ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2019Medizinstudium: Blaupause für Reform vorgelegt

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Medizinstudium: Blaupause für Reform vorgelegt

Richter-Kuhlmann, Eva

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Fast drei Jahre nach Verabschiedung des Masterplans Medizinstudium 2020 hat das Bundesministerium für Gesundheit jetzt einen Arbeitsentwurf für eine neue Approbationsordnung für Ärzte vorgelegt. Mit ihr soll auf die Herausforderungen für die künftige ärztliche Versorgung reagiert werden.

An Kompetenzen orientiert soll die Ausbildung von künftigen Medizinern sein. Erstmals soll dies auch in der Ärztlichen Approbationsordnung verankert werden. Foto: picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa
An Kompetenzen orientiert soll die Ausbildung von künftigen Medizinern sein. Erstmals soll dies auch in der Ärztlichen Approbationsordnung verankert werden. Foto: picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa

Kurz vor Weihnachten hatte das Warten ein Ende: Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) verschickte am 29. November den lang ersehnten Arbeitsentwurf für eine neue Approbationsordnung für Ärzte (ÄApprO). Er basiert auf dem Masterplan Medizinstudium 2020, den Bund und Länder vor etwa drei Jahren mit dem Ziel verabschiedeten, auf die Herausforderungen für die künftige ärztliche Versorgung zu reagieren.

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Sowohl die Medizinischen Fakultäten als auch die Medizinstudierenden begrüßen, dass der Arbeitsentwurf nun vorliegt. „Der Masterplan 2020 bietet die Möglichkeit für wegweisende Änderungen in der Strukturqualität des Medizinstudiums. Nach einer ersten Durchsicht des Entwurfs zur ÄApprO sehen wir darin gute Ansatzpunkte, aber durchaus auch noch Verbesserungspotenzial“, sagt Peter Jan Chabiera, Präsident der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), dem Deutschen Ärzteblatt.

Auch der Medizinische Fakultätentag (MFT) sieht in dem 182-seitigen Papier eine gute Diskussionsgrundlage, wie das Medizinstudium gemäß der Vorschläge im Masterplan Medizinstudium 2020 weiterentwickelt werden kann. Erfreut sind die Fakultäten vor allem darüber, dass in dem Entwurf erstmalig eine Ausrichtung der Lehre und der Prüfungen am Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) verankert ist, der maßgeblich vom MFT getragen wird. Auch dass der Digitalisierung der Medizin und der Wissenschaftlichkeit des Medizinstudiums im Entwurf explizit Rechnung getragen werden, begrüßen die Fakultäten. „Dies sind Themen, deren Wichtigkeit der MFT schon lange betont und zu denen wir auch mit der Weiterentwicklung des NKLM einen wesentlichen Beitrag leisten“, erklärt Prof. Dr. med. Matthias Frosch, Präsident des MFT.

Wissenschaftlichkeit, Praxisnähe und digitale Kompetenz

Neben der Vermittlung wissenschaftlicher Grundlagen und der Fähigkeiten, wissenschaftliche Studien zu interpretieren sowie Daten und digitale Anwendungen zu nutzen, wird in dem Papier aus dem Haus von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) viel Wert auf eine praxisnahe Gestaltung der universitären Ausbildung von Medizinern gelegt. Insbesondere Lehrinhalte aus der Allgemeinmedizin werden mit der Reform des Medizinstudiums aufgestockt und longitudinal in das gesamte Studium integriert. Außerdem wird das Praktische Jahr (PJ) von derzeit drei Tertialen auf vier Quartale umgestellt. Dabei bleiben dem Entwurf zufolge die Fächer Innere Medizin sowie Chirurgie als Pflichtquartal erhalten. Mindestens ein Wahlfach soll in einem weiteren Fach im ambulanten Bereich absolviert werden.

Die Orientierung an Kompetenzen soll sich künftig wie ein roter Faden durch das gesamte Medizinstudium ziehen. Ein interdisziplinärer Unterricht an den Fakultäten soll dabei das fächerübergreifende Denken der Nachwuchsärzte fördern. Theoretische und klinische Inhalte des Studiums entsprechend des NKLM sollen während der gesamten Ausbildung miteinander verknüpft werden.

Für die Weiterentwicklung des Gegenstandskatalogs für die Ärztliche Prüfung soll weiterhin das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) zuständig sein, das gemeinsam mit dem MFT die Inhalte des NKLM und des Gegenstandskataloges regelmäßig aufeinander abstimmen soll. Insgesamt soll es künftig vier Abschnitte der Ärztlichen Prüfung geben: Der erste Abschnitt wird schriftlich nach einem Studium von mindestens zwei Jahren abgelegt; der zweite Abschnitt dann mindestens ein Jahr nach Bestehen des ersten Abschnitts in Form einer strukturierten klinisch-praktischen Prüfung (Objective Structured Clinical Examination/OSCE). Den dritten Abschnitt sollen die Studierenden schriftlich mindestens zwei Jahre nach Bestehen des zweiten Abschnitts absolvieren. Nach dem Praktischen Jahr soll dann das Studium mit dem vierten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung als mündlich-praktische Prüfung an Patienten aus dem stationären Bereich und dem ambulanten Bereich und durch eine strukturierte klinisch-praktische OSCE-Prüfung abgeschlossen werden.

