ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2019Erschöpfung von Psychotherapeuten: Emotionaler Gewinn beim Lesen

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Erschöpfung von Psychotherapeuten: Emotionaler Gewinn beim Lesen

PP 18, Ausgabe Dezember 2019, Seite 561

Zimmermann, Wolfram

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Es ist positiv, dass sich die Autorin dem komplexen, eher wohl tabuisierten Beschwerdebild angenommen hat. Unlust, Ungeduld, gespürte Gegenübertragung und Langeweile in der Therapiearbeit sind nur einige Anzeichen für das Beschwerdebild. Leider werden keine über die Subjektseite hinaus durchaus sehr wirksamen Ursachen unserer normen- und werteverarmenden „postmodernen“ Gesellschaft aufgezeigt, die politisch sicher auch tabuisiert sind wie die Symptomatik selbst.

Das Buch ist vor allem für „psychologische und ärztliche Therapeuten“ geschrieben, „die bei ihrer Arbeit darauf angewiesen sind, sich Verständnis und Mitgefühl für ihre Klientel zu erhalten, auch dann, wenn keine positiven Veränderungen zu erwarten sind.“ Es ist ein zutiefst praktisch angelegtes, Neugier und emotionale Entspannung beim Lesen erweckendes Buch und es „kann auch ganz ohne die theoretischen Aspekte hilfreich sein“. Der selbst herabgesetzte Anspruch steht allerdings etwas im Kontrast zu den deutlich werdenden differenzialdiagnostischen Ansprüchen der Autorin: Ob die von ihr pointiert vorgetragene diagnostische Differenzierung der Mitgefühlsmüdigkeit (compassion fatigue) gegenüber dem „Burn-out“, der „Depression“ und „sekundären Traumatisierung“ als eigenständige diagnostische Entität klinisch-therapierelevant greift, darf hier angezweifelt werden. Die Differenzierungstabelle überzeugt – auch wenn die „Abgrenzungen nur als Orientierung“ zu verstehen seien – auch bei geringem theoretischen Anspruch nicht. So bleibt beispielsweise als Beleg völlig widersprüchlich, warum gerade beim Burn-out „innere Leere, auch privat“, „Sinnlosigkeit“ und „Hilflosigkeit“ nicht als Symptome bejaht werden, diese aber bei der „sekundären Traumatisierung“ angenommen werden.

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Die kritischen Einschätzungen zum Theorieteil schmälern aber nicht den emotionalen Gewinn, das Vergnügen beim Lesen der Lektüre zum relevanten praktischen Vorgehen, um gegen die Mitgefühlsmüdigkeit etwas tun zu können, womit die Autorin viel Selbsterfahrung verbindet. Auch der sinnvolle Bezug zu achtsamkeitsbasierten, meditativen Grundlagen bietet Anregungen zur eigenen Psychohygiene. Alle Arbeitsmaterialien sind im Anhang enthalten, ebenso eine PDF-Version als Download. Wolfram Zimmermann

Angelika Rohwetter: Wege aus der Mitgefühlsmüdigkeit. Erschöpfung vorbeugen in Psychotherapie und Beratung. Beltz-Verlag, Weinheim 2019,169 Seiten, gebunden, 36,95 Euro

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