ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2019Strukturwandel im Gesundheitswesen: Der Wert des Wettbewerbs

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Strukturwandel im Gesundheitswesen: Der Wert des Wettbewerbs

Dtsch Arztebl 2019; 116(49): A-2273 / B-1865 / C-1813

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Die Generation „Babyboomer“ kommt in die Jahre. Bis heute bilden diese Geburtsjahrgänge aus den 1950er und frühen 1960er-Jahren den vorerst letzten Peak gesellschaftlicher Reproduktion – mit merklichen Folgen. Die Marburger-Bund-Vorsitzende Dr. med. Susanne Jona sprach kürzlich von einer Babyboomer-Ruhestandswelle, auf die sich die Gesellschaft vorbereiten muss.

Die Möglichkeiten der Medizin sind seit Geburt der „Boomer“ deutlich gewachsen. Gut für diese Generation, deren durchschnittliche Lebenserwartung in den vergangenen Jahrzehnten zwar prognostiziert, aber in ihren Auswirkungen kaum vorbereitet wurde. Die Gesundheitspolitiker der Jahrtausendwende, die angesichts solcher Perspektiven Angst vor den erwartbar deutlich steigenden Ausgaben hatten, suchten damals ihr Heil in der Implementierung von Wettbewerb und der Möglichkeit, durch zunehmende Privatisierung die aus der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge resultierenden Belastungen in der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge kleinzusparen.

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Heute ernten wir das, was damals gesät wurde. Die ärztliche wie pflegerische Versorgung leidet inzwischen an zum Teil drastischer Unterbesetzung. Immer mehr Kliniker berichten, dass die gesetzlichen Maßnahmen zur Vermeidung personeller Unterversorgung dazu führten, dass vorhandene OP-Kapazitäten mangels pflegerischen Personals inzwischen nicht mehr genutzt werden können.

Aber Konstrukte wie die fallpauschalenorientierte Vergütung zur ökonomischen Steuerung im stationären Sektor schaffte keineswegs geringere Ausgaben, sondern bewirkte eher eine Verlagerung von geschäftsorientierter oder auch durch Quersubventionierungen gesteuerter Organisation. Entlastend ist das nicht.

Und die niedergelassene Ärzteschaft, selbst zu einem nicht geringen Teil durch die Babyboomer-Generation besetzt, kämpft mit einem zunehmend reglementierten Alltag und sucht händeringend Nachfolger für ihre Praxen.

Auch die Hoffnung, dass solche wettbewerbsgetragenen Spargedanken dem System Kosten ersparen konnten, ist nicht eingetreten, wird zumindest von der Kommission der Europäischen Kommission (EU) nicht bestätigt. Sie bescheinigt unserem System in ihrem jüngst erschienenen Bericht „State of Health in the EU“ ein im europäischen Vergleich eher mäßiges Preis-Leistungs-Verhältnis: Deutsche Patienten bleiben länger im Krankenhaus, als es der EU-Durchschnitt ausweist, aber das System verschlingt in der EU vergleichsweise das meiste Geld. Insofern haben Privatisierung und Wettbewerb sich angesichts der gegenwärtigen Schwierigkeiten nicht gerade als wertvoll erwiesen.

Immerhin haben die Notlage und die daraus resultierenden intensiven Diskussionen in den letzten Jahren das bestehende Problem auch in der breiten Öffentlichkeit bewusst machen können. Heute präferierte Lösungsansätze sehen anders aus, arbeiten an einer Entkrampfung der inzwischen bedrohlichen Mangelsituation: Intersektorale Zusammenarbeit, höhere Ausbildungszahlen, Versuche, durch Rationalisierungsmaßnahmen Freiräume zu schaffen, gehören inzwischen zum Portfolio des Handelns. Sie brauchen aber viel Zeit, bis sie ihre Wirkung zeigen können. Die Talsohle ist noch nicht durchschritten – traurig, wenn man bedenkt, dass es um Menschenleben geht.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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