ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2019Suchtberatung in den Kommunen: Kaum Zeit für Prävention

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Suchtberatung in den Kommunen: Kaum Zeit für Prävention

PP 18, Ausgabe Dezember 2019, Seite 552

Bühring, Petra

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Die Kommunen spielen bei der Betreuung Suchtkranker eine wichtige Rolle. Diese Rolle müsse nicht nur erhalten bleiben, die einzelnen Akteure sollten sich auch besser miteinander vernetzen, forderte die Bundesdrogenbeauftragte bei ihrer Jahrestagung in Berlin.

„Es geht immer darum, Menschen aus der Sucht zu helfen und sie gesünder zu machen“, sagte Daniela Ludwig, Bundesdrogenbeauftragte. Foto: Drogenbeauftragte/Kuntzagk
„Es geht immer darum, Menschen aus der Sucht zu helfen und sie gesünder zu machen“, sagte Daniela Ludwig, Bundesdrogenbeauftragte. Foto: Drogenbeauftragte/Kuntzagk

Wir müssen sicherstellen, dass die Suchthilfe und Beratung, die Prävention und Hilfe in den Kommunen auch in Zukunft funktionieren“, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU) bei ihrer Jahrestagung Ende November in Berlin. Es gehe immer darum, „Menschen aus der Sucht zu helfen und sie gesünder zu machen“, betonte Ludwig.

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„Die Kommunen sind wichtig, weil Sucht meist auch verknüpft ist mit anderen Problemen, die die Familie ebenso wie Schule und Beruf betreffen“, betonte auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU). Seiner Ansicht nach muss der öffentliche Gesundheitsdienst unbedingt gestärkt werden. Aber auch der Jugendschutz in Gaststätten, Clubs oder Supermärkten müsse vor Ort ernster genommen werden. „Falschparker werden bei uns besser kontrolliert als die Einhaltung des Jugendschutzes – die regelhafte Kontrolle, wie in den USA an der Tagesordnung, muss auch in Deutschland normal werden“, forderte der Minister.

Polytoxischer Konsum

Nach Angaben der Drogenbeauftragten nehmen die Fälle in den örtlichen Sucht- und Drogenberatungsstellen nicht nur zu. Die Berater werden demnach auch zunehmend mit polytoxischem Konsum konfrontiert. Die Suchthilfe, die früher im Wesentlichen für Opioidabhängige zuständig war, solle sich jetzt auch um Cannabisabhängige, Kokain- und Partydrogenkonsumenten sowie Onlinespielsüchtige kümmern. „Die Beratungsstellen müssen sich in dieser Hinsicht weiterentwickeln und die Mitarbeiter fortbilden“, forderte Ludwig. Nachholbedarf sieht die Drogenbeauftragte in den Kommunen insbesondere im Hinblick auf eine bessere Vernetzung, beispielsweise zwischen der Polizei und der Suchthilfe oder dem Jugendamt und dem Sozialamt. Ein Dialog finde oft nicht statt. Spahn will sogar über einen Austausch beziehungsweise eine Freigabe der Daten zwischen Jugendamt und Sozialamt nachdenken. „Wir stehen uns da manchmal selbst im Weg“, sagte er in Bezug auf den Datenschutz. Nach Ansicht der Drogenbeauftragten spielen auch die „Möglichkeiten der Digitalisierung“ eine wichtige Rolle als Ergänzung zur persönlichen klassischen Beratung.

Die Vertreterin des Deutschen Städtetags, Katja Wolf, wies darauf hin, dass die Mitarbeiter in den kommunalen Jugend-, Sozial- und Ordnungsämtern oft schon „bis zum Umfallen“ arbeiteten. Eine Vernetzung dürfe deshalb nicht all zuviel Arbeitszeit fordern. „In Eisenach haben wir ein hoch engagiertes Jugendamt, dessen Mitarbeiter es jedoch gerade eben schaffen, sich um die schlimmsten Fälle zu kümmern“, berichtete die Oberbürgermeisterin der thüringischen Stadt. Für Prävention sei kaum Zeit. Wolf forderte mehr finanzielle Unterstützung vom Bund, sprach sich jedoch gegen „eine allgemeine Ausschüttung von Förderprogrammen“ aus, zugunsten einer Verstetigung der Förderung nach Problemlagen.

Für problematisch hält Wolf darüber hinaus, dass je nach Haushaltslage der Kommune die Suchtprävention oft auf der Strecke bleibe. In Eisenach beispielsweise bestehe der Haushalt zu mehr als 60 Prozent aus Sozialleistungen. „Da die Suchtprävention keine Pflichtaufgabe ist, fällt sie oft hinten runter“, erklärte Wolf.

Der Vertreter der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), Stefan Bürkle, forderte mehr Unterstützung für die Suchtberatungsstellen in den Kommunen. „Die Arbeit der Mitarbeiter dort wird oft unterschätzt, dabei können sie eine verbindende Klammer zwischen den Betroffenen und der Gesellschaft sein.“ Deutschlandweit erreichen die 1 500 Suchtberatungsstellen, die sowohl im Gesundheitswesen als auch in der Sozialarbeit verankert sind, nach Angaben der DHS mehr als 500 000 Betroffene. Petra Bühring

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