ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2019Akutes Schädel-Hirn-Trauma: Tranexamsäure, früh infundiert, verringert verletzungsbedingte Sterblichkeit

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Akutes Schädel-Hirn-Trauma: Tranexamsäure, früh infundiert, verringert verletzungsbedingte Sterblichkeit

Dtsch Arztebl 2019; 116(51-52): A-2403 / B-1974 / C-1914

Siegmund-Schultze, Nicola

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: picture alliance/Phanie
Foto: picture alliance/Phanie

In den Jahren 2013–17 wurden in Deutschland 41 101 Patienten mit mittelschweren bis schweren Schädel-Hirn-Traumata (SHT) behandelt, also durchschnittlich 8 220 pro Jahr (1). Bei 82 Mio. Einwohnern liegt die Inzidenz damit bei circa 10,1/100 000.

Die verstärkte Fibrinolyse zeigt ein erhöhtes Risiko für ausgedehnte intrakranielle Blutungen an. Die CRASH-2-Studie hatte ergeben, dass das Antifibrinolytikum Tranexamsäure (TXA) bei Traumapatienten mit extrakraniellen Blutungen das Sterblichkeitsrisiko senkt (2).

In der CRASH-3-Studie geht es um intrakranielle Blutungen (3). Es nahmen 175 Kliniken in 29 Nationen teil (ohne Deutschland). Rekrutiert wurden 12 737 Patienten mit einem mittelschweren bis schweren Schädel-Hirn-Trauma (Glasgow Coma Scale [GCS] ≤ 12) ohne schwere extrakranielle Blutungen. Sie wurden prospektiv randomisiert mit TXA behandelt (1 g i.v. über 10 Min., dann dieselbe Menge über 8 Stunden) oder mit Placebo. Für die Analyse wurden 9 202 Patienten ausgewählt, die TXA oder Placebo in einem Zeitfenster von maximal 3 Stunden nach Beginn der Blutung erhalten hatten. Bei einem späteren Behandlungsbeginn, so eine Zwischenauswertung der Studie, sind klinisch relevante Vorteile von TXA nicht mehr zu erwarten.

Primärer Endpunkt war ein kopfverletzungsbedingter Tod innerhalb der ersten 28 Tage. Die Rate lag in der Verumgruppe bei 18,5 % und unter Placebo 19,8 % (Risk Ratio [RR]: 0,94; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI] [0,86; 1,02]). Der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Patienten mit schwerer Hirnschädigung (GCS 3–8) profitierten nicht, selbst bei frühem Beginn der Behandlung. Schon vor Beginn der Studie war vermutet worden, dass TXA bei schwersten Kopfverletzungen keine Vorteile haben würde. Bei leichten bis mittelschweren Traumata (GCS 9–15) starben in der TXA-Gruppe 5,8 % und unter Placebo 7,5 % (RR: 0,78 [0,64; 0,95]; signifikant). In dieser Gruppe (GCS 9–15) war der Effekt von TXA umso größer, je früher mit der Infusion begonnen wurde. Die Gesamtsterblichkeit verringerte sich durch die TXA-Therapie allerdings nicht (RR: 0,96 [0,89; 1,04]). Das Risiko für Blutgefäßverschlüsse und epileptische Anfälle war bei Verum und Placebo vergleichbar.

Fazit: „Bei Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma ergab sich in der CRASH-3-Studie für die frühe TXA-Gabe ein Trend zu verbessertem Überleben in der Gesamtpopulation“, kommentiert Prof. Dr. med. Marc Maegele, Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie, Klinikum Köln-Merheim und Institut für Operative Medizin der Universität Witten/Herdecke. „Dieser Trend war signifikant beim Ausschluss schwerer Verletzungen mit fehlender Pupillenreaktion. Unterschiedliche Muster der Fibrinolysestörung nach Trauma sind in Abhängigkeit von Schweregrad, Verletzungsmuster und Lokalisation der Verletzung beschrieben worden. Patienten mit leichtem bis mittelschwerem Schädel-Hirn-Trauma sowie Patienten im Blutungsschock zeigen eher einen fibrinolytischen Typ und bieten damit einen Angriffspunkt für den bislang akzeptierten Wirkmechanismus von TXA. Das genaue Wirkspektrum der Substanz ist noch weitgehendest unklar. Gerinnselstabilisierende Substanzen haben grundsätzlich das Potenzial für thromboembolische Ereignisse.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Maegele M, Lefering R, et al.: The incidence and management of moderate to severe head injury. A retrospective analysis of data from the trauma register of the German Trauma Society. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 167–73.
  2. The CRASH-2 collaborators. Effects of tranexamic acid on death, vascular occlusive events, and blood transfusion in trauma patients with significant haemorrhage (CRASH-2). Lancet 2010; 376: 23–32.
  3. The CRASH-3 trial collaborators. Effects of tranexamic acid on death, disability, vascular occlusive events and other morbidities in patients with acute traumatic brain injury (CRASH-3): a randomised, placebo-controlled trial. Lancet 2019; 394: 1713–23.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.