ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2019Immanuel Kant: Interessantes über den Philosophen und über Diätetik

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Immanuel Kant: Interessantes über den Philosophen und über Diätetik

PP 18, Ausgabe Dezember 2019, Seite 560

Goddemeier, Christof

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Wie bewältigte der Philosoph Immanuel Kant mit vierzig Jahren eine Lebenskrise, und wie schaffte er es, bei „schwächlicher Leibesbeschaffenheit“ und „melancholischer Gemüthsverfassung“ weitere vierzig Jahre zu leben – in einer Zeit, in der die mittlere Lebenserwartung deutlich niedriger war? Der Autor analysiert zunächst mögliche Belastungsfaktoren bis zum Jahr 1764. Kein einfaches Unterfangen, hat Kant doch zeitlebens möglichst vermieden, über seine Kindheit und Jugend zu sprechen. Als seine Mutter mit vierzig Jahren starb, war Kant dreizehn Jahre alt. 1764 stirbt der enge Freund Johann Funk, und ein Großbrand zerstört Teile von Kants Heimatstadt Königsberg.

Im Aufsatz „Versuch über die Krankheiten des Kopfes“ aus dem gleichen Jahr beschreibt Kant psychische Störungen und bedenkt, ob neben ärztlicher Hilfe auch die Philosophie mit einer „Diät des Gemüths“ nützlich sein könnte. Den Quellen zufolge darf man ein Interesse Kants an der Medizin sowie eine „beneidenswerte Kompetenz auf diesem Gebiet“ (A. Gulyga) annehmen. Den Begriff der „Lebenskrise“ findet man erstmals in der Biografie von Manfred Kühn (2003).

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Schwarz Problemanalyse der Kantʼschen Krise basiert auf der Verhaltenstherapie und integriert Konzepte des Psychotherapieforschers Klaus Grawe. Um die vierzig hatte Kant offenbar große Angst, ernsthaft zu erkranken, er selbst spricht von einer „Anlage zur Hypochondrie“. Aber ist er Hypochonder im Sinn einer psychiatrischen Diagnose? Schwarz verneint. Kants Verständnis von Aufklärung findet praktische Anwendung in der Anregung Friedrich Hoffmanns, sein eigener Arzt zu sein und selbst zu überprüfen, was einem hilft und was einem schadet. Sie wird für Kant zur zentralen Gesundheitsregel. Mit seinem diätetischen Ansatz nimmt er laut Schwarz wesentliche Positionen der Kognitiven Verhaltenstherapie vorweg. Wie diese integriert er Elemente des Stoizismus, etwa Epiktet. Bis ins hohe Alter ist Kant oft „unpäßlich“, aber nie ernsthaft krank. Erst kurz vor seinem Tod erleidet er einen Schlaganfall.

Schwarz benennt die Gefahr der Spekulation bei spärlichen oder fehlenden Quellen und erörtert das Problem retrospektiv gestellter Diagnosen. Letztere vermeidet er, doch er erweist sich immer wieder als Spekulierender. Lange Zitate aus vorangegangenen Biografien und manche Wiederholung ermüden zuweilen. Dessen ungeachtet erfährt man Interessantes über den Philosophen sowie über Diätetik und ihre Geschichte. Christof Goddemeier

Hans-Joachim Schwarz: Immanuel Kant – Lebenskrise und diätetische Wende. Psychologisch-biografische Studie. Wehrhahn Verlag, Hannover 2019, 432 Seiten, gebunden, 34,00 Euro

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