ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2019Berühmte Entdecker von Krankheiten: Creutzfeldt und Jakob waren beide einem Rätsel auf der Spur

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Creutzfeldt und Jakob waren beide einem Rätsel auf der Spur

Dtsch Arztebl 2019; 116(49): [60]

Schuchart, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Unabhängig voneinander beschrieben die beiden Neurologen Anfang der 1920er-Jahre ein grausames Gehirnleiden, für das es bis heute keine Therapie gibt. In aller Munde ist der Name der Forscher aber erst, seit die degenerative Krankheit 1996 durch BSE Aufsehen erregte.

Eine Enzephalopathie mit schwammartiger Auflösung des Hirngewebes wurde bereits 1732 in Großbritannien dokumentiert: Tausende Schafe waren damals an Scrapie erkrankt. Doch bis zu der Erkenntnis, dass sogenannte spongiforme ZNS-Degenerationen auch beim Menschen auftreten können, war es noch ein langer Weg. Erst als Anfang der 1920er-Jahre die Nervenärzte Hans Gerhard Creutzfeldt und Alfons Maria Jakob, der eine in Breslau, der andere in Hamburg, mysteriöse neurologische Symptome bei Patienten und – nach deren Tod – eine „eigenartige, herdförmige Erkrankung des Zentralnervensystems“ fanden, vermuteten sie zu Recht eine neue unbekannte Krankheit.

Creutzfeldt hatte 1913 eine junge Frau an der von Alois Alzheimer geleiteten Breslauer Universitätsnervenklinik behandelt, die unter Sprachstörungen, Verwirrtheit und Muskelzuckungen litt und kurz darauf starb. Als er seine Erkenntnisse publizieren wollte, brach der Erste Weltkrieg aus, er wurde eingezogen. Erst 1920 und 1921 veröffentlichte er seine Resultate – kurz vor seinem Kollegen Jakob, dem ähnliche Symptome an Patienten aufgefallen waren. 1920 stellte dieser drei Fälle „präseniler Demenz“ und deren klinische und hirnanatomische Besonderheiten auf dem Deutschen Neurologenkongress in Leipzig vor, gefolgt von detaillierten Veröffentlichungen, in denen er ausführte, dass es sich um eine übertragbare spongiforme Enzephalopathie des Menschen handele. In der Folge setzten sich die Namen der zwei Ärzte für die ZNS-Erkrankung durch.

Anzeige

Hans Gerhard Creutzfeldt wurde 1885 in Hamburg in eine Arztfamilie geboren. Nach seiner Promotion bereiste er einige Jahre als Schiffsarzt den Pazifischen Ozean. Erst danach begann er 1912 eine neurologische und neuropathologische Ausbildung in Breslau, München und Berlin. 1920 habilitierte er sich in Kiel, er war Assistenzarzt an der dortigen Psychiatrischen und Nervenklinik unter Ernst Siemerling. Danach ging er als Chef des hirn-anatomischen Labors an die Berliner Charité zu Karl Bonhoeffer. Von 1938 bis 1953 übernahm er in Kiel als Professor für Psychiatrie und Neurologie die Leitung der Universitätsklinik, 1945 wurde er erster Rektor der Universität Kiel. Er starb mit 80 Jahren. Creutzfeldt galt als exzellenter Hirnforscher und Mitbegründer einer anatomisch fundierten Psychiatrie. Umstritten war sein Verhalten in der NS-Zeit: Als Arzt und Gutachter war er Bestandteil des Systems, andererseits rettete er in dieser Funktion auch Menschen vor der KZ-Haft.

Alfons Maria Jakob, der knapp ein Jahr vor Creutzfeldt in Aschaffenburg als Sohn eines Ladenbesitzers geboren wurde, erlebte diese dunkle Zeit nicht mehr. 1924 zog er sich eine Oberschenkel-Osteomyelitis mit anschließender Abszessbildung zu, 1931 starb er mit nur 47 Jahren nach einem paralytischen Ileus. Trotz seiner kurzen Karriere machte sich der in München, Berlin und Straßburg ausgebildete Psychiater und Neuropathologe durch seine innovativen Arbeiten zu Krankheiten wie Multipler Sklerose, Neurosyphilis und Friedreich-Ataxie auch international einen Namen. Er verfasste fünf Monografien und circa 150 Fachartikel. 1924 wurde er zum Professor für Neurologie in Hamburg berufen. Wegen seiner wegweisenden, mit Creutzfeldt im Grunde zeitgleichen Einsichten hätte das Eponym auch umgekehrt heißen können: Jakob-Creutzfeldt-Erkrankung. Sabine Schuchart

1922 erhält eine geheimnisvolle neue Krankheit den Namen ihrer beiden Entdecker Hans Gerhard Creutzfeldt (1885–1964, linkes Bild) und Alfons Maria Jakob (1884–1931). Der deutsche Neuropathologe Walther Spielmeyer führte das Eponym ein. Bei der CJD handelt es sich um eine letal verlaufende Erkrankung des Zentralnervensystems mit fortschreitender Demenz, motorischen Störungen und Ataxie. Das seltene Leiden kann spontan (sporadisch), genetisch bedingt sowie durch Übertragung auftreten. Infektiöse Eiweiße, sogenannte Prionen, nicht Viren, wie man lange dachte, spielen dabei eine zentrale Rolle. So auch bei der 1996 erstmals beschriebenen CJD-Variante, der menschlichen Form der Rinderseuche BSE. Für Creutzfeldt und Jakob sollte die Ursache der degenerativen Krankheit zeitlebens ein Rätsel bleiben – und selbst heute ist deren Pathomechanismus nicht eindeutig geklärt.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema