ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2019Porträt mit Dr. med. Kathrin Baumgartner, Kinderärztin und humanitäre Helferin: „Mir gefällt der Anspruch, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten“

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Porträt mit Dr. med. Kathrin Baumgartner, Kinderärztin und humanitäre Helferin: „Mir gefällt der Anspruch, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten“

Dtsch Arztebl 2019; 116(49): A-2296 / B-1882 / C-1829

Spielberg, Petra

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Kathrin Baumgartner war drei Jahre lang für die Hilfsorganisation Cap Anamur in den Nuba-Bergen im Sudan im Einsatz. Ihr Engagement, für das sie ausgezeichnet wurde, bezeichnet sie als bereichernd und wegweisend.

Nah an den Menschen: Kathrin Baumgartner ist die einzige Ärztin im Projekt und kümmert sich als Klinikleiterin auch um die Organisation des Krankenhauses. Foto: Jürgen Escher
Nah an den Menschen: Kathrin Baumgartner ist die einzige Ärztin im Projekt und kümmert sich als Klinikleiterin auch um die Organisation des Krankenhauses. Foto: Jürgen Escher

Dr. med. Kathrin Baumgartner ist eine dieser Ärztinnen und Ärzte, die ihren Beruf als Berufung sehen, getrieben von Neugier und dem Wunsch zu helfen, aber auch, um ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiterzugeben und möglichst nah am Menschen zu arbeiten. Die 36-Jährige gebürtige Österreicherin wusste bereits während ihres Medizinstudiums, dass sie als Fachärztin in Entwicklungs- und Schwellenländern arbeiten wollte. „Es hat mich schon immer gereizt, andere Kulturen und medizinische Systeme kennenzulernen und als Ärztin Menschen zu helfen, die nicht das Privileg haben, in einem wohlhabenden Land mit funktionierender Gesundheitsversorgung wie Deutschland oder Österreich geboren zu sein“, erklärt die Kinderärztin.

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Erste Auslandserfahrungen sammelte Baumgartner bereits als Famulantin in Indien in einer kleinen Krankenstation und später im Rahmen eines Studentenaustausches in einer großen Klinik in Kairo in Ägypten. Nach Abschluss ihrer pädiatrischen Facharztweiterbildung an der Universitätskinderklinik in Essen wagte sie schließlich den ganz großen Schritt in eine der abgelegensten Gegenden der Welt, die Nuba-Berge im Sudan.

Vom Bürgerkrieg gezeichnet

 Gut drei Jahre, von Dezember 2015 bis Februar 2019, hat die junge Ärztin in der seit über zwei Jahrzehnten vom Bürgerkrieg gezeichneten Region für die Hilfsorganisation Cap Anamur (siehe Kasten) gearbeitet und dafür eigens ihre Weiterbildung zur Kindernephrologin unterbrochen. Cap Anamur ist eine der wenigen Hilfsorganisationen vor Ort. Sie betreibt in den Nuba-Bergen seit 1997 ein kleines Krankenhaus mit 100 Betten und sechs Gesundheitsstationen, um die Versorgung der dort lebenden rund eine Million Menschen zu sichern.

Schon die Anreise in die extrem schwer zugängliche Region ist ein mehrtägiges Abenteuer. Denn die sudanesische Regierung lässt keine Unterstützung für die Bevölkerung zu. „Ich wusste dennoch sofort, dass das Projekt in den Nuba-Bergen von Cap Anamur das Richtige für mich ist: eine kleine Klinik auf dem Land, mit sehr engem Kontakt zur Bevölkerung“, sagt Baumgartner und ihr Tonfall lässt keinen Zweifel aufkommen. „Außerdem gefiel mir der Anspruch von Cap Anamur, für Menschen Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.“

Lokale Mitarbeiter schulen

Da durch den Bürgerkrieg sämtliche Strukturen in dem Land kollabiert sind, sowohl im Schul- und Bildungswesen als auch in der Gesundheitsversorgung, bestand ihre Mission darin, einerseits die Basisversorgung zu sichern, andererseits die lokalen Mitarbeiter der Nuba in medizinischer Hilfe zu schulen, auch, damit sie jederzeit selbstständig in der Lage sind, Patienten zu versorgen. Dass die politische Situation vor Ort äußerst brisant und sowohl für sie als Ärztin als auch für das gesamte Mitarbeiterteam mitunter sehr gefährlich sein könnte, habe sie sehr ernst genommen, meint Baumgartner. Es habe sie aber nicht daran gehindert, den Schritt ins Projekt zu wagen.

Zwar liegt das Krankenhaus weit entfernt von der Frontlinie. Die Felsformationen bieten zudem einen gewissen Schutz gegen Luftangriffe. In den ersten Monaten ihrer Tätigkeit in den Nuba-Bergen hat Baumgartner die kriegerischen Konflikte dennoch hautnah miterlebt. „Da sind Kampfbomber über uns gekreist. So ein Bombardement mitzuerleben, ist irgendwie surreal und sehr beängstigend. Mit dem Waffenstillstand Mitte 2016 wurde die Lage aber weniger bedrohlich“, berichtet Baumgartner.

Die Lebensbedingungen im Camp waren sehr spartanisch. „Man hat sich die Freizeit mit kleinen Dingen versüßt, mal ein Stück Schokolade, mal ein gutes Essen, mal ein Ausflug ins nächste Dorf. Aber viele Freizeitmöglichkeiten gab es nicht“, sagt Baumgartner. Sie habe sich von Anfang an dennoch sehr wohl gefühlt, nicht zuletzt, weil sie von den Mitarbeitern vor Ort sehr herzlich aufgenommen worden sei. Dank funktionierendem Internet sei zudem jederzeit eine Verbindung nach außen möglich gewesen. Trotz der Risiken und Einschränkungen habe sie den Einsatz auch nie bereut. Und so sind aus dem ursprünglich geplanten halben Jahr letztlich rund drei Jahre geworden.