Aufwandsentschädigung nicht im Entwurf verankert

Zudem gibt der Entwurf der neuen ÄApprO explizit vor, dass die Universitäten einen Ausbildungsplan (Logbuch) ausstellen müssen, nach dem die praktische Ausbildung im PJ an den Lehrkrankenhäusern durchzuführen ist. Das Logbuch soll verpflichtende und optionale Ausbildungsziele enthalten, die sich an den Lernzielen des NKLM bis zum vierten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung orientieren. Damit wird der Entwurf den Forderungen der Medizinstudierenden gerecht, die sich seit Jahren für eine stärkere Strukturierung des PJ einsetzen.

Vollständig zufrieden mit den Vorgaben des Arbeitsentwurfs für das PJ sind die Studierenden aber nicht: „Leider ist die von uns geforderte angemessene Aufwandsentschädigung im PJ nicht im Entwurf verankert, sodass Studierende sich weiterhin den Lebensunterhalt parallel zum PJ dazuverdienen müssen – auf Kosten der Vorbereitungszeit sowie der Patientensicherheit“, kritisiert Joachim Pankert, Projektleiter „FairesPJ“, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Erste Kritikpunkte am Entwurf zeichnen sich ab

Auch die Medizinischen Fakultäten üben Kritik. Im Fokus haben sie dabei die „Innovationsklausel“ in
§ 137 des vorliegenden Entwurfs. Sie eröffnet die Möglichkeit, die Dauer des Medizinstudiums künftig auf fünf Jahre zu reduzieren. Dies soll unter anderem durch eine Reduktion der PJ-Zeiten oder den Entfall einer im Entwurf neu eingeführten wissenschaftlichen Projektarbeit ermöglicht werden. Voraussetzung für die Sonderregelung soll die detaillierte Beschreibung eines Innovationsziels sein.

„Wir sehen nicht, wie eine Studienverkürzung ohne Einschränkungen bei der praktischen Ausrichtung und den Inhalten des Studiums – und damit letztlich der Sicherheit der Patienten – gelingen soll“, sagt Frosch dem Deutschen Ärzteblatt. Wolle man wirkliche Innovationen im Medizinstudium ermöglichen, brauche es weniger kleinteilige staatliche Regulation.

Herausforderungen, denen sich die Fakultäten stellen müssen, sieht Frosch in der Umsetzung der
OSCE-Prüfungen im Staatsexamen oder bei der Rekrutierung einer zunehmend großen Zahl allgemeinmedizinischer Lehrpraxen. Dies erfordere zusätzliche Ressourcen und Finanzierungen; auch die kapazitätsrechtlichen Auswirkungen seien zu prüfen, meint er.

Deutlich wird somit bereits jetzt: Es besteht noch Diskussionsbedarf. Bis Ende Januar können die Medizinischen Fakultäten, die bvmd sowie die anderen Verbände ihre Stellungnahmen zu dem Entwurf abgegeben. Anfang 2020 sollen die parlamentarischen Verfahren und Beratungen beginnen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Approbationsordnung für Ärzte:
Status Quo und zeitlicher Überblick

Die derzeit geltende Approbationsordnung für Ärzte (ÄApprO) ist seit Oktober 2003 in Kraft. Durch die Reform der ärztlichen Ausbildung vor 16 Jahren konnte mit Wirkung vom Oktober 2004 die nachgelagerte Phase des „Arzt im Praktikums“ (AiP) entfallen. Absolventen des Medizinstudiums erhalten seitdem nach Bestehen der letzten Staatsprüfung die Ärztliche Approbation.

Die „Erste Verordnung zur Änderung der Approbationsordnung für Ärzte“ ergänzte 2012 die ÄApprO mit dem Ziel, die Allgemeinmedizin zu stärken. Seit 2013 ist eine Mindestdauer von zwei Wochen für das Blockpraktikum Allgemeinmedizin in Lehrpraxen mit einer 1:1-Betreuung vorgegeben. Auch während der Famulatur müssen die Studierenden einen Monat in einer Einrichtung der hausärztlichen Versorgung absolvieren. Dies soll die praktische Ausbildung während des Studiums fördern.

Die ergänzende Verordnung entzerrte zudem das Staatsexamen („Hammerexamen“) am Ende des Studiums. Seit 2014 findet der schriftliche Teil des Zweiten Abschnitts der Ärztlichen Prüfung wieder vor dem Praktischen Jahr (PJ) statt. Somit können sich die angehenden Ärztinnen und Ärzte während des PJs auf die klinisch-praktische Tätigkeit konzentrieren. Ferner können seit April 2013 geeignete Krankenhäuser – insbesondere in ländlichen Regionen – in die Ausbildung während des PJs einbezogen werden. Auch für PJ-Studierende gab es Erleichterungen: Sie erhielten die Möglichkeit, ihr PJ auch an Lehrkrankenhäusern anderer Universitäten oder bei Bedarf in Teilzeit zu absolvieren.

Bald gab es neue Reformbemühungen: Im März 2017 beschlossen dann die Gesundheits- und Wissenschaftsminister des Bundes und der Länder den „Masterplan Medizinstudium 2020“. Ziel der 37 Maßnahmen sind ein kompetenzorientiertes und praxisnahes Medizinstudium sowie die weitere Stärkung der Allgemeinmedizin. Eine Expertenkommission untersuchte die Auswirkungen des Masterplans und verabschiedete im September 2018 ihre Empfehlungen. Diese gingen ebenfalls in den Arbeitsentwurf ein.

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Sivend
am Samstag, 21. Dezember 2019, 15:43

Gute Sache

Aber die Verkürzung der Studienzeit ergibt sich für mich auch nicht. Vor allem nicht, wenn dadurch die Reduktion des PJ gemeint ist. Das praktische lernen ist für einen solchen Beruf unverzichtbar und sollte wenn schon erhöht und nicht verkürzt werden.

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