ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2019Religiöse und spirituelle Sinnsuche: Kooperation von Psychotherapie und Theologie

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Religiöse und spirituelle Sinnsuche: Kooperation von Psychotherapie und Theologie

PP 18, Ausgabe Dezember 2019, Seite 560

Moser, Tilmann

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Georg Milzner, vielseitig ausgebildeter Psychotherapeut, und Michael Utsch, evangelischer Theologe, breit wissenschaftlich tätig und ebenfalls Psychotherapeut, haben sich mit dem ebenso vielseitig tätigen Moderator Uwe Britten zusammengesetzt, um über die Kooperation von Psychotherapie und Theologie zu diskutieren. Das Taschenbuch ist teilweise spannend, gelegentlich aber wirkt es missionarisch und manchmal apologetisch.

Das Christentum ist bei den Diskutanten kaum je primär kriegsverursachend, nur in seinen „archaischen Relikten“. Und die schlimmsten Weltgräuel haben sich ohne Gott vollzogen, eine kühne Behauptung, denn die größten Verbrecher haben sich nicht umsonst vergöttlichen lassen. Religionskriege werden als Sippenkriege oder Stammesgewalt verniedlicht oder kommen aus ökonomischen Krisen, nur nicht aus der Religion, denn „erst das Christentum habe (laut René Girard) Gewaltlosigkeit in die Religion eingeführt“. Und die Autoren meinen: „So stellt sich die Frage, ob man die Bereitschaft zum Dschihad als religiöses Motiv überhaupt ernst nehmen kann.“

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Religion bringt Sinnsuche, und neuer Sinn ist auch das hauptsächliche Heilmittel, das die Autoren nahezubringen suchen, mit einer leicht missionarisch wirkenden Stetigkeit der Hinweise. Nur wenn die Patienten echte Glaubensfragen haben, werden sie an kooperative Theologen verwiesen. Was die Autoren zu ihrem fromm-therapeutischen Tun berechtigt, ist der Satz: „dass es ein tiefes menschliches Bedürfnis gebe, an ‚etwas‘ zu glauben“. Und das gehört „sinnvoll“ aufgegriffen, vor allem bei der Krankheit Sinnlosigkeit. Sie fordern sogar deren Aufnahme in offizielle Behandlungskanons. Recht haben die beiden, dass sehr viele Psychotherapeuten das Thema Religion zu oft links liegen lassen – sehr zum Schaden einer wirklichen Heilung und deren Verwendung als kraftvolle Ressource. Bei der Therapie scheinen viele ihrer Patienten tatsächlich bereit zu sein, auf die neue Sinnsuche einzugehen und fündig zu werden. Was eher fehlt, ist die oft extrem mühsame „Entneurotisierung“ (tm) eines die Seele verdüsternden grausamen Gottesbildes mit den entsprechenden Über-Ich- und Verlassenheitstraumen, die auch in der Übertragung auftauchen und die therapeutische Bindung bedrohen. Wie hier eine „religionssensible … Behandlung“ verlaufen soll, bleibt im Nebel. Tilmann Moser

Georg Milzner und Michael Utsch: Religiöse und spirituelle Sinnsuche in der Psychotherapie. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2019, 146 Seiten, kartoniert, 19,00 Euro

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