ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2019Clinician Scientists: Ärzte mit Kompetenz-Trias

THEMEN DER ZEIT

Clinician Scientists: Ärzte mit Kompetenz-Trias

Dtsch Arztebl 2019; 116(50): A-2339 / B-1922 / C-1865

Dragun, Duska; Huber, Nathalie; Rösen-Wolff, Angela; Blomberg, Richard

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Mit der zunehmenden Verdichtung des Klinikalltags wächst die Erkenntnis, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht im Rahmen von „Feierabendforschung“ realisiert werden kann. Der Karriereweg für forschende und lehrende Ärzte – sogenannte „Clinician Scientists“ – muss angepasst werden.

Forschung, Lehre, Krankenversorgung – die Universitäten benötigen auch Ärzte, die Grundlagenforschung und Klinik miteinander verbinden können. Foto: TwilightShow/iStock
Forschung, Lehre, Krankenversorgung – die Universitäten benötigen auch Ärzte, die Grundlagenforschung und Klinik miteinander verbinden können. Foto: TwilightShow/iStock

Eine zunehmende Spezialisierung von medizinischen Fachdisziplinen, neue Verfahren, Digitalisierung, demografischer Wandel: Der Alltag von Ärztinnen und Ärzten in Universitätskliniken ist von stetig wachsenden Anforderungen geprägt, die mit den bisherigen Personalstrukturen nur schwer zu stemmen sind. Es wird ärztliches Personal benötigt, das die Tätigkeiten in der Grundlagenforschung und Klinik miteinander verbinden und diese Vernetzung, die „Kompetenz-Trias“ von Forschung, studentischer Lehre und Patientenversorgung, im Berufsalltag tatsächlich leben kann – Clinician Scientists.

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Diesen Ärzten nutzen die Erkenntnisse aus der Forschung bei der Arbeit mit den Patienten. Sie wenden innovative Behandlungsmethoden an und übertragen ihr Wissen und ihre Erfahrung zurück in die Forschung und studentische Lehre. Dadurch fungieren Clinician Scientists als Translationsgestalter, Innovationsträger und sind Schlüsselfiguren in der Forschung, Versorgung, ärztlichen Weiterbildung und studentischen Lehre.

Nachwuchsmangel in der medizinischen Forschung

Die Bundesregierung sowie wissenschaftspolitische Akteure wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) haben den Nachwuchsmangel in der medizinischen Forschung erkannt und versuchen diesem derzeit mit Maßnahmen entgegenzutreten. Dabei soll die qualitativ hochwertige Krankenversorgung im Fokus bleiben und eine neue Generation von Ärzten ausgebildet werden.

Ein zentrales Instrument sind strukturierte Clinician-Scientist-Programme. Sie sollen forschungsaktiven Ärzten eine kompetenzbasierte Facharztweiterbildung mit einem verbindlich geschützten Raum („protected time“) für klinische und translationale Forschung ermöglichen. Wissenschaftliches und klinisches Mentoring, ein curriculäres überfachliches Weiterbildungsangebot, qualitätsgesicherte Prozesse und erste Einbindung in die studentische Lehre sind die dabei tragenden Säulen der Programmgestaltung. Auch die Medizinischen Fakultäten haben diese Notwendigkeit bereits vor einiger Zeit erkannt. Mittlerweile besitzen nahezu alle Standorte solche Programme.

Clinician-Scientist-Programme als Lösungsweg

Um als nachhaltiges Rekrutierungsinstrument für geeignete und in der Forschung engagierte Ärzte fungieren zu können, müssen jedoch zwei zentrale administrative Barrieren abgebaut werden: Erstens sollte durch die Verknüpfung von ärztlicher Weiterbildung mit Forschungstätigkeit die bisher notwendige Verlängerung der Weiterbildungszeit minimiert werden. Mit mehreren Ärztekammern besteht bereits Konsens, dass strukturierte Clinician-Scientist-Programme sowohl die ärztliche Weiterbildung aufwerten als auch zur Stärkung der klinischen Forschung und studentischen Lehre und damit indirekt zu einer besseren Patientenversorgung beitragen. Zweitens sollte die Vergütung nach dem Tarifvertrag für Ärzte durchgehend gewährleistet und ein diesbezüglicher Arbeitsvertrag Grundlage für die gesamte Förderdauer eines Clinician-Scientist-Programms sein.

