szmtag Genitalverstümmelung: Euphemistischen Begriff meiden
ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2019Genitalverstümmelung: Euphemistischen Begriff meiden
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Anlässlich Ihres Artikels sollten wir grundsätzlich den euphemistischen Begriff der „weiblichen Beschneidung“ meiden, da es sich um eine verharmlosende Parallelität zur männlichen Beschneidung im Sinne der Circumcision handelt.

Vielmehr plädiere ich für den Begriff der Klitoris-Amputation und gegebenenfalls der Amputation der Labia minora.

Auf diese Weise wird auch einem Laien klar, was eine weibliche Genitalverstümmelung tatsächlich für jedes Mädchen und für jede Frau bedeutet.

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 Dr. med. M. R. Becker, 47918 Tönisvorst

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von Roy, Edward
am Freitag, 25. September 2020, 17:05

Genitalverstümmelung ist FGM oder MGM

Rituelle Operationen am Genital betreffend, betrachte man die Mädchen und Frauen ebenso wie die Jungen und Männer.

Kind ist Junge oder Mädchen. Noch die geringst invasive Form der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM) muss verboten werden, weltweit, also auch FGM Typ Ia oder Typ IV. Eine Legalisierung beispielsweise der sogenannten milden Sunna (FGM Typ Ia oder IV nach der Klassifikation der WHO) ist zu verhindern.

Der schafiitische Fiqh ebenso wie das schiitische Islamische Recht der Bohra (aller, nicht nur der Dawudi Bohra) unterscheidet hinsichtlich der religiösen Pflicht (wâdschib, farD) zum Beschneiden zwischen Junge und Mädchen nicht. Die Rechtsschule der Schafiiten ist vorherrschend in Malaysia, Indonesien, Dagestan, Kurdistan, Somalia, in Teilen Ägyptens. Überall dort ist der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung ein besonders schwieriger.

Genitalverstümmelung ist weiblich oder männlich, Kind ist Mädchen oder Junge. Reden wir über FGM, female genital mutilation, weibliche Genitalverstümmelung und ebenso über MGM, male genital mutilation, männliche Genitalverstümmelung.

Die sensorisch-sexuelle Bedeutung der penilen Vorhaut wird immer noch allzu oft verkannt. Bei einer Zirkumzision werden die für das sexuelle Erleben zentralen Körperteile des Penis amputiert, das Gefurchte Band, die innere Vorhaut, das Frenulum (Bändchen) und das Frenulare Delta. Sexualsensorisch entspricht jede Zirkumzision einer Amputation nicht der Klitorisvorhaut, sondern der Klitoris, also einer FGM Typ Ib nach der Klassifikation der WHO.

Die Vorhaut, nicht die Eichel, ist der für leichte Berührung empfindlichste Teil des intakten männlichen Geschlechtsorgans (Sorrells, Snyder, Reiss, Ede, Milos, Wilcox, Van Howe: Fine-touch pressure thresholds in the adult penis). Die Vorhaut ist sensibler als die menschlichen Lippen oder Fingerspitzen. Aufgrund ihrer sexuellen Empfindsamkeit spielt das Präputium eine bedeutende Rolle im Sexualleben unbeschnittener Männer und belastet eine jede Vorhautamputation Sexualität, Sexualpartner und Partnerschaft (Frisch, Lindholm, Grønbæk: Male circumcision and sexual function in men and women: a survey-based, cross-sectional study in Denmark).

Tausende von überwiegend spezialisierten Nervenendigungen bzw. Tastkörperchen (Meissner-Körperchen, Vater-Pacini-Körperchen, Ruffini-Körperchen und Merkel-Zellen) werden bei der Zirkumzision, die wir endlich männliche Genitalverstümmelung (MGM) nennen sollten, amputiert. Diese spezialisierten Nervenendigungen dienen dazu, auch leichteste Berührungen sowie Feinheiten von Temperatur, Geschwindigkeit bzw. Vibration oder Textur wahrzunehmen und weiterzuleiten. Im Vergleich dazu befinden sich auf der Glans penis (Eichel) nur wenige, überwiegend unspezialisierte freie Nervenenden, sogenannte Nozizeptoren, die Schmerzreize detektieren und weiterleiten können.

Ob es um Mädchen und spätere Frauen geht oder um Jungen und spätere Männer geht: Überwinden wir das verharmlosende Gerede von der Beschneidung - "Genitalverstümmelung: Euphemistischen Begriff meiden".

Edward von Roy, Diplom-Sozialpädagoge (FH)

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