ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2019Psychotraumatologie: Standardwerk mit umfangreichen Erweiterungen

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Psychotraumatologie: Standardwerk mit umfangreichen Erweiterungen

PP 18, Ausgabe Dezember 2019, Seite 563

Koch, Joachim

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Das Handbuch hat die 1 000-Seiten-Marke gerade mit der vorliegenden überarbeiteten und erweiterten 3. Auflage überschritten. Schon für die Vorauflage konnte festgestellt werden, dass es sich bei dem umfassenden und fundierten Fachbuch um ein Standardwerk handelt, zu dem führende Experten Beiträge in ihren Spezialgebieten der Psychotraumatologie beigesteuert haben. In acht Blöcken (A–H) mit 73 Beiträgen werden die Inhalte beschrieben. Hier sollen einige Erweiterungen zur letzten Auflage betrachtet werden. Die größten Erweiterungen gab es in den Bereichen F (Trauma in gesellschaftlichen, kulturellen und medizinischen Kontexten) und G (Interventionen). Neu ist das Kapitel Trauma und Schmerz (C 14). Der Autor sieht es empirisch als erwiesen an, dass psychische Traumata bei den Betroffenen mit einem erhöhten Risiko für Schmerzsensibilisierung, Schmerzgeneralisierung und Schmerzchronifizierung einhergehen. Zu den therapeutischen Implikationen wird zu der spannenden Fragestellung angeregt, ob bei den Schmerzpatienten, die eine Traumatisierung erlitten haben, nicht der Behandlung mit Methoden der klassischen Traumatherapie, wie dem Vermitteln von Sicherheit und emotionaler Stabilität, ein höherer Stellenwert eingeräumt werden sollte.

Betroffene Häuslicher Gewalt (D 7), bei denen es sich überwiegend um Frauen handelt, sind häufig komplex traumatisiert. Um möglichst vielen Betroffenen wirksam helfen zu können und weil sich häusliche Gewalt potenziell immer wieder der öffentlichen Wahrnehmung entzieht, ist die gesellschaftliche Kontextualisierung sehr wichtig, also die Frage nach dem Verhalten der Umgebungsgesellschaft, der sozialen Ressourcen und dem Engagement professioneller Helferinnen und Helfer.

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Ein Aufsatz beschäftigt sich mit der Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs als gesellschaftlicher Aufgabe (F 2). Der Autor stellt fest, dass vor allem solidarische Netzwerke in Selbsthilfegruppen den Pakt des Schweigens haben bröckeln lassen. Systematische Aufarbeitungsprojekte wurden erst nach 2010 initiiert. Die neue Forschungslandschaft hat dem Thema einen deutlich höheren Stellenwert verschafft. Im Kapitel „Traumatisierungen im Kontext schwerer körperlicher Erkrankungen und medizinischer Behandlungen“ (F 4) geht es unter anderem um Transplantationen, intensivmedizinische Behandlungen und die Geburtsmedizin. Neben Befunden zu Risikolagen werden auch Prävention und Interventionsansätze behandelt. Zwei Beiträge befassen sich mit dem Thema Trauma und Ethik (F12) sowie mit ethischen Aspekten in der psychotraumatologischen Forschung (F 13). In neuen Beiträgen geht es um Beziehungs- und Milieuarbeit bei Trauma (G 1) und um das neu eta-blierte Arbeitsfeld „Psychosoziale Traumaarbeit“ (G 2). Zwei spannende Beiträge befassen sich speziell mit Kindern und Jugendlichen: In einem geht es um traumapädagogische Konzepte in der Jugendhilfe (G 3) und im anderen um die Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörung (G 17). Joachim Koch

Günter H. Seidler, Harald J. Freyberger, Heide Glaesmer, Silke Brigitta Gahleitner (Hrsg.): Handbuch der Psychotraumatologie. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2019, 1053 Seiten, gebunden, 120 Euro

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