ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2000Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirates der Bundes­ärzte­kammer zur Xenotransplantation: Sprache als Wegbereiterin des Wünschbaren

MEDIZIN: Diskussion

Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirates der Bundes­ärzte­kammer zur Xenotransplantation: Sprache als Wegbereiterin des Wünschbaren

Stübner, Gerhard

Zu dem Beitrag des Wissenschaftlichen Beirates in Heft 28-29/1999
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LNSLNS Wenn wissenschaftliche Grenzüberschreitungen anstehen, ist es besonders wichtig, die sprachlichen Mittel zu überprüfen, mit denen Ziele des Forschens benannt und begründet werden. Die Stellungnahme der BÄK zur Xenotransplantation gibt ein Beispiel, wie Sprache planend eingesetzt wird, um Akzeptanz für eine neue Forschungsrichtung jenseits bisheriger Handlungsnormen zu schaffen. Kennzeichnend sind sprachliche Inkongruenz, euphemistische Tendenzen durch den häufigen Gebrauch des Konjunktivs, inadäquate Bewertung oder Weglassen von Risiken, fehlende Erwähnung ethisch relevanter Probleme und eine unpräzise verbleibende Darstellung von Sachverhalten.
Sprachliche Inkongruenz
Bezogen auf das Spendertier (Organquelle) scheint in der Bekanntmachung keine Übereinstimmung vorzuliegen. In Punkt 2 (Präklinische Untersuchungen zur Xenotransplantation) heißt es: "Für die Xenotransplantation kommt in erster Linie das Hausschwein in Betracht." Diese Aussage wird relativiert in Punkt 7 (Ethische Aspekte) durch "sollte sich das Schwein als geeignetes Spendertier herausstellen" . . . In der abschließenden Beurteilung der Xenotransplantation (Punkt 9) wird festgestellt: "Kriterien für die Auswahl der für die Erfüllung von physiologischen Transplantatfunktionen geeigneten Spendertiere liegen noch nicht vor."
Zu Punkt 3.1.2 (Physiologische/biochemische Unterschiede zwischen Mensch und Schwein): "Hinweise darauf, ob Tierorgane im Menschen funktionieren, gibt es nur aus wenigen Versuchen: Auf Primaten übertragene Herzen und Nieren transgener Schweine überleben mehrere Monate. Wenn es sich um Schweine handelt, denen ein menschliches Gen in das eigene Genom integriert wurde bevor die Organübertragung auf Primaten erfolgt, dann ist dies kein Hinweis darauf, dass ein Tierorgan im Menschen funktionieren kann, sondern lediglich, dass ein transgenes Tierorgan in einer anderen Tierspezies kurzfristig überleben kann.
Gebrauch des Konjunktivs
Der häufige Gebrauch der Möglichkeitsform wird gewählt, um Erwartungen darzustellen und Risiken sprachlich zu minimieren beziehungsweise inadäquat zu bewerten. Hierzu folgende Beispiele:
3.1.1 (anatomische Unterschiede): Speziesspezifische anatomische Form, Struktur und Gewebeeigenschaften . . . könnten tierische Organe für eine Xenotransplantation ungeeignet machen.
Punkt 9 (abschließende Beurteilung der Xenotransplantation): "Die Erfolge der Forschung haben die Möglichkeit der Transplantation lebender Zellen . . . in greifbare Nähe gerückt. . . . dass derzeit die Voraussetzungen für eine hinreichend risikoarme Durchführung von Xenotransplantationen noch nicht gegeben sind.
Nichterwähnung von Risiken
