ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2019Bürokratie: Schlaraffenland
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Ich bin seit nun 18 Jahren in der Niederlassung als Psychotherapeut tätig und verstehe solche Veröffentlichungen, die jeder empirischen Grundlage entbehren, nicht. In Deutschland haben wir ein psychotherapeutisches Schlaraffenland für Therapeuten und Patienten! Die administrativen Aufgaben sind im Vergleich mit somatisch arbeitenden Ärzten dermaßen gering, dass ich die Frage stelle, weshalb solche Thesen veröffentlicht und als Wissenschaft gekennzeichnet werden. Die drei Autoren scheinen sich hier aber auch nicht ansatzweise auszukennen. Was haben wir denn Administratives zu leisten? Wir müssen zweimal sechs Formblätter ausdrucken, unterschreiben, einen Teil davon eintüten und zur Post bringen und schon haben wir 24 Stunden Psychotherapie. Darüber hinaus müssen wir einen Bericht schreiben, der relativ leicht in einer Stunde, maximal 90 Minuten zu schreiben ist. Und noch einmal Formblätter ausdrucken. Jetzt geht die Stundenzahl auf 60 Stunden rauf. Dann folgen wieder Formblätter oder wenn die Krankenkasse will, ein Fortführungsbericht, der in einer halben bis einer Stunde zu erstellen ist. Wer für die Berichte länger braucht, sollte sich selbstkritische Gedanken über sein Prozedere machen und sich gegebenenfalls unterstützen lassen. Mit dieser Arbeit haben wir 80 Stunden zur Verfügung. Am Ende der Therapie muss noch ein Formblatt ausgedruckt und verschickt werden. Ab und zu fragen die Krankenkassen bezüglich Arbeitsunfähigkeit an, was auch nicht sehr viel Zeit beansprucht, wenn man damit richtig umgeht. Für 24 Stunden Therapie müssen also maximal zehn Minuten Administration verrichtet werden, das sind 0,7 Prozent der Therapiezeit. Wer soll dabei in den Burn-out kommen? Bei 80 Stunden inklusive Fortführungsbericht sind das dann gut 2,7 bis 3,0 Prozent der Therapiezeit. Eine telefonische Erreichbarkeit ist selbstverständlich und kann delegiert oder zwischen Kollegen aufgeteilt werden. Die neue TI ist installiert und macht im Alltag keine nennenswerte Mehrarbeit. Die Terminvereinbarungen und die quartalsweise Abrechnung hindern niemanden an der Arbeit, im Gegenteil niemand muss glücklicherweise seinem Geld hinterherrennen. Die Honorare sind mittlerweile – unseren Berufsverbänden und den Sozialrichtern sei Dank – auf einem angemessenen Niveau. Dokumentiert wird in der Stunde, gegebenenfalls verbleibt etwas Vor- und Nachbereitung der Stunden, was im Honorar eingepreist ist. Wir sind nun verpflichtet, 25 Stunden für die Versorgung bei voller Zulassung (im Übrigen eine lebenslange Arbeitslizenz!) zu leisten. Wer weniger arbeiten will, kann ohne Probleme auf Teile der Zulassung verzichten. Das wohl in Umfragen erhobene Stöhnen mancher Kollegen/-innen kann unter diesen Bedingungen einfach nicht ernst genommen werden. Das zur Metaanalyse „einschlägiger“ Studien, in denen mehr als 50 Prozent der Therapeuten/-innen im Burn-out seien. Wer hier ein Erschöpfungssyndrom entwickelt, sollte seine Prozesse selbstkritisch hinterfragen und Verantwortung dafür übernehmen. Wie sollen wir Patienten helfen, die unter wirklich ungünstigen Bedingungen arbeiten? Für den Faktencheck sei ein Praktikum bei einem Allgemeinmediziner, der Vollzeit arbeitet, angeraten. Wer effizienter arbeiten will, dem sei die Auseinandersetzung mit den Prinzipien des Qualitätsmanagements empfohlen.

Dr. med. Kai Born, 65185 Wiesbaden

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