ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2019Hodgkin-Lymphom: Brentuximab verbessert Prognose

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Hodgkin-Lymphom: Brentuximab verbessert Prognose

Dtsch Arztebl 2019; 116(51-52): A-2405

Siegmund-Schultze, Nicola

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Das Anti-CD30-Antikörper-Drug-Konjugat Brentuximab Vedotin erhöht in der Erstlinie die Chance auf eine anhaltende Progressionsfreiheit in fortgeschrittenen Krankheitsstadien. Aber auch nach autologer Stammzelltransplantation verbessert die zielgerichtete Behandlung die Prognose.

Jährlich erkranken in Deutschland circa 2 400 Patienten an einem Hodgkin-Lymphom (HL). Es sind vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, der Altersgipfel liegt bei 32 Jahren. Die risikoadaptierte Therapie auf Basis einer initialen Stadieneinteilung hat die Prognose deutlich verbessert: Das 5-Jahres-Überleben liegt inzwischen bei > 80 % (1). Patienten mit niedrigem Rezidivrisiko werden mit kurzen Chemotherapieprotokollen in Kombination mit Bestrahlung behandelt, Patienten mit hohem Rezidivrisiko mit intensiver Chemotherapie.

„Gerade weil die meisten Patienten eine gute Prognose haben, ist für sie die teilweise erhebliche Spättoxizität der Behandlung durch sekundäre Malignome, kardiologische Nebenwirkungen, pulmonale Komplikationen oder Infertilität problematisch“, sagte Priv.-Doz. Dr. med. Boris Böll von der Universitätsklinik Köln bei einem Symposium des Unternehmens Takeda während der Jahrestagung der deutschsprachigen Gesellschaften für Hämatologie und Medizinische Onkologie in Berlin. „Die Therapie muss weniger toxisch werden.“

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CD30-Antikörper-Drug-Konjugat in allen Therapielinien möglich

Eine vergleichsweise neue Strategie beim CD30-positiven „klassischen“ HL ist die zielgerichtete Therapie mit dem Antikörper-Drug-Konjugat (ADC) Brentuximab Vedotin (BV; (Adcetris®, Takeda). Im Jahr 2012 wurde das gegen CD30 gerichtete ADC in Europa für die Rezidivtherapie nach autologer Stammzelltransplantation (ASCT) zugelassen, inzwischen ist die Behandlung in allen Therapielinien möglich. Brentuximab Vedotin ist in Kombination mit Adriamycin, Vinblastin und Dacarbazin (A+AVD) in der Erstlinientherapie für Patienten im Stadium 4 eine Alternative zu der bisherigen Kombination Adriamycin, Bleomycin, Vinblastin und Dacarbazin (ABVD).

Böll stellte Daten der ECHELON-1-Studie vor, sie bildet die Basis für die Indikationserweiterung (2, 3). In die randomisierte Phase-3-Studie wurden 1 334 unbehandelte Patienten mit fortgeschrittenem HL (Stadium 3–4) eingeschlossen und mit 6 Zyklen A+AVD oder 6 Zyklen ABVD behandelt. Primärer Endpunkt war das modifizierte progressionsfreie Überleben (mPFS; Zeit bis zum Progress, bis zur Folgetherapie oder Tod). Das mPFS hatte sich nach 2 Jahren A+AVD mit 84,2 % im Vergleich zu ABVD mit 78,0 % statistisch signifikant verbessert, das Risiko des Therapieversagens wurde um 29 % reduziert (Hazard Ratio [HR]: 0,71; p = 0,023).

Nun gibt es Daten für ein medianes Follow-up von 37 Monaten (4). Nach 3 Jahren betrug das progressionsfreie Überleben (PFS) 83,1 % für A+AVD vs. 76,0 % für ABVD, eine Reduktion um 30 % (HR: 0,70; p = 0,005). Dies belege einen anhaltenden Benefit des Regimes A+AVD, so die Studienautoren, ohne dass ein Interim-PET, eine Dosiserhöhung oder Bleomycin notwendig wären. Periphere Neuropathien seien mit 67 % in der A+AVD-Gruppe häufiger gewesen als mit 43 % unter ABVD, hätten sich aber bei 2 Dritteln der Patienten rasch wieder zurückgebildet.

Bei rezidiviertem HL ist die Prognose schlechter als bei initialer Behandlung, nur noch jeder 2. Patient kann geheilt werden. Die Onkopedia- und AWMF-Leitlinien (1, 5) empfehlen für HL-Patienten, die beim 1. Rezidiv eine Hochdosis-Chemotherapie (HDCT) und ASCT erhalten haben, eine konsolidierende Therapie mit BV. Dass sie das Rezidiv- oder Progressionsrisiko anhaltend senken kann, belegt die Phase-3-Studie AETHERA (6, 7).