In der Bekanntmachung des Wissenschaftlichen Beirates der Bundes­ärzte­kammer wird nicht erwähnt, dass das biologische Alter einer Spezies und seiner Organe genetisch festgelegt ist (Mensch ~ 80 Jahre, Hausschwein ~ 12 Jahre) und sich dem Empfängerorganismus nicht anpasst. Organe eines Schweines wachsen und altern schneller als die eines Menschen. Ebenso unerwähnt bleiben grundsätzliche, nicht überwindbare physiologisch-biochemische Unterschiede wie die höhere Viskosität des menschlichen Blutes, die abweichende Größe und unterschiedliche Sauerstofftransportkapazität der Erythrozyten und Komplikationen die sich aufgrund unterschiedlicher Blutgruppenmerkmale ergeben. Risiken für die Gesundheit Dritter durch vom Tier übertragene Virusinfektionen finden Erwähnung, nicht jedoch die Maßnahmen, die erforderlich sind, um diese Gefahr abzuwehren. Transplantatempfänger müssten auf unbestimmte Zeit in postoperativer Quarantäne verbleiben, da erwartungsgemäß neue, bisher unbekannte Infektionen mit unbekannten Erregern sehr lange Inkubationszeiten haben können (wie beispielsweise HIV, Prionen).
Unpräzise Sprache
Ein unpräziser Sprachgebrauch lässt sich an folgenden Stellen belegen. Punkt 3.1.2.1 (Eignung einzelner Organe und Zellen): "Die Ausscheidungsfunktionen der Nieren vom Mensch und Schwein scheinen fast gleich zu sein." Eine Aussage über messbare Parameter muss präzise sein. Das Wort "scheinen" gibt eine Vermutung wieder.
Punkt 5.3.2. (Maskierte Viren aus Organen . . .): "Porcine endogene Retroviren (PERV) wachsen in den bisher untersuchten humanen Zellen nur zu relativ niedrigen Titern an. Der Titer ist kein Wachstumsparameter. Er ist ein serologischer Maßstab.
Ethische Aspekte (7)
Die ethische Beurteilung von in die Zukunft weisenden Handlungen impliziert komplexe geistige Szenarien. Der Übergang vom Gegenwärtigen zum Seinsollenden muss daher das Ergebnis eines langen Prozesses sein, an dessen Endpunkt eine soziale Vereinbarungsskala steht, mit der sich die Gesellschaft identifizieren kann; das heißt die Ergebnisse müssen für alle nützlich und zu rechtfertigen sein.
Für den Bereich der Xenotransplantationen gehört hierzu auch die Frage der Makroallokation. Ist es gerechtfertigt, mit großem finanziellen und logistischen Aufwand an Verfahren zu arbeiten, deren Nutzen und Anwendung ungewiss ist; und die - wenn überhaupt - nur wenigen Menschen zugute kommen? Verschärft würde die Problematik der gerechten Zuteilung noch, wenn die Möglichkeit anstände, ein Tierherz transplantiert zu bekommen. Wer bekäme das gespendete menschliche Herz, dessen Transplantation mit relativ wenigen Komplikationen verbunden ist und wem sollte das biologisch minderwertige mit höchsten Risiken für sein Leben verbundene Schweineherz implantiert werden?
Die unter ethischen Aspekten (7) gemachten Ausführungen "Eine Xenotransplantation kann dem Menschen daher nicht seine Identität als Mensch nehmen, sondern sie kann im Prinzip in diese integriert werden", sind unverständlich. Vermutlich wollen die Autoren damit ausdrücken, dass die Xenotransplantation (als Verfahren) Teil der menschlichen Identität werden kann. Dem steht aber die Evolutionsbiologie entgegen. Die komplexen Baupläne allen Lebens verdanken ihre Entstehung dem Algorithmus der natürlichen Auslese, denn alle Lebewesen sind als biologische Form aus dem Prozess der Evolution hervorgegangen und bergen in sich den Ganzheitscharakter der jeweiligen Spezies, der sich in ihrer Positionalität - und beim Menschen in seiner lebensgeschichtlich gewordenen Einzigartigkeit - ausprägt.
Xenotransplantationsforschung beinhaltet den Überschritt über die naturgegebene Artgrenze; sie ist, wie unter acht (Juristische Aspekte) aufgeführt - als Versuch am Menschen zu betrachten.


Dr. med. Gerhard Stübner
Mitglied der AEM
Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene
Klinikum Hannover
Holtenhoffstraße 41
30167 Hannover

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