ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/201935. Deutscher Psychotherapeutentag: „Unser Berufsstand ist jetzt deutlich stärker aufgestellt“

POLITIK

35. Deutscher Psychotherapeutentag: „Unser Berufsstand ist jetzt deutlich stärker aufgestellt“

PP 18, Ausgabe Dezember 2019, Seite 535

Bühring, Petra

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Die Delegierten zeigten sich erleichtert, dass die Reform der Ausbildung endlich beschlossen ist, wenngleich nicht alle Forderungen erfüllt wurden. Die nächste Herausforderung ist die Erstellung einer Musterweiterbildungsordnung. Auch der Klimaschutz war eines der Themen in Berlin.

Die Delegierten stimmten dafür, die psychotherapeutischen Herausforderungen der Klimakrise in den Blick zu nehmen. Fotos: BPtK
Die Delegierten stimmten dafür, die psychotherapeutischen Herausforderungen der Klimakrise in den Blick zu nehmen. Fotos: BPtK

Wir sind seit 50 Jahren vor den Folgen des Klimawandels gewarnt – und wir haben nur eine Welt“, erklärte Dr. rer. nat. Dietrich Munz, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) gleich zu Beginn des 35. Deutschen Psychotherapeutentags (DPT) am 15. November in Berlin. Es mangele nicht an Konzepten zum Klimaschutz, allein die politische Umsetzung gestalte sich schwierig. Zudem dürfe die ökologische Frage nicht in Konkurrenz zur ökonomischen Frage gelöst werden, forderte Munz. So müssten beispielsweise Mieten trotz energetischer Sanierung von Wohnungen immer noch bezahlbar bleiben. „Als Bundes­psycho­therapeuten­kammer können wir uns nicht zu der Bewegung Fridays for Future positionieren. Seine Haltung dazu muss jede Psychotherapeutin, jeder Psychotherapeut für sich selbst klären. Doch die direkten und indirekten Folgen des Klimawandels für die Menschen gehören schon zu unseren Aufgaben als Kammer“, erklärte Munz. Deshalb habe sich der Vorstand entschieden, der Bewegung „Psychologists/psychotherapists for Future“ (Psy4F) Gelegenheit zu geben, ihre Positionen den Delegierten vorzustellen.

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„Psychotherapie ist nicht vorstellbar in einer Gesellschaft, die die Rechte des Einzelnen nicht garantieren kann“, sagte Dietrich Munz, Präsident der BPtK.
„Psychotherapie ist nicht vorstellbar in einer Gesellschaft, die die Rechte des Einzelnen nicht garantieren kann“, sagte Dietrich Munz, Präsident der BPtK.

Nichthandeln als Problem

Diese Aufgabe übernahm Mareike Schulze, Psychotherapeutin aus Rheinland-Pfalz, die zusammen mit der Psychotherapeutin Lea Dohm vor rund sechs Monaten die Bewegung Psy4F ins Leben gerufen hat (siehe Interview in PP, Heft 9/2019). „Die Klimakrise hat nicht nur Auswirkungen auf die körperliche, sondern auch auf die psychische Gesundheit: Aufgrund der Bedrohung nehmen Ängste, Depressionen, Stress, Posttraumatische Belastungsstörungen, aber auch Pretraumatische Belastungen zu“, erklärte Schulze. Die sozialen Folgen des Klimawandels seien vor allem für arme und alte Menschen sowie für Kinder spürbar. Trotzdem unternähmen viele Menschen nichts, um der Klimakatastrophe entgegenzuwirken. „Es ist auch ein psychologisches Problem, dass so viele Menschen nicht handeln“, sagte Schulze. Mit der Unterstützung von Psychologists/Psychotherapists for Future könne jeder Einzelne etwas für den Klimaschutz tun: 4 200 Kollegen haben den Aufruf der Bewegung nach Angaben von Schulze bereits unterschrieben. „Wir demonstrieren, mobilisieren und unterstützen belastete Kollegen“, berichtete die Aktivistin. „Und wir finden, es ist eine berufsethische Verpflichtung, mit der Klimakrise umzugehen. Wir sollten uns als Berufsstand überlegen, was wir tun können.“ Die Delegierten des 35. DPT riefen in einer Resolution zu Klimaschutz und nachhaltigem Handeln auf (Kasten).