Erste Zahlen aus Berlin, dem am längsten laufenden und mit Abstand größten Clinician-Scientist-Programm, zeigen, dass die dortigen Absolventen des Clinician-Scientist-Programms nicht nur ihre Facharztweiterbildung erfolgreich abschließen, sondern sich fast die Hälfte auch gleichzeitig habilitieren. Viele wurden Oberärztinnen und Oberärzte. Erste Alumni haben bereits Professuren übernommen. Die Teilnehmenden von Clinician-Scientist-Programmen spielen somit nicht nur für die biomedizinische Landschaft Deutschlands eine Rolle, sondern sind auch die Führungskräfte von morgen. Viele streben eine dauerhafte parallele Tätigkeit in der Forschung, studentischen Lehre und der Patientenversorgung an. Die strukturierte Förderung sollte deshalb nicht nach der Facharztweiterbildung aufhören, sondern auch Advanced Clinician Scientists nach der abgeschlossenen Facharztweiterbildung einbeziehen. Eine Herausforderung für Advanced Clinician Scientists ist es, ein klares klinisches Profil mit Schwerpunkt-
bildung in der Krankenversorgung zu entwickeln und dabei weiterhin wissenschaftlich erfolgreich arbeiten zu können. Förderinstrumente für diese Zielgruppe sind rar. Ziel einer Advanced-Clinician-Scientist-Förderung sollte deshalb die Sicherstellung von geschützten Forschungszeiten für Oberärztinnen und Oberärzte sein, ohne dabei Versorgungsengpässe auszulösen. An einigen Medizinischen Fakultäten sind bereits erste Förderprogramme dazu eingerichtet worden.

Clinician-Scientist-Programme an staatlichen Medizinischen Fakultäten, MFT-Umfrage, Stand August 2019
Clinician-Scientist-Programme an staatlichen Medizinischen Fakultäten, MFT-Umfrage, Stand August 2019
Grafik
Clinician-Scientist-Programme an staatlichen Medizinischen Fakultäten, MFT-Umfrage, Stand August 2019

Wesentlich ist jedoch: (Advanced) Clinician Scientists als forschende Ärzte sind keine „Kliniker light“ oder „Forscher light“. Vielmehr bilden sie die essenzielle Brücke innerhalb der Kompetenz-Trias von Patientenversorgung, studentischer Lehre und Forschung. Die Kombination aus diesen drei Bereichen ist somit das Alleinstellungsmerkmal von Clinician Scientists. Von dieser Kompetenz profitieren insbesondere die Patienten.

Diese haben das Recht auf evidenzbasierte, wissenschaftlich fundierte Diagnostik und Therapie. Auch gilt es, auf dieser Grundlage die nachfolgende Ärztegeneration aus- und weiterzubilden. Für die Universitätsmedizin kommt hinzu, dass sie berufungsfähigen Nachwuchs braucht, der nicht nur der Wissenschaftlichkeit verpflichtet ist, sondern außerdem das notwendige klinische Wissen an die zukünftigen Medizinergenerationen weitergibt.

Mehr Wissenschaftlichkeit im Medizinstudium

Im Medizinstudium nimmt die Vermittlung der Wissenschaftlichkeit, trotz Verbesserungen in den letzten Jahren, aktuell noch nicht genügend Raum ein. Das für den Kompetenzerwerb notwendige Methodenspektrum (Planung von Studien bzw. Experimenten, Labormethoden, statistische Auswertung, Lesen und Verstehen von Forschungsliteratur) wird in vielen Fällen im Betreuungsverhältnis durch (Advanced) Clinician Scientists vermittelt. Diese bilden somit sowohl in der studentischen Lehre als auch durch die Betreuung von medizinischen Doktoranden das Rückgrat für die Vermittlung der Wissenschaftlichkeit im Medizinstudium.

Die Medizin ist eine stetig „lernende“ Disziplin. Je eher und besser euphorisierende Ansagen von tatsächlichen fachlichen Durchbrüchen unterschieden werden, desto hochwertiger wird die Patientenversorgung gestaltet. Eine kontinuierliche Wertschöpfungskette entsteht dann, wenn ein eigener wissenschaftlicher Beitrag geliefert wird, die Ergebnisse in der Krankenversorgung angewandt werden und die Inhalte in der Lehre vermittelt werden. Clinician Scientists werden als Professoren von morgen die zukünftige Patientenversorgung, Forschung und studentische Lehre maßgeblich mitgestalten. Fakultäten, Universitätskliniken, Ärztekammern und Forschungsförderer stehen daher in der Pflicht, gemeinsam die besten Rahmenbedingungen für sie zu schaffen.

Prof. Dr. med. Dr. Duska Dragun,
Dr. Nathalie Huber,
Prof. Dr. med. Angela Rösen-Wolff,
Richard Blomberg

Clinician-Scientist-Programme an staatlichen Medizinischen Fakultäten, MFT-Umfrage, Stand August 2019
Clinician-Scientist-Programme an staatlichen Medizinischen Fakultäten, MFT-Umfrage, Stand August 2019
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Clinician-Scientist-Programme an staatlichen Medizinischen Fakultäten, MFT-Umfrage, Stand August 2019

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