ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2000Die Ärzte auf der Titanic: Verzicht auf die Schwimmweste

VARIA: Geschichte der Medizin

Die Ärzte auf der Titanic: Verzicht auf die Schwimmweste

Dtsch Arztebl 2000; 97(6): A-326 / B-260 / C-259

Zöllner, Nikolaus

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LNSLNS Die medizinische Versorgung an Bord des wohl berühmtesten Schiffes der Welt

Die Reederei war gesetzlich verpflichtet, mindestens einen Arzt an Bord zu haben und eine medizinische Mindestausrüstung vorzuweisen. Bei der Titanic sollte dies, wie so vieles andere, übertroffen werden. Zwei gut ausgebildete Ärzte wurden angestellt und eine komplette Krankeneinrichtung mit allen nötigen Instrumenten und Gerätschaften eingerichtet. Auch mit diesem Service wollte man die luxusverwöhnten Passagiere zufrieden stellen.
Zusatzservice der Reederei
William O’Loughlin war der Erste Schiffsarzt. Der 62jährige Ire hatte viel Erfahrungen auf See, da er nach seiner Ausbildung aus gesundheitlichen Gründen ausschließlich auf Dampfern arbeitete. Daher war der "alte Doc" schon bei vielen Passagieren bekannt und beliebt, zum einen wegen seiner Kompetenz, zum anderen wegen seiner menschlichen Art. Einen Großteil der zehn englischen Pfund, die er pro Monat verdiente (ein Matrose erhielt fünf Pfund), verteilte er unter den Armen. Trotz der engen Klassenschranken der damaligen Zeit waren für O’Loughlin alle Menschen gleich. Ein Auswanderer bekam stets die gleiche Behandlung wie ein Passagier der Ersten Klasse.
Der Zweite Schiffsarzt, John Simpson, 37 Jahre, war ebenfalls aus Irland. Er war als Spaßvogel, aber auch als fähiger Mediziner bekannt. Zusammen mit O’Loughlin war er auf der Titanic für das Wohl der 2 207 Menschen an Bord verantwortlich.
Auf der Titanic gab es drei Krankenstationen. Eine war für die Passagiere der Ersten und Zweiten Klasse vorhanden und befand sich auf dem fünften Deck. Ein Raum mit dem Schild "Surgery" befand sich direkt neben den Wohnräumen der Mediziner. Dieses allgemeine Behandlungszimmer war für die täglichen kleinen Verletzungen und Behandlungen gedacht. Über eine Treppe gelangte man ein Deck tiefer in ein kleines Hospital, in dem sogar vollständige Operationen vorgenommen werden konnten. Vier Krankenzimmer standen für eine stationäre Behandlung zur Verfügung. Daneben waren zwei separate Infektionsräume vorhanden, abgeschottet von den anderen Bereichen. Ansteckende Krankheiten wie Typhus, Diphtherie und Cholera waren damals nicht ungewöhnlich. Das Ausbrechen einer Epidemie, auf einer mehrtägigen Seereise durchaus denkbar, stellte eine große Gefahr dar und bedeutete den Verlust des guten Rufes einer Reederei. Selbstverständlich hatten die Infektionsräume eigene sanitäre Anlagen, allerdings nur eine Toilette und ein Bad für beide Räume.
Das Hospital und der Behandlungsraum waren der Arbeitsplatz der beiden Ärzte. Unterstützt wurden sie von einem Pfleger, dem "hospital steward" William Dunford. Bei Bedarf hat wohl auch eine der 18 Stewardessen an Bord, deren Unterkünfte nur einige Räume entfernt lagen, auf der Krankenstation ausgeholfen.
Für die Dritte Klasse befand sich im Heck der Titanic ein weiteres, einfacher eingerichtetes Hospital. Dort standen lediglich ein Warte- und ein Behandlungszimmer zur Verfügung. Die Reisebegleiterin Catherine Wallis, die für das Wohl der Dritten Klasse zuständig war, hat verletzte oder behandlungspflichtige Auswanderer zum Behandlungszimmer geführt und dem Arzt, O’Loughlin oder Simpson, den Fall geschildert und die Behandlung begleitet.