Darüber hinaus wurde ein Antrag an den Vorstand verabschiedet, eine „langfristig angelegte Nachhaltigkeitsstrategie“ für die BPtK zu erarbeiten. Das Prinzip der Nachhaltigkeit solle sich im konkreten Handeln der BPtK-Geschäftsstelle, in der Vorstands- und Gremienarbeit sowie in der Entschädigungs- und Reisekostenordnung niederschlagen. Zudem solle eine Beteiligung der Kammer an der gesellschaftlichen Debatte und eine Kooperation mit anderen Akteuren geprüft werden. Auf dem nächsten DPT sollen hierzu Eckpunkte vorgestellt werden.

Antisemitismus und Rassismus

Der Kammerpräsident griff in seinem Vorstandsbericht ein weiteres gesellschaftspolitisches Problem auf: den zunehmenden Rassismus und Antisemitismus. „Jüdische Menschen werden in Deutschland angegriffen, Muslime werden diskreditiert – das ist der Anfang vom Ende einer zivilen Gesellschaft“, sagte Munz. Psychotherapie sei nicht vorstellbar in einer Gesellschaft, die die Rechte des Einzelnen nicht garantieren kann – und auch deshalb müsse sich die Psychotherapeutenschaft mit der gefährlichen Entwicklung befassen. Diskriminierung von psychisch kranken Flüchtlingen müsse entschieden entgegengetreten werden. In einer Anfrage an die Bundesregierung (Drucksache 19/14807) vom 6. November fragte die AfD unter anderem nach psychisch kranken Straftätern, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen, und die Anzahl ihrer Straftaten. „Worte können wie kleine Arsendosen wirken“, betonte Munz, und: „Wir sollten den Ernst der Lage nicht unterschätzen: erst wird gesagt, und dann wird getan.“

Anschließend nahm der BPtK-Präsident in seinem Vorstandsbericht einen sensiblen Punkt aus dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), das der Bundestag am 7. November beschlossen hat, unter die Lupe. Ärzten und Psychotherapeuten wird mit dem Gesetz ermöglicht, ihren Patienten digitale Gesundheitsanwendungen auf Kosten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung zu verordnen (siehe auch Seite 539). Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) soll dabei ein Verzeichnis mit digitalen Gesundheitsanwendungen aufbauen, die einen medizinischen Nutzen haben. „Wir fordern, dass deren Wirksamkeit durch wissenschaftliche Studien belegt wird“, sagte Munz. Wirksame Gesundheits-Apps könnten Behandlungserfolge hervorrufen, wenn sie therapiebegleitend eingesetzt würden. Die Apps seien aber kein Ersatz für eine indizierte Behandlung. Die BPtK wehre sich darüber hinaus gegen die Bestrebungen von Krankenkassen, ihren Versicherten bestimmte Apps zu empfehlen. Für die Kassen ständen Kosteneinsparungen im Vordergrund. Aber auch gute Apps könnten schaden, wenn sie nicht für den Patienten indiziert seien. Die Behandlungshoheit müsse deshalb beim Psychotherapeuten liegen. „Wir müssen versuchen zu verhindern, dass es ein zweites digitales Versorgungsangebot der Kassen gibt“, forderte der BPtK-Präsident. In der Aussprache zu diesem Thema sagte Rudi Bittner, Delegierter aus Bayern: „Ich werde keine Verantwortung dafür übernehmen können, wenn ungeprüfte Apps verschrieben werden.“ Prof. Dr. phil. Rainer Richter, Hamburg, wies darauf hin, dass es bislang keine Studie zu den möglichen Nebenwirkungen von Gesundheits-Apps gebe. „Dafür könnten Gelder aus dem Innovationsfonds eruiert werden. Wir sollten uns hier engagieren“, appellierte er an die Psychotherapeuten.

Mareike Schulze (links) stellte die Bewegung Psychotherapists for Future vor. Barbara Lubisch (rechts) berichtete von Reaktionen zur Ausbildungsreform aus der KBV.
Mareike Schulze (links) stellte die Bewegung Psychotherapists for Future vor. Barbara Lubisch (rechts) berichtete von Reaktionen zur Ausbildungsreform aus der KBV.

