ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2019Systemische Therapie: Endlich drin im Ambulanten

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Systemische Therapie: Endlich drin im Ambulanten

PP 18, Ausgabe Dezember 2019, Seite 529

Bühring, Petra

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Mehr als elf Jahre hat es nun gedauert, bis die Systemische Therapie ihren verdienten Weg in die ambulante Versorgung psychisch kranker Erwachsener gefunden hat: von der Anerkennung des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie im Jahre 2008 bis zur jetzigen Aufnahme in die Psychotherapie-Richtlinie durch den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) mit Beschluss vom 22. November. Nun muss nur noch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium nach rechtlicher Prüfung zustimmen und der Bewertungsausschuss über die Höhe der Vergütung entscheiden. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) rechnet damit, dass das vierte Richtlinien-Verfahren den Patienten ab Juli 2020 endlich auch in der ambulanten Psychotherapie zur Verfügung stehen wird – im Krankenhaus und in der Beratung wird die Systemische Therapie (ST) ja schon lange angeboten. Auch deshalb ist es nicht nachvollziehbar, warum das Prozedere so lange dauern musste. Sozialrechtlich anerkannt ist das Therapieverfahren, dass die Familie oder den Lebenspartner in die Behandlung eines psychisch Kranken mit einbezieht, aber auch jetzt ausschließlich für Erwachsene.

Die Vorsitzende des Unterausschusses Psychotherapie des G-BA, Monika Lelgemann, kündigte immerhin an, dass derzeit ein Antrag auf Nutzenbewertung für den Einsatz des Verfahrens bei Kindern und Jugendlichen vorbereitet werde. Zur Erinnerung: 2013 hat der G-BA das Bewertungsverfahren für die ST bei Erwachsenen eröffnet. 2014 wurde das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) beauftragt, eine Nutzenbewertung als Grundlage für die endgültige G-BA-Entscheidung zu erstellen. Der Abschlussbericht des IQWIG lag im Juli 2017 vor. Vor einem Jahr hatte der G-BA den Nutzen der ST bei Erwachsenen anerkannt. Danach wirkt das Verfahren bei Erwachsenen insbesondere bei Angst- und Zwangsstörungen, bei unipolarer Depression, Schizophrenie, Substanzkonsumstörungen und Essstörungen.

Die Systemische Gesellschaft (SG) und die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) sprechen von „einer sehr guten Evidenzlage“ bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit dem Verfahren. Die BPtK erwartet, dass der G-BA die ST nun auch sehr schnell für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen zulässt. Es wäre in der Tat unverständlich, wenn die sozialrechtliche Anerkennung wieder Jahre dauern würde.

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Mit den Änderungen in der Psychotherapie-Richtlinie hat der G-BA nun entschieden, dass Psychotherapeuten die Systemische Therapie spezifisch im „Mehrpersonensetting“ anwenden können. Relevante Bezugspersonen des Patienten können so mit in die Behandlung einbezogen werden. Dies kann auch mit der Anwendung in einer Einzel- oder Gruppentherapie kombiniert werden. Die ST für Erwachsene kann als Kurzzeittherapie mit zweimal zwölf Stunden angeboten werden; als Langzeittherapie kann sie bis zu 48 Stunden dauern.

Die DGSF und die SG rechnen mit 300 bis 500 Psychologischen Psychotherapeuten, die ab Juli 2020 die Voraussetzungen für die Behandlung mit ST erfüllen werden. Hinzu kommen nach Einschätzung der Verbände rund 400 ärztliche Psychotherapeuten. In ein paar Jahren dürften es deutlich mehr sein, denn die Ausbildungsinstitute werden gerade sehr stark nachgefragt.

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