ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2019Lobbyismus: Renommee erkaufen

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Lobbyismus: Renommee erkaufen

Dtsch Arztebl 2019; 116(50): A-2323 / B-1907 / C-1851

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Schneller, höher, weiter“. Das Motto der Olympischen Spiele treibt nicht nur Sportler an, es hat längst die Gesellschaft durchdrungen. Der Einzelne setzt auf Selbstoptimierung, Politik und Wirtschaft auf grenzenloses Wachstum mit all seinen Vor- und Nachteilen. Die Leistungsgesellschaft macht auch vor der Wissenschaft nicht halt. Der schnöde Mammon ist das bestimmende Element. Denn Forschung kostet Geld und die Industrie hat es. Wenn der Anteil der ungebundenen Mittel für die Forschung sinkt, wird der Kampf um die Drittmittel größer und damit der Einfluss derjenigen, die diese Mittel bereitstellen. Schaut man sich zum Beispiel Untersuchungen zur Finanzierung von Studien zum Rauchen oder zur Ernährung an, sind Auftrag- und Geldgeber aus der Industrie häufig zu finden. Die Studienergebnisse entsprechen naturgemäß dem, was die Initiatoren hören und lesen wollen: E-Zigaretten sind reine Entwöhnungsmittel und Zucker ist nicht das Problem, sondern die Kohlenhydrate. Positive Aussagen im wissenschaftlichen Gewand.

Beispiel par excellence sind zwei Studien aus den Jahren 2011 und 2015, die der Chemie-Riese Monsanto bei einem renommierten Gießener Wissenschaftler in Auftrag gegeben und mitfinanziert haben soll, wie vergangene Woche Recherchen der Organisation Lobbycontrol sowie der ARD-Sendung Monitor und der Süddeutschen Zeitung ergaben. Die Ergebnisse waren alles andere als überraschend: Der Verzicht auf das Unkrautvernichtungsmittel führe zu erheblichen finanziellen Einbußen, der Einsatz des Mittels berge dagegen sogar ökologische Vorteile. Und das mit dem wissenschaftlichen Aushängeschild eines inzwischen emeritierten Professors für Agrarökonomie der Justus-Liebig-Universität Gießen, der zudem als Sachverständiger für das Bundeslandwirtschaftsministerium und als Gutachter für die Deutsche Forschungsgemeinschaft tätig war. Dass Monsanto bei den Studien seine finanziellen Finger im Spiel hatte, wurde zudem bei der Studienveröffentlichung verschwiegen.

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Für Kritiker der Lobbyarbeit der Industrie ist dies ein gefundenes Fressen. Dennoch wäre es zu einfach, Lobbyismus einfach abschaffen zu wollen. Grundsätzlich ist dessen Ziel, dass jeder – in der Regel Interessenverbände und Konzerne – Entscheidungsträgern in der Politik sein Anliegen darlegen kann, nicht anstößig. Das große Problem ist, dass Lobbyarbeit immer mehr eine Frage des Geldes geworden ist und große Unternehmen problemlos Millionen investieren. Zudem bedeutet Lobbyismus nicht mehr nur Kontakt in die Politik. Er durchdringt zunehmend die Wissenschaft und nutzt diese Kontakte zu großen Medienkampagnen.

Ändern lässt sich dies nur durch frühestmögliche Transparenz. Ein Beispiel ist die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland, die klare Richtlinien für den Umgang mit der Industrie im Medizinstudium fordert. Kommerzielle Interessen der Pharmaindustrie müssten im Studium ausgeschlossen bleiben. Das Thema Interessenkonflikte gehöre in den Lehrplan und Dozenten müssten ihre Verbindungen in die Industrie offenlegen, verlangen die Studierenden.

Solch klare Regelungen für Lobbyarbeit sind unbedingt notwendig. Sie sollten bereits bei Politikern beginnen, die gern ihre Industrieverbindungen verschweigen. Und für die Wissenschaft ist dies existenziell, denn ihre Glaubwürdigkeit geht verloren, wenn sie als wissenschaftliches Gewand missbraucht und so Renommee erkauft wird.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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