Approbationsordnung liegt vor

Das nächste große Thema, mit dem sich BPtK-Präsident Munz im Bericht des Vorstands befasste, war die Reform der Ausbildung. Der Bundesrat hat das Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz, mit dem ab Herbst 2020 ein Direktstudium der Psychotherapie mit Approbation und anschließender Weiterbildung eingeführt wird, am 8. November endgültig beschlossen. „Vor fünf Jahren beim 25. DPT haben wir nach intensiven Diskussionen eine Grundsatzentscheidung für die Direktausbildung getroffen“, erinnerte Munz. „Die Reform hat uns viel abgerungen, wir haben viel gestritten und uns immer wieder geeinigt. Aber die Anstrengungen waren für uns auch gemeinschaftsbildend, denn nach außen hin konnten wir geschlossen auftreten. Wir haben viel erreicht und darauf können wir stolz sein.“ Barbara Lubisch, Delegierte aus Nordrhein-Westfalen, ergänzte: „Unser Berufsstand ist jetzt deutlich stärker aufgestellt. Wir sind viel mehr auf Augenhöhe mit den Ärzten. In der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und in den Ländervereinigungen schlägt uns viel Anerkennung dafür entgegen,“ berichtete die Erste stellvertretende Vorsitzende der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung.

Bei aller Kritik an einzelnen Details, sei die Reform gut für die Profession. „Wir bekommen mehr Gestaltungsspielraum für unseren Beruf und können die Weichen selber stellen“, betonte Munz. Auch Rehabilitation, Prävention, gutachterliche Funktionen, Organisations- und Leitungsaufgaben gehörten künftig zu den Kompetenzen eines Psychotherapeuten. Den Referentenentwurf für eine Approbationsordnung, den das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium am 17. Oktober vorgelegt hat, bezeichnete Munz als „grundsätzlich positiv“. Wenngleich in einzelnen Punkten noch Verbesserungen notwendig seien, „bildet sie unser Kompetenzprofil ab und führt mit dem Studium zu einer Approbation, die der Berufsbezeichnung Psychotherapeut gerecht wird.“ Die BPtK habe gerade eine Stellungnahme zur Approbationsordnung abgegeben, die jetzt das übliche parlamentarische Verfahren durchläuft. Unter anderem definiert die Approbationsordnung eine „verfahrensbreite“ Qualifizierung. In einer Resolution forderten die Delegierten, dass darin „eindeutige Mindestanforderungen zur Absicherung der im Gesetz verankerten Verfahrens- und Methodenvielfalt“ enthalten sein müssten (Kasten).

Finanzierung der Weiterbildung

Größtes Manko des Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetzes ist nach Ansicht von Munz die fehlende Sicherung der Finanzierung der zweijährigen ambulanten Weiterbildung über die Vergütung der kassenfinanzierten Behandlungsleistungen hinaus. Zwar sehe das Gesetz ein tarifrechtliches Gehalt während der stationären Weiterbildung in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken vor, doch für die ambulante Phase „waren sich Bund und Länder nicht einig, wie eine umfassende Finanzierung sichergestellt werden könnte“. Die Politik tue sich auch deshalb so schwer mit der Finanzierung im ambulanten Bereich, weil die Ärzte – bis auf die Hausärzte – auch keine Finanzierung ihrer ambulanten Weiterbildung haben. „Wenn wir eine Finanzierung bekommen, dann wollen die Ärzte das auch“, sagte Munz. „Unsere politische Arbeit ist an diesem Punkt aber noch nicht vorbei.“ Unterstützend beschlossen die Delegierten einen Antrag, mit dem der BPtK-Vorstand aufgefordert wurde, sich zeitnah beim BMG und beim Gesetzgeber für die Klärung der ungelösten Finanzierungsfrage einzusetzen.

Konzentriert bei der Arbeit: Die Delegierten der Länderkammern in Berlin.
Konzentriert bei der Arbeit: Die Delegierten der Länderkammern in Berlin.

