ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2000Vernetzte Praxen/Qualitätsgemeinschaft Ried: Erfolgreiche Startphase

POLITIK: Aktuell

Vernetzte Praxen/Qualitätsgemeinschaft Ried: Erfolgreiche Startphase

Dtsch Arztebl 2000; 97(6): A-294 / B-233 / C-220

Clade, Harald

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LNSLNS Eine erste positive Zwischenbilanz hat die im April 1997 in Riedstadt in Südhessen gestartete "Ärztliche Qualitätsgemeinschaft Ried" vorgelegt. Über die Erfahrungen wurde bei einem Frankfurter Expertenforum berichtet.


Die rund 43 000 Einwohner im Gebiet von Riedstadt und Umgebung werden seit April 1997 von einer in der Ärztlichen Qualitätsgemeinschaft Ried zusammengeschlossenen Gruppe von niedergelassenen Ärzten versorgt, ohne dass dies den meisten Patienten bewusst ist und sie darüber informiert wären. Die Initiatoren - die Kassenärztliche Vereinigung Hessen, Frankfurt/Main, und die Ersatzkassenverbände in Hessen - hegen und pflegen dieses sich gut entwickelnde Pflänzchen. Über ermutigende Ergebnisse hinsichtlich der Qualität und der Zufriedenheit der Patienten und Ärzte wurde Ende vergangenen Jahres bei einem Experten-Forum berichtet. Die Daten belegen: Die Netzärzte haben seit Start des Modells ihre Arbeitsweise umgestellt. Die Ersatzkassen als Startfinanziers haben insbesondere bei den Arzneimittelverordnungen und bei den Krankenhauseinweisungen Ausgaben gespart. Vom Netzvertrag profitiert auch die Ortskrankenkasse Hessen, obwohl diese nicht in die vertraglichen Abmachungen einbezogen ist.
Zuspruch der Patienten
Ersatzkassen-Sprecher Dr. Werner Gerdelmann vom Verband der Angestellten-Krankenkassen und dem Arbeiter-Ersatzkassen-Verband in Siegburg bestätigte dies: Die Qualität in der ambulanten Versorgung wurde verbessert; gleichzeitig wurden Wirtschaftlichkeitspotenziale erschlossen. Die Ergebnisse, die inzwischen auch in einem aufschlussreichen Erfahrungsbericht "Ein Praxisnetz erfolgreich gestalten" (herausgegeben von AQUA Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH) veröffentlicht wurden, stellen fest:
- Die hessischen Ersatzkassenverbände steuerten in den Startjahren 1997 und 1998 für die Ärztliche Qualitätsgemeinschaft Ried (ÄQR) 600 000 DM als Starthilfe bei. In den ersten beiden Jahren seit Beginn der Netzarztgemeinschaft wurden bei den Arzneimitteln gegenüber einer Kontrollgruppe von den 23 am Netz teilnehmenden Haus- und 16 Fachärzten 860 000 DM eingespart. Dies entspricht einem Brutto-Sparbetrag in Höhe von rund 15 900 DM je Praxis und Jahr. Demnach haben die Ersatzkassen per saldo in den beiden Startjahren rund 260 000 DM Ausgaben gespart.
Das Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen, Göttingen, das mit der Auswertung des Modellversuchs befasst ist, stellte eine fast unveränderte Patientenakzeptanz und Zufriedenheit mit der Versorgung fest. 1997 waren 93 Prozent der Versicherten mit der hausärztlichen Versorgung zufrieden. Zwei Jahre nach Beginn des Netzwerks waren es ebenso viele. Die Patienten, die von Netzärzten versorgt werden, bestätigten positive Veränderungen in den beiden vergangenen Jahren, vor allem was die Behandlungsintensität und die Koordination der Behandlungsmaßnahmen durch die Netzärzte betrifft. Mehr als 40 Prozent der Patienten gaben an, die Versorgung der Diabetiker sei inzwischen besser geworden. Jeder dritte Patient fand die Versorgung durch den hausärztlichen Pflegedienst besser als vor 1997. Die Netzärzte führen dies auf die intensivierte Zusammenarbeit mit den professionellen Pflegediensten zurück.
