ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2019Schule und Bildung: Zugespitzt und sehr kritisch

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Schule und Bildung: Zugespitzt und sehr kritisch

PP 18, Ausgabe Dezember 2019, Seite 562

Kinze, Wolfram

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Der Titel ist polemisch, der Text durchgehend argumentativ und eindringlich formuliert. Der Autor, Herausgeber und Bildungsexperte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, stellt die Schwerpunkte und Widersprüche in der aktuellen Diskussion der Schulbildung dar, überprüft ihre wissenschaftlichen Ansprüche und ihre logische Evidenz. Er verdeutlicht die Probleme der nationalen und internationalen Vergleiche von Bildungsergebnissen, der Definitionen von „Kompetenzen“, der Zusammenhänge zwischen Schulabschlüssen und Einkommensentwicklung, der Relationen von Bildungsinvestitionen und Bruttosozialprodukt.

Kritisch setzt er sich mit wechselnden bildungspolitisch-ideologischen Zielvorgaben oder Wunschvorstellungen auseinander, auch mit den ungeprüften Behauptungen der empirischen Bildungsforschung und ihren Verwechslungen von Korrelationen und Kausalität sowie den für die Anforderungen der Schulpraxis wenig hilfreichen universitären Erziehungswissenschaften und der für das tägliche Unterrichten wenig tauglichen akademischen Didaktik. Er hinterfragt die Erwartungen, die mit der umfassenden Digitalisierung der Schulen verbunden werden. Er zweifelt an einer durch die Schule realisierbaren „Inklusion“ und „Chancengleichheit für alle“, unabhängig von ihrem sozialen und kulturellen Hintergrund sowie ihren Interessen und Begabungen.

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Unter Bezug auf die Erkenntnisse der Meta-Studien von John Hattie werden als wesentliche Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen die Struktur des Unterrichtens, die Rückmeldungen zwischen Lehrenden und Lernenden herausgestellt, wobei für alle geltende Regeln und Rahmenbedingungen eingehalten werden, der Lehrende die Inhalte angemessen vermittelt, sich des Verstehens vergewissert, ermutigt, aber auch korrigiert, Autorität ausübt ohne autoritär aufzutreten, notwendiges Wissen durch Wiederholung festigt. Diese Struktur relativiert die Erwartungen, Kinder sollten ihr Lernen ausschließlich selbst organisieren, sich nur an den Gleichaltrigen orientieren, der Lehrer sei lediglich Lernbegleiter. Erziehungsziel sei es, die Kinder zu befähigen, nachzudenken, etwas zu verstehen, zu argumentieren, sich zu artikulieren. Desinteresse am Unterricht sei eine Form der Selbstbeschädigung.

Für die Verwirklichung dieser Ziele sei eine gewisse Autonomie der einzelnen Schule erforderlich – Auswahl und Weiterbildung des Personals, kollegiale Zusammenarbeit und gegenseitige Supervision, gemeinsame Festlegung von Lernzielen bei weitgehenden Gestaltungsmöglichkeiten für die konkrete Umsetzung. Bürokratische Festlegungen von Prüfungsaufgaben im Sinne eines „Zentralabiturs“ seien wenig sinnvoll. Das Buch fordert mit seinen zugespitzten Formulierungen und seinen kritischen Einwänden bezüglich der aktuellen bildungspolitischen Diskussionen und Festlegungen zu eigenständigem Überdenken der angesprochenen Probleme auf. Es ist allen Beteiligten und Betroffenen sehr zu empfehlen. Wolfram Kinze

Jürgen Kaube: Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder? Rowohlt Verlag, Berlin 2019, 336 Seiten, gebunden, 22,00 Euro

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