PiA sehen sich als Verlierer

Darüber hinaus will sich die BPtK auch für eine Verbesserung der Vergütung der Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) einsetzen, die ihre Ausbildung in den kommenden Jahren erst noch beenden werden. Sie sollen nach dem Reformgesetz mit mindestens 1 000 Euro monatlich während des Praxisjahres in psychiatrischen Kliniken vergütet werden. Die Vertreterin der Bundeskonferenz PiA, Mechthild Leidl, wünschte sich Unterstützung von den Delegierten: „Wir sind die Verlierer der Reform, denn 1 000 Euro brutto ist nicht einmal Mindestlohnniveau, sondern nur die Festschreibung der gegenwärtigen Situation.“ Noch nicht einmal eine sozialrechtliche Verankerung sei mit dem Gesetz verbunden. PiA sollten als Hochschulabsolventen tarifrechtlich eingruppiert werden, forderte Leidl. Ebenso notwendig sei eine Schulgeldbefreiung. „Uns wird es noch die kommenden 15 Jahre geben“, verdeutlichte sie.

Die nächste Herausforderung für die Psychotherapeuten ist nun, eine Musterweiterbildungsordnung (MWBO) zu entwickeln. „Lassen sie uns eine MWBO entwickeln, die die Zukunft unserer Profession sichert, die Normen und Perspektiven für Leitungsfunktionen setzt, neue Tätigkeitsfelder und neue Befugnisse regelt“, appellierte der BPtK-Präsident an die Delegierten. „Ab Herbst 2022 rechnen wir mit den ersten Weiterbildungskandidaten nach einem Quereinstieg in den Masterstudiengang“, erklärte BPtK-Vizepräsident Nikolaus Melcop. Deshalb müsse sich die BPtK im strukturierten Dialog mit den Landespsychotherapeutenkammern jetzt mit Hochdruck an die Erarbeitung einer MWBO machen. Michaela Willhauck-Fojkar vom Vorstand der BPtK präsentierte die Grundstrukturen einer künftigen Weiterbildung (Kasten).

In der anschließenden Ausprache wies Josef Bailer, Delegierter aus Baden-Württemberg, darauf hin: „Wir müssen uns auch von den ärztlichen Kollegen, die die Erfahrung haben, beraten lassen, was in der stationären Versorgung nicht gut läuft, nicht nur von Berufspolitikern.“ Wichtig sei es zudem sicherzustellen, dass es ausreichende Weiterbildungsstellen geben wird, ergänzte Karl-Wilhelm Höffler, Hessen. Generell sieht Georg Schäfer, Nordrhein-Westfalen, zwar eine Aufwertung des Berufes. „Doch wir haben nur einen Teil dessen erreicht, was wir uns vorgenommen haben“, kritisierte er. Die Frage sei, wie „der Missstand im psychologischen Fachbereich“ überwunden werden könne.

Übermacht Verhaltenstherapie

Mit Missstand meint der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) die Tatsache, dass 59 von den 60 Lehrstühlen für Klinische Psychologie und Psychotherapie in Deutschland mit Verhaltenstherapeuten besetzt sind und nur ein psychoanalytischer Lehrstuhl vorhanden ist. Die Approbationsordnung müsse deshalb verbindlich vorgeben, dass das Fachgebiet der Psychotherapie „in seiner gesamten Breite“ im Studium vertreten und durch Hochschullehrer und Dozenten gelehrt werde, die über die entsprechende Fachkunde verfügten. „Dies ist bisher nicht sichergestellt, deshalb brauchen wir eine Überarbeitung der Approbationsordnung“, erklärte Schäfer.