200 Patienten am Tag

Obwohl Baumgartner Kinderärztin ist, war sie in den Nuba-Bergen die einzige Ärztin im Projekt und für alle medizinischen Probleme zuständig. Ihr Arbeitstag begann in der Regel in den frühen Morgenstunden und dauerte manchmal bis in den späten Abend. „Umso wichtiger war es, sich aktiv Freiräume beziehungsweise Rückzugsorte zu schaffen. Falls es mir im Camp mal zu eng wurde, bin ich auf den nächsten Hügel geklettert. Dies schuf immer einen anderen Blickwinkel auf sämtliche Probleme“, erinnert sich die junge Ärztin.

Pro Tag haben etwa 200 Patientinnen und Patienten das Krankenhaus aufgesucht, darunter viele Schwangere und Kinder. „Einige kamen aus der unmittelbaren Umgebung. Andere nahmen aber auch stunden- oder tagelange Fußmärsche in Kauf, um zu der Einrichtung zu gelangen“, berichtet Baumgartner. Zusammen mit den sechs Gesundheitsposten, die weitgehend selbstständig von Einheimischen betreut werden, die eine medizinische Grundausbildung haben, hatten monatlich etwa 25 000 Menschen Zugang zu medizinischer Hilfe.

Nachschub nur zweimal im Jahr

„Die Krankheitsbilder sind zumeist ganz andere, als die, die wir von hier kennen“, sagt Baumgartner, die sich im Vorfeld ihres Einsatzes tropenmedizinisch fortgebildet hat. Am häufigsten seien Malaria und Infektionen aller Art, wie Durchfallerkrankungen, Lungenentzündungen, sexuell übertragbare Erkrankungen oder Hautabszesse aufgrund schlechter Ernährung oder mangelnder Hygiene. Aber auch Tetanus und Tollwut habe sie gesehen. Hinzu kämen Kriegsverletzungen. Während Baumgartner sich vor allem um die tropenmedizinische und internistische Basisversorgung der Patientinnen und Patienten gekümmert hat, war ein chirurgisch geschulter nicht-ärztlicher Nuba-Mitarbeiter für Operationen, wie Amputationen und Kaiserschnitte, zuständig. Aber auch hier war sie zeitweilig zugegen.

Zu Baumgartners Aufgaben als Klinikleiterin wiederum gehörte es, sich um die Schulung der Mitarbeiter und die Organisation des Krankenhauses zu kümmern, einschließlich der Beschaffung von Medikamenten und Equipment, die lediglich zweimal jährlich, vor und nach der Regenzeit geliefert werden konnten. „Engpässe hat es dank der langjährigen Projekterfahrung in der Regel aber keine gegeben,“ sagt Baumgartner. Auch an elektrischem Strom für die Operationen und Untersuchungen habe es nicht gemangelt. Denn diesen liefern aus Spendenmitteln von Cap Anamur finanzierte moderne Photovoltaikanlagen und ein Generator, sodass eine Versorgung selbst während der Regenzeit grundsätzlich gewährleistet war.

Blick über den Tellerrand

Ihre Arbeit in den Nuba-Bergen sei eine große Herausforderung gewesen, die sie zugleich als bereichernd und wegweisend für ihr Leben empfunden habe, betont Baumgartner. „Ich kann es nur allen Kolleginnen und Kollegen empfehlen, den Blick über den Tellerrand hinaus zu wagen und sich für einen humanitären Hilfseinsatz zu entscheiden“, lautet ihr Appell. Für ihr Engagement wurde Baumgartner vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte mit dem Förderpreis „Pädiater für Kinder in Krisenregionen“ ausgezeichnet. Seit Juni dieses Jahres arbeitet sie wieder in Deutschland, in der Abteilung für Kinderheilkunde des St. Vinzenz-Hospitals in Dinslaken. Zwischenzeitlich war sie aber auch schon wieder im Ausland unterwegs. Der Sudan wird zudem nicht ihr einziger und letzter längerer Einsatz für Cap Anamur gewesen sein. „Wenn ich meine Spezialisierung als Kindernephrologin abgeschlossen habe, möchte ich mit diesem Wissen gerne erneut in Schwellenländern arbeiten“, skizziert sie ihre Pläne für die Zukunft. Petra Spielberg

Cap Anamur

Der 1979 von Christel und Rupert Neudeck ins Leben gerufene gemeinnützige Verein Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte (www.cap-anamur.org) ist weltweit in der humanitären Hilfe aktiv, darunter auch in Kriegs- und Krisengebieten. Sitz des Vereins ist Köln. Fokus der durch ehrenamtliche Helfer geleisteten Unterstützung sind die medizinische Versorgung und der Zugang zu Bildung, durch zum Beispiel die Instandsetzung und den Aufbau von Krankenhäusern und Schulen, die Aus- und Weiterbildung einheimischer Mitarbeiter sowie die Bereitstellung von Baumaterialien, Hilfsgütern und Medikamenten. Dabei gelten die Prinzipien Nachhaltigkeit und Hilfe zur Selbsthilfe. Finanziert werden die Projekte ausschließlich durch private Spenden. Zurzeit betreut Cap Anamur unter anderen Projekte in Sierra Leone sowie in Syrien und Afghanistan.

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