Keine Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung
Der Grund für ein separates Hospital für die Dritte Klasse liegt in der Befürchtung, die Auswanderer würden möglicherweise ansteckende Krankheiten mit sich tragen, die sich auf die Passagiere der Ersten Klasse übertragen könnten. Nur in einem Notfall, einer dringenden und wichtigen Operation, wurde ein Auswanderer in das Hospital der Ersten Klasse verlegt. Die Leistungen der Ärzte wurden nicht berechnet. Sie stellten eine Art Zusatzservice der Reederei für die Passagiere dar. Besonders die Auswanderer hätten die Kosten auch nicht tragen können. Damals bestand keine Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung.
Das dritte Hospital, noch spartanischer eingerichtet als die anderen beiden, befand sich im Bug der Titanic und war für die Besatzung vorgesehen. Der Raum dürfte wohl nur bei Bedarf von einem der beiden Ärzte aufgesucht worden sein. Um auch die medizinische Versorgung der Besatzung zu gewährleisten, hatte der Gesetzgeber damals die Reedereien verpflichtet, die Behandlungskosten zu übernehmen.
Der arbeitsintensivste Tag für die Ärzte war wahrscheinlich der 10. April 1912, der Tag der Abreise. Zusammen mit Amtsärzten untersuchen die Mediziner der Titanic die gesamte Besatzung und alle Auswanderer. Zum einen gab es eine gesetzliche Verpflichtung für diese Untersuchungen. Zum anderen geschah dies im Interesse der Reederei. Würde nämlich die Einreisebehörde in den USA einen Passagier aus Gesundheitsgründen abweisen, dann hätte die Reederei die Verpflichtung, den Auswanderer auf eigene Kosten zurück nach England zu transportieren. In einem regelrechten Massenverfahren wurden bei den Menschen Syphilis, Diphtherie, Cholera, Typhus, Gelbfieber, Parasiten und Bindehautentzündungen gesucht. Aufgrund der großen Zahl an Personen konnte dabei nur auf äußere Merkmale geachtet werden. Gefürchtet war bei den Auswanderern das Untersuchen der Augen. Mit einem kleinen Haken wurden die Augenlider gehoben, um dann nach auffälligen "Symptomen" zu suchen.
Über die Arbeit der Ärzte der Titanic auf See vor der Katastrophe ist wenig bekannt. Die zweijährige Selma Ström aus Schweden kam täglich mit ihrer Mutter ins Behandlungszimmer der Dritten Klasse. Das Mädchen hatte sich schon zu Hause beide Hände mit kochendem Wasser verbrannt. Auf der Titanic mussten nun täglich die Verbände gewechselt werden. Opfer der Katastrophe
Ein Passagier der Ersten Klasse, Irene Harris aus New York, hatte sich den Ellbogen gebrochen. Sie war im Treppenhaus der Ersten Klasse gestürzt. Da sich jedoch ein Gelenk-Spezialist unter den Reisenden befand, wurden die Ärzte der Titanic in diesem Fall nicht benötigt.
Nach der Kollision mit dem Eisberg wurden die Menschen mit den wenigen Rettungsbooten an Bord evakuiert. Da zu diesem Zeitpunkt keine Patienten auf der Krankenstation lagen, begaben sich O’Loughlin und Simpson auf Deck, um bei den Booten zu helfen. Zeugen sagten später aus, Dr. O’Loughlin hätte zahlreiche Passagiere beruhigt und ihnen geholfen, in die Rettungsboote zu steigen. Später sah man ihn mit einer Schwimmweste in der Hand. Er soll gesagt haben: "Ich denke, ich brauche dies nicht anziehen."
Auch die beiden Ärzte William O’Loughlin und John Simpson gehörten zu den Opfern der Katastrophe, die sich am 15. April 1912 auf dem Nordatlantik ereignete. Nikolaus Zöllner


Grundriss der Krankenstation der Ersten und Zweiten Klasse der Titanic

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