Konsolidierung: Anhaltender Effekt von Brentuximab Vedotin

329 Patienten nach HDCT und ASCT erhielten entweder alle 3 Wochen BV oder Placebo bis zu 16 Zyklen, jeweils plus Best Supportive Care. Während im BV-Arm nach 5 Jahren das mediane PFS noch nicht erreicht war, lag es im Placeboarm bei 15,8 Monaten. 59 % der BV-Behandelten waren nach 5 Jahren progressionsfrei vs. 41 % unter Placebo, berichtete Priv.-Doz Dr. med. Bastian von Tresckow, Universitätsklinik Köln.

Häufigste Nebenwirkung von BV war die periphere Neuropathie, die sich jedoch bei 90 % der Patienten bis zum letzten Follow-up gebessert und bei 73 % komplett zurückgebildet hatte. Vor allem Patienten mit ≥ 2 Risikofaktoren profitierten durch ein um 58 % reduziertes Progressionsrisiko. Die Konsolidierung mit dem ADC werde daher bei Rezidiv nach 1. Transplantation empfohlen, besonders aber bei erhöhtem Risiko für ein 2. Rezidiv. Gegeben ist dies bei einer Erkrankung im Stadium 4, einer kurzen Zeit bis zum Progress (≤ 3 Monate), einem ECOG-Status ≥ 1, einem Bulk ≥ 5 cm oder bei unzureichendem Ansprechen auf eine Salvagetherapie.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Quelle: Industriesymposium „Verbesserung von Therapieergebnissen durch zielgerichtete Therapien bei CD30-positiven Lymphomen und dem Multiplen Myelom“, Berlin, 11. Oktober 2019; Veranstalter: Takeda Oncology

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit5119
oder über QR-Code.

1.
Onkopedia-Leitlinien Hodgkin-Lymphom 01/2018. https://www.onkopedia.com/de/
onkopedia/guidelines.
2.
Connors JM, Jurczak W, Straus DJ, et al.: Brentuximab vedotin with chemotherapy for stage III or IV Hodgkin’s lymphoma. New Engl J Med 2018; 378: 331–44 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Hutchings M, Radford J, Gallamini A, et al.: Brentuximab vedotin plus chemotherapy in patients with high-risk advanced-stage classical Hodgkin Lymphoma (cHL): results of prespecified sub-group analyses from the Echelon-1 study. 11. International Symposium on Hodgkin Lymphoma (ISHL), Oktober 2018 in Köln; Abstr. #136.
4.
Gallamini A, Straus D, Dlugosz-Danecka M, et al.: Frontline brentuximab vedotin with chemotherapy for stage 3/4 classical Hodgkin lymphoma: 3-year update of the ECHELON-1 Study. 24th European Association of Hematology Congress, Juni 2019 in Amsterdam CrossRef
5.
Leitlinienprogramm Onkologie (DKG, Dt. Krebshilfe, AWMF): Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Hodgkin-Lymphoms bei erwachsenen Patienten, Version 2.1, April 2019; AWMF-Registernummer 018/029 OL.
6.
Moskowitz CH, Nademanee A, Masszi T, et al.: Brentuximab vedotin as consolidation therapy after autologous stem-cell transplantation in patients with Hodgkin‘s lymphoma at risk of relapse or progression (AETHERA): a randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3 trial. Lancet 2015; 385: 1853–2 CrossRef
7.
Moskowitz CH, Walewski J, Nademanee A, et al.: Five-year PFS from the AETHERA trial of brentuximab vedotin for Hodgkin lymphoma at high risk of progression or
relapse. Blood 2018; 132: 2639–42 CrossRef MEDLINE
1. Onkopedia-Leitlinien Hodgkin-Lymphom 01/2018. https://www.onkopedia.com/de/
onkopedia/guidelines.
2. Connors JM, Jurczak W, Straus DJ, et al.: Brentuximab vedotin with chemotherapy for stage III or IV Hodgkin’s lymphoma. New Engl J Med 2018; 378: 331–44 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3. Hutchings M, Radford J, Gallamini A, et al.: Brentuximab vedotin plus chemotherapy in patients with high-risk advanced-stage classical Hodgkin Lymphoma (cHL): results of prespecified sub-group analyses from the Echelon-1 study. 11. International Symposium on Hodgkin Lymphoma (ISHL), Oktober 2018 in Köln; Abstr. #136.
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5. Leitlinienprogramm Onkologie (DKG, Dt. Krebshilfe, AWMF): Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Hodgkin-Lymphoms bei erwachsenen Patienten, Version 2.1, April 2019; AWMF-Registernummer 018/029 OL.
6. Moskowitz CH, Nademanee A, Masszi T, et al.: Brentuximab vedotin as consolidation therapy after autologous stem-cell transplantation in patients with Hodgkin‘