ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2000Weltgipfel gegen Krebs: „Zeitbombe des Alterns“

POLITIK: Leitartikel

Weltgipfel gegen Krebs: „Zeitbombe des Alterns“

Dtsch Arztebl 2000; 97(6): A-291 / B-230 / C-217

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Die Zahl der Krebserkrankungen wird - vor allem in Entwicklungsländern - deutlich ansteigen. In der "Charta von Paris" verpflichten sich Wissenschaftler, Mediziner, Patienten und Politiker, den Kampf gegen Krebs zu verstärken.


Derzeit erkranken weltweit jährlich neun Millionen Menschen an Krebs, und fünf Millionen sterben daran. Bis zum Jahr 2020 wird die Zahl der Erkrankten nach Schätzung der WHO auf jährlich 20 Millionen ansteigen. Dabei werden 70 Prozent der Betroffenen in Ländern leben, die gegen diese Erkrankungswelle weder medizinisch noch ökonomisch gewappnet sind. Der Grund für den rasanten Anstieg der Krebsmorbidität ist in der deutlichen Zunahme der Lebenserwartung zu sehen. "Die Zeitbombe des Alterns tickt", sagte Prof. Mati Aapro (Schweiz) auf dem Weltgipfel gegen Krebs in Paris. Aber auch der steigende Tabakkonsum, Infektionen sowie Veränderungen des Lebensstils hinsichtlich Ernährung und Sexualität fordern ihren gesundheitlichen Preis. Es sind eben diese beeinflussbaren Faktoren, die nach Ansicht der Experten rund 40 Prozent der Krebserkrankungen vermeiden ließen. "Doch zwischen dem, was wir über Präventionsmöglichkeiten von Krebs wissen und was wir tatsächlich tun, liegt eine große Kluft", erklärte Prof. Richard Klausner, Direktor des US-National Cancer Institute.
"Der Kampf gegen Krebs kann nur gewonnen werden, wenn Politiker, Industrie, die wissenschaftliche Gemeinde und Patienten partnerschaftlich zusammenarbeiten", sagte Prof. David Khayat (Paris). Aus diesem Grunde trafen sich in Paris internationale Krebsforscher, Politiker, Gesundheitsexperten und Patienten, um sich in einer gemeinsamen Erklärung - der Charta von Paris - zu verpflichten, Krebs als globales Gesundheitsproblem zu bekämpfen. Die Schwerpunkte der zukünftigen Arbeit wurden in zehn Artikeln festgelegt (Kasten), die nicht nur medizinische, sondern auch humanitäre Aspekte beinhalten. Ziel der Charta ist es, für jedes Land - abgestimmt auf seine finanziellen Ressourcen und kulturellen Hintergründe - Standards der Krebsbekämpfung zu definieren und zu implementieren. Wie Prof. John Mendelsson (Präsident des Anderson Cancer Center, Texas) berichtete, wird zu jedem Artikel eine Arbeitsgruppe gebildet, die der internationalen Krebsgemeinde jährlich über ihre Fortschritte berichten soll. Den Beauftragten stehen gewaltige Aufgaben bevor, wenn sie ihre Vorgaben erreichen wollen. Denn die Behandlungsstrategien der etwa 200 verschiedenen Krebserkrankungen unterscheiden sich nicht nur von Land zu Land, sondern häufig auch von Region zu Region - zumal in den meisten Ländern noch keine Therapieleitlinien erarbeitet beziehungsweise festgelegt worden sind. Schmerztherapie und Palliativmedizin, in Entwicklungsländern weitgehend unbekannt, sind auch in einigen Industrienationen noch nicht fest verankert. So erhalten 25 Prozent der älteren Krebspatienten in amerikanischen Heimen keine Analgetika.
Aber auch kulturelle Hürden müssen überwunden werden, wenn der globale Kampf gegen den Krebs erfolgreich sein soll. In Japan ist es beispielsweise tabu, die "zweite Meinung" eines Arztes einzuholen. Und in vielen islamischen Staaten werden Krebserkrankungen bei Frauen viel zu spät erkannt, da Vorsorgeuntersuchungen in der Regel von Ärzten durchgeführt werden. Wenig Hoffnung machten sich die Gipfelteilnehmer, dass in den kommenden Jahren mehr Gelder als bisher für die Krebsbekämpfung zur Verfügung stehen werden. Man betonte daher ausdrücklich, dass die vorhandenen Ressourcen besser genutzt werden müssten. Für Prof. Harald zur Hausen (Deutsches Krebsforschungszentrum) wäre es wünschenswert, wenn durch die Charta das Bewusstsein der Bedeutung von Krebserkrankungen geschärft und weniger Krebskranke ausgegrenzt würden: "Es wurde deutlich zum Ausdruck gebracht, welcher Handlungsbedarf hier noch besteht." Bleibt zu hoffen, dass die in Paris unterzeichnete Absichtserklärung mit Leben gefüllt werden kann. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

Die "Charta von Paris gegen Krebs" behandelt die Themen:
1) Patientenrechte
2) Stigma Krebs überwinden
3) Prioritäten in der Forschung
4) Qualitätssicherung
5) Prävention
6) Früherkennung
7) Patienten als aktive Partner 8) Lebensqualität der Patienten
9) Entwicklung neuer Strategien 10) Globale Netzwerkbildung

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