch geht dort das Dilemma weiter. Der Sportunterricht in der Schule krankt an einem untergeordneten Stellenwert mit entsprechend wenig Stunden und schlechter Ausstattung. Letztere findet sich auch in den Vereinen, die unter chronischem Geldmangel leiden. Und beim jüngst verabschiedeten Gute-Kita-Gesetz hat man sogar darauf verzichtet, die Bewegung in den Kitas stärker zu fördern.

Dass schon heute 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland zu dick und rund 800 000 adipös sind, verwundert nicht. So warnte kürzlich die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) vor den fatalen Folgen dieser Entwicklung. Von den adipösen Kindern litten 30 bis 50 Prozent zu Beginn der Pubertät bereits an einer Ausprägung des Metabolischen Syndroms, die zu einem manifesten Diabetes Typ 2 führen könne. So beginnt eine Krankheitskarriere, die man als erwachsener Adipöser und Diabetiker fortsetzt. Bewegungsmangel führt zu Übergewicht, Übergewicht führt zu Diabetes, dieser wiederum zu Herzinfarkt und Schlaganfall. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rechnet damit, dass sich die Lebenserwartung wegen der auf Adipositas oder Übergewicht zurückzuführenden Krankheiten um fast drei Jahre reduziert. Das alles kostet Geld. Die OECD prognostiziert, dass in den kommenden 15 Jahren die Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheit die Steigerung des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts übertreffen werden.

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Prävention ist dringend notwendig. Viele Maßnahmen kommen aber nicht über den Status der Diskussion hinaus, wie zum Beispiel eine nationale Diabetesstrategie. Erst vergangene Woche kündigten Koalitionspolitiker wieder an, sich weitgehend einig zu sein. Dennoch gibt es wohl Streit über eine Passage zur Reduktion von Zucker in Lebensmitteln und Getränken, die besonders von Kindern und Jugendlichen konsumiert werden (sic!). Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) sagte, er setze nicht auf Präventionsstrategien für einzelne Krankheitsbilder, sondern für alle Lebensbereiche. Das ist ein hehres Ziel. Betrachtet man die unseligen und schnell zunehmenden Folgen von Bewegungsmangel und Übergewicht, sollte man auch spezifische Präventionsangebote vorantreiben und nicht in parteipolitischen Kämpfen zerreden. Beginnt man früh genug, werden Kinder und Jugendliche nicht zu kranken Erwachsenen, die die Gesundheitskosten weiter in die Höhe treiben. Bewegung und gesunde Ernährung sind die eigentlich einfachen Präventionsansätze.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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