Neben der eigentlichen Reform der Ausbildung sieht das Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz auch eine Reihe an Änderungen im Sozialgesetzbuch (SGB) V vor, die „einer Reform der Versorgung gleichkommen“, betonte BPtK-Präsident Munz. Insbesondere der im Gesetz verankerte Auftrag an den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA), bis Ende Dezember 2020 eine Richtlinie für eine berufsgruppenübergreifende, koordinierte und strukturierte Versorgung für schwer psychisch kranke Menschen zu erarbeiten, sei vielversprechend. „Viele von uns haben sich schon lange in diesem Bereich engagiert, durch den G-BA-Auftrag sind wir ein gutes Stück weitergekommen – das müssen wir nutzen“, erklärte Munz. Diese Änderung sei in Rücksprache mit der Profession erfolgt. Nicht jedoch der sehr kurzfristig in das Gesetz eingebrachte Änderungsantrag, die ersten zehn Stunden einer Kurzzeittherapie mit einem Honoraraufschlag von 15 Prozent zu versehen. „Wir stehen dieser Idee sehr ambivalent gegenüber“, sagte Munz. Eine höhere Vergütung der ersten aufwendigeren Stunden sei zwar grundsätzlich gut. Die dahinterliegende Idee aber, nämlich kürzere Therapien attraktiver zu machen, werde nicht funktionieren. „Psychotherapeuten behandeln ihre Patienten so lange wie es notwendig ist – wir sind nicht korrumpierbar.“

Gutachterverfahren soll weg

Befremdet zeigte sich der Kammerpräsident auch im Hinblick auf einen weiteren – kurzfristig eingebrachten – Änderungsantrag in das Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz: Der Gesetzgeber hat den G-BA beauftragt, bis Ende 2022 Mindeststandards für die Qualitätssicherung zu entwickeln, um im Anschluss daran das Antrags- und Gutachterverfahren abzuschaffen. Dadurch wird die Vorab-Wirtschaftlichkeitsprüfung der Richtlinienpsychotherapie entfallen, sodass alle Leistungen der üblichen Wirtschaftlichkeitsprüfung für Ärzte und Psychotherapeuten (§ 106 a, SGB V) unterliegen werden. „Das stellt einen substanziellen Eingriff in die psychotherapeutische Versorgung dar, der nicht ohne vorherige Beratung mit der Profession hätte erfolgen dürfen“, erklärte Munz. „Wir werden keine sinnlosen Dokumentationspflichten akzeptieren. Unsere Interessen und unsere Besonderheiten stehen im Vordergrund.“ Im Übrigen sei Qualitätssicherung Kammeraufgabe. Bis zum nächsten Deutschen Psychotherapeutentag will die Bundes­psycho­therapeuten­kammer in Abstimmung mit den Länderkammern Empfehlungen für eine Standarddokumentation vorlegen. Der 36. DPT wird am 15. und 16. Mai 2020 in Leipzig stattfinden. Petra Bühring

Diotima-Ehrenpreis 2020 für den Kampf gegen den Schmerz

Im Vorfeld des 35. Deutschen Psychotherapeutentags haben Prof. Dr. rer. nat. Birgit Kröner-Herwig und Dr. rer. nat. Paul Nilges den Diotima-Ehrenpreis erhalten. Die deutsche Psychotherapeutenschaft ehrt damit in diesem Jahr eine Kollegin und einen Kollegen, die sich für die Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen engagieren und maßgeblich dazu beigetragen haben, eine qualifizierte Schmerzpsychotherapie zu etablieren. „17 Prozent aller Deutschen leiden an chronischen Schmerzen – das sind mehr als 12 Millionen Menschen. Ihre Leidensgeschichte dauert durchschnittlich sieben Jahre, mehr als 20 Prozent leiden über 20 Jahre an chronischen Schmerzen“, berichtete Dr. rer. nat. Dietrich Munz, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK).

Birgit Kröner-Herwig
Birgit Kröner-Herwig

Birgit Kröner-Herwig hatte bis zu ihrer Emeritierung 2016 den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie in Göttingen inne. Mit ihr wird eine Pionierin der psychologischen Schmerzforschung in Deutschland ausgezeichnet. Schon in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts, als das Thema Schmerz in der Psychologie noch wenig prominent war, hat sie sich mit den psychophysiologischen Zusammenhängen chronischer Schmerzen und der Wirkung von Biofeedback bei Kopfschmerzen beschäftigt. Das Forschungsinteresse von Kröner-Herwig galt aber auch der Entwicklung und Erforschung wirksamer Behandlungsansätze. Sie wurde 1990 Mitherausgeberin der ersten Auflage des Lehrbuchs „Psychologische Schmerztherapie“, das heute unter dem Titel „Schmerzpsychotherapie“ als Standardwerk gilt.

