ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2019HIV in Deutschland: Insgesamt weniger Neuinfektionen

MEDIZINREPORT

HIV in Deutschland: Insgesamt weniger Neuinfektionen

Dtsch Arztebl 2019; 116(48): A-2240 / B-1834 / C-1783

Grunert, Dustin

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Die Zahl der HIV-Infektionen unter den Drogenkonsumenten nimmt weiter zu. Zudem wird etwa jede dritte Neuinfektion erst im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), ist es hingegen gelungen , die Testbereitschaft zu steigern.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat anlässlich des kommenden Welt-AIDS-Tages eine umfassende Darstellung der HIV/AIDS-Situation in Deutschland veröffentlicht (1). Im Jahr 2018 haben sich geschätzt 2 400 Personen mit HIV infiziert, 2017 waren es 2 500 Neuinfektionen. Der Ausbau von zielgruppenspezifischen Testangeboten und ein früherer Behandlungsbeginn zeigen offenbar Erfolge. „Dieser Weg sollte konsequent weiter umgesetzt werden, insbesondere durch eine weitere Verbesserung der Testangebote und die Gewährleistung des Zugangs zur Therapie für alle Menschen, die in Deutschland mit HIV leben“, betont RKI-Präsident Prof. Lothar H. Wieler.

Die Zahl der Menschen mit einer HIV-Infektion in Deutschland ist bis Ende 2018 auf 87 900 gestiegen. Von diesen HIV-Infektionen sind etwa 10 600 noch nicht diagnostiziert. „Wer von seiner Infektion nichts weiß, kann das Virus unbeabsichtigt weitergeben, außerdem ist bei Spätdiagnosen die Sterblichkeit höher“, unterstreicht Wieler.

Etwa jede dritte Neuinfektion wird erst mit einem fortgeschrittenen Immundefekt diagnostiziert. Im Jahr 2018 sind geschätzt 440 Menschen an HIV gestorben. Die Gesamtzahl der Todesfälle seit Beginn der Epidemie in den 1980er-Jahren schätzt das RKI auf 29 200.

Weniger Neuinfektionen bei MSM

Der positive Trend kommt aus der wichtigsten Betroffenengruppe – Männer, die Sex mit Männern haben (MSM). Bei ihnen ging die Zahl der geschätzten HIV-Neuinfektionen von etwa 2 200 Neuinfektionen im Jahr 2013 auf 1 600 Neuinfektionen im Jahr 2018 zurück. Diese Entwicklung ist wahrscheinlich in erster Linie darauf zurückzuführen, dass es bei MSM gelungen ist, die Testbereitschaft zu steigern und die Testangebote auszuweiten. Außerdem wirkt sich die Empfehlung zu einem sofortigen Behandlungsbeginn positiv aus. Eine erfolgreiche Therapie führt dazu, dass die Weitergabe von HIV nicht mehr möglich ist.

Der Anteil von Menschen mit HIV, die eine antiretrovirale Behandlung erhalten, hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen und liegt inzwischen bei 93 %. Bei 95 % der Patienten ist die Behandlung erfolgreich, sodass sie nicht mehr infektiös sind.

Seit 2015 empfehlen die HIV-Behandlungsleitlinien, jede diagnostizierte HIV-Infektion in Deutschland umgehend antiretroviral zu therapieren. Die Empfehlung, Kondome zu benutzen, bleibt weiter ein Grundpfeiler der Prävention von HIV und weiteren sexuell übertragbaren Infektionen.

Nach Ansicht der Deutschen Aidshilfe (DAH) ist der Rückgang bei den Neuinfektionen ein Erfolg der Prävention und der HIV-Therapie, die auch die Übertragung verhindert. „Die erfolgreichen Wege gilt es nun weiter auszubauen: Mit noch mehr speziellen Testangeboten und Zugang zu medizinischer Behandlung für alle Menschen in Deutschland. Präventionslücken müssen endlich geschlossen werden“, wie Vorstandsmitglied Sylvia Urban betont.

„Vermeidbare HIV-Infektionen entstehen unter anderem, weil es in Deutschland nach wie vor keine Vergabe sauberer Spritzen in Haftanstalten gibt und weil Menschen ohne Aufenthaltspapiere faktisch keinen Zugang zur HIV-Therapie haben. Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden.“

Zudem sei das Potenzial der HIV-Prophylaxe PrEP bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. „Zur sinkenden Zahl der Neuinfektionen hat sie aller Wahrscheinlichkeit nach bereits beigetragen“, meint Urban. „Seit Herbst 2017 ist die PrEP zu erschwinglichen Preisen auf Privatrezept erhältlich, seit dem 1. September übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten. Die PrEP muss nun noch bekannter gemacht werden.“ Darüber hinaus fehlten in manchen Städten und Regionen abseits von Ballungsgebieten ärztliche Einrichtungen, die die PrEP verschreiben dürfen.

Testprogramme fortsetzen

Besondere Aufmerksamkeit fordere der fortgesetzte Anstieg von HIV-Infektionen bei Menschen, die intravenös Drogen konsumieren. Erfolgreiche Testprogramme für HIV und Hepatitis C müssten daher fortgesetzt und ausgebaut werden. „Neue Substanzen und Konsumformen erfordern eine intensive und differenzierte Ansprache in der Prävention. Und in Haftanstalten muss ein flächendeckender Zugang zu Substitutionstherapien und sauberen Spritzen gewährleistet werden“, so die DAH.

Außerdem erhielten HIV-positive Drogenkonsumenten häufig keine HIV-Therapie. Die Quote lag laut DRUCK-Studie des RKI (2016) nur bei 55 % (allgemein: 93 %). Hier herrsche dringender Handlungsbedarf. Dustin Grunert

1.
an der Heiden M, et al.: Schätzung der Zahl der HIV-Neuinfektionen und der Gesamtzahl von Menschen mit HIV in Deutschland, Stand Ende 2018. Epid Bull 2019; 46: 483–92 CrossRef
1.an der Heiden M, et al.: Schätzung der Zahl der HIV-Neuinfektionen und der Gesamtzahl von Menschen mit HIV in Deutschland, Stand Ende 2018. Epid Bull 2019; 46: 483–92 CrossRef

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