ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2019Maßregelvollzug: Kein Rückfall in die Siebziger
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Betrachtet man das angesprochene Problem, dass es zu viele nach § 64 StGB untergebrachte Patienten im überfüllten Maßregelvollzug (MV) gibt, aus einer Versorgungsperspektive im Interesse suchtkranker Menschen, so ist es doch richtig, dafür zu sorgen, dass suchtkranke Straftäter sich für Therapie mehr interessieren als für Strafhaft. Für viele schwierige Patientinnen und Patienten gerade aus dem Drogenmilieu greift auch eher die Logik, dass es besser ist, in der Haft in Ruhe in der Zelle sitzen zu dürfen, als von morgens bis abends von ansprüchigen Therapeuten belästigt zu werden. Das sollte man ihnen früh sagen. Wenn tatsächlich im MV viele Patienten auftauchen, deren Straftaten in keinem relevanten Zusammenhang mit dem Substanzkonsum stehen, so sollte sich die Kritik weniger an den Gesetzgeber richten als an die psychiatrischen Gutachter und die zuweisenden Gerichte. ... Sich zur Entlastung des hoch qualifizierten MV nur auf die Probanden zu beschränken, die von Beginn an eine gute Motivation nachweisen, und die „Aussichtslosen“ auszusortieren, ist ein Rückfall in die 70er-Jahre. Motivationsarbeit gilt seit der Implementation des Motivational Interviewing und des CRA-Konzeptes in die deutsche Suchtkrankenversorgung als Grundstein moderner Suchtbehandlung. Eine stärkere Verweisung von suchtkranken Straftätern, die jetzt nach § 64 StGB im MV landen, in die JVA erscheint erst dann sinnvoll, wenn sich der Strafvollzug abseits der reinen Sicherung ausreichend für diese Problemgruppe qualifiziert hat. Das ist aktuell erst in Ansätzen erkennbar. Richtiger wäre es, das Problem suchtkranker Straftäter insgesamt in den Blick zu nehmen und die Versorgung dieser schwierigen Personengruppe entsprechend zu qualifizieren, wo immer sie stattfindet. Wenn es dann gelungen ist, Suchttherapie im Strafvollzug zu implementieren, Haftvermeidung durch eng begleitete Weisungen und Auflagen für suchtkranke Straftäter ähnlich den „Drug Courts“ in den USA einzuführen und das Übergangsmanagement nach Haftentlassung so auszubauen, dass es sich tatsächlich lohnt, nach Haftentlassung substanzfrei zu bleiben, dann kann man auch darüber nachdenken, ob man für Probanden, die bisher im Maßregelvollzug untergebracht worden sind, nicht bessere und wirtschaftlichere Lösungen finden kann.

Dr. med. Martin Reker, 33617 Bielefeld

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