Paul Nilges
Paul Nilges

Paul Nilges war bis zu seinem Ruhestand leitender Psychotherapeut am DRK Schmerzzentrum in Mainz. Neben seiner klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit hat er sich mit Leidenschaft und Engagement für die Etablierung einer qualifizierten Schmerzpsychotherapie in Deutschland eingesetzt. Schon früh hat er erkannt, dass die Rolle der Psychotherapeuten in der interdisziplinären Versorgung von Schmerzpatienten mit einer entsprechenden Qualifizierung an Bedeutung zunimmt und die Integration von Psychotherapeuten in einem ursprünglich rein medizinischen Gebiet fördert. Für die Entwicklung der Schmerzpsychotherapie war seine langjährige Mitwirkung in der Deutschen Schmerzgesellschaft, die bis dato eher ärztlich dominiert war, sehr wichtig. Mit viel Ausdauer und Überzeugungskraft hat Nilges zudem dafür gekämpft, dass die Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz bereits 2006 eine Weiterbildung in „Schmerzpsychotherapie“ eingeführt hat....

Grundstrukturen der Weiterbildung

  • Die fünfjährige Weiterbildung (WB) gliedert sich in die Gebiete „Psychotherapie für Kinder und Jugendliche“ und „Psychotherapie für Erwachsene“ und ist mit dem Erwerb der Fachkompetenz in einem oder mehreren wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren verbunden. Die Berufsbezeichnung lautet beispielhaft „Fachpsychotherapeut/in für Erwachsene (Systemische Psychotherapie)“.
  • Die WB ist in hauptberuflicher Tätigkeit jeweils mindestens zwei Jahre in der ambulanten und stationären Versorgung zu absolvieren sowie optional in der institutionellen Versorgung.
  • Während der Gebietsweiterbildung oder darauf aufbauend können in einer Bereichsweiterbildung Zusatzbezeichnungen erworben werden.
  • Die WB ist eine Verbundweiterbildung, in der Institute die gesamte Weiterbildung Theorie und Selbsterfahrung organisieren und Kooperationsvereinbarungen mit weiteren Weiterbildungsstätten schließen. Dies soll Qualität, Kontinuität und Realisierbarkeit der Weiterbildung
    sichern.

Resolutionen des 35. Deutschen Psychotherapeutentag (DPT)

  • Klimaschutz und nachhaltiges Handeln: Der 35. DPT begrüßt die Initiative von Psychologists/Psychotherapists for future. Die Delegierten setzen sich für einen konsequenten Klimaschutz ein und dafür, die psychotherapeutischen Herausforderungen der Klimakrise in den Blick zu nehmen. Das eigene Handeln wollen sie kritisch auf Nachhaltigkeit überprüfen.
  • Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit sind keine psychische Störung: Sie sind weder pathologische Fehlentwicklungen noch Erkrankungen, sonder stellen Varianten der sexuellen Orientierung und der geschlechtlichen Identität dar. Der 35. DPT begrüßt die Initiative der Bundesregierung, den Schutz vor Pathologisierung zu verbessen. Unterstützt wird auch das geplante strafrechtliche Verbot von Konversionsbehandlungen bei Kindern und Jugendlichen.
  • Verfahrensvielfalt in der Psychotherapie absichern: Die Approbationsordnung muss eindeutige Mindestanforderungen zur Absicherung der im Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz verankerten Verfahrens- und Methodenvielfalt durch mit Fachkunde qualifizierte Lehrende enthalten.
  • Keine Experimente mit psychisch kranken Patienten: Im Digitale-Versorgung-Gesetz muss sichergestellt sein, dass der wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit einer Gesundheitsanwendung in Studien erbracht wurde. Der DPT fordert das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium auf, dies mit einer Rechtsverordnung sicherzustellen.
  • Gegen Eingriffe in die psychotherapeutische Behandlungshoheit: Diverse Änderungen im SGB V, die die psychotherapeutische Versorgung verändern, wurden im Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz verankert. Der DPT fordert, die noch laufenden Evaluationen der letzten Richtlinienänderungen in die Entwicklung der neuen Regelungen einzubeziehen.

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