- Viele Patienten lassen sich von den Ärzten innerhalb der Qualitätsgemeinschaft versorgen, ohne zu wissen, dass der behandelnde Arzt dem Netz angehört. Rund 20 Prozent der Patienten in Riedstadt und Umgebung gaben an, schon einmal etwas von der Ärztlichen Qualitätsgemeinschaft Ried gehört zu haben.
- Ob auch die Krankenhauskosten durch das Qualitätsnetz in Ried gedrosselt werden konnten, kann noch nicht schlüssig nachgewiesen werden. Grund: Die Daten laufen mit allzu großer zeitlicher Verzögerung ein. Immerhin gibt es einen Anhaltspunkt, der auch hier Effizienzsteigerungen bestätigt. Im dritten Quartal 1998 hat die Zahl der Krankenhauseinweisungen gegenüber dem dritten Quartal 1997 um rund zehn Prozent abgenommen. Dies ist eine Tendenz, die mit der allgemeinen Entwicklung im Bundesgebiet kontrastiert. Bundesweit ist die Krankenhauseinweisungshäufigkeit in den letzten Jahren wieder stärker gestiegen. Andererseits muss beachtet werden, dass sich die stationäre Behandlung und die Pharmakotherapie gegenseitig beeinflussen. Verkürzungen der Liegedauer können zu einer zusätzlichen Belastung der Pharmakotherapie führen. Diese finanziellen Wechselwirkungen müssen noch untersucht werden.
- Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen hebt hervor: Die Installation von Netzstrukturen und Qualitätsverbesserungen dürfen nicht allein unter Kostenspareffekten gesehen werden. Vielfach sind integrierende Versorgungsstrukturen, die die Praxisnetze bewirken, auch mit höheren Ausgaben der Krankenkassen verbunden. Entsprechend sollten die Qualitätsverbesserung und der Verbrauch finanzieller Ressourcen sowie die Einspareffekte getrennt bewertet werden, so der Kommentar von Dr. med. Hans-Friedrich Spies, Internist aus Frankfurt/Main, stellvertretender Vorsitzender der KV Hessen.
- Die Krankenhauseinweisungen sind bei einer retrospektiven Überprüfung durch eine ärztliche Zweitmeinung zu 98,2 Prozent notwendig gewesen. Nur 1,8 Prozent der Einweisungen wurden retrospektiv als "vermeidbar" bewertet.
- Die KV Hessen legt Wert darauf, am Netzvertrag im Ried beteiligt zu sein. Die Kassenärztliche Vereinigung müsse den Sicherstellungsauftrag auch im Hinblick auf die Netzärzte zu hundert Prozent übernehmen. Ein Praxisnetz dürfe nicht dazu eingespannt werden, um Einkaufsmodelle durchzusetzen und einen ruinösen Preiskampf mit den Leistungserbringern zu entfachen. Praxisnetze dürften nicht als eine Art Mini-KV außerhalb der bisherigen vertraglichen Rahmenbedingungen betrieben werden. Dr. Harald Clade


Quelle: Ein Praxisnetz erfolgreich gestalten. Erfahrungen und Ergebnisse aus zwei Jahren "Ärztliche Qualitätsgemeinschaft Ried". Herausgegeben von Joachim Szecsenyi, Klaus Magdeburg, Brigitte Kluthe, Christoph Weber, Jürgen Bausch und Hubert Schindler. Die Ärztliche Qualitätsgemeinschaft Ried wird getragen von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, Frankfurt/Main, und vom Verband der AngestelltenKrankenkassen e.V. (VdAK) und AEV - Arbeiter-Ersatzkassen-Verband e.V., Landesvertretung Hessen. Das Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH (AQUA), Hospitalstraße 27, 37073 Göttingen, ist mit der wissenschaftlichen Begleitung und Evaluation beauftragt. Das Gutachten kostet 49,90 DM (einschließlich 7 % MwSt.)

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