ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2019Alfred Adler: Details über die Geschichte der Individualpsychologie

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Alfred Adler: Details über die Geschichte der Individualpsychologie

PP 18, Ausgabe Dezember 2019, Seite 561

Mackenthun, Gerald

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Das Buch, herausgegeben von der Mitbegründerin des Alfred-Adler-Instituts Berlin, Almuth Bruder-Bezzel, versammelt Aufsätze der Jahre 1991 bis 2015, die sich mit Adlers sozialem und persönlichem Umfeld, seinen Bezugspersonen und seinen Anhängern in Wien beschäftigen. Adler fühlte sich in seinen jungen Jahren als Sozialist und Marxist, später als Pazifist. Er hatte viele Kontakte zu Wiener Künstlern und Literaten, die er in den Kaffeehäusern traf, wo er mit ihnen diskutierte. Das Porträt Adlers von Oskar Kokoschka 1912 ist ein Beleg für Adlers Offenheit für die neue avantgardistische kulturelle Strömung. Adler therapierte den Komponisten Anton von Webern 1913 wegen Depressionen. Webern war Hauptvertreter des musikalischen Expressionismus und der Zwölftonmusik. Zum Kreis der Adlerschen Bekanntschaften gehörte der Dichter Albert Ehrenstein, der Zürcher Psychiater Eugen Bleuler, der Psychologe Otto Kaus und der Autor Otto Gross. Nicht Adler selbst, aber viele seiner Mitstreiter – vor allem Arthur Kronfeld – waren offen für lebensphilosophische, weltanschauliche und metaphysische Überlegungen. Im Verständnis vieler ihrer Anhänger war die Individualpsychologie eher „Bewegung“ und „Weltanschauungslehre“ statt Wissenschaft.

Gerade bei den Anhängern der ersten Stunde häufte sich die Unzufriedenheit mit dem, was Adler in den späten 1920er-Jahren an Theorien und Publikationen aus dem fernen USA heraus produzierte. Das führte zu Zerwürfnissen, Abspaltungen und persönlichen Kritiken. Zu den Kritikern gehörten Kaus, Fritz Künkel, Otto Wexberg und Manès Sperber. Wexberg sparte in Privatbriefen nicht mit Kritik an dem „starren, rechthaberischen Adler“. Sperber sei der „Meisterschüler“ Adlers gewesen, so die Autorin, ein international anerkannter Schriftsteller und politischer Aktivist auf der Seite des Sozialismus und Kommunismus. Sperber kritisierte unter anderem den blinden Erziehungsoptimismus Adlers. Sperbers „Analyse der Tyrannis“ von 1939 kann laut Autorin als Höhepunkt politischer Psychologie auf individualpsychologischer Grundlage gelten.

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Neu für Adlerianer dürfte Bruder-Bezzels Entdeckung sein, dass sich Adler 1914 freiwillig als Arzt meldete. Er wurde nicht, wie jahrzehntelang angenommen, erst 1916 zwangsrekrutiert. Adlers Haltung als Pazifist, der er später unbedingt war, bekommt damit einen Kratzer. Selbst 1920 gab es bei Adler keine Distanzierung zur Militärpsychiatrie. Die Autorin trägt so mit ihren Nachforschungen wichtige und interessante Details zur Geschichte der Individualpsychologie bei. Gerald Mackenthun

Almuth Bruder-Bezzel: Alfred Adlers Wiener Kreise in Politik, Literatur und Psychoanalyse. Beiträge zur Geschichte der Individualpsychologie. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2019, 268 Seiten, mit 15 Abbildungen, kartoniert, 30,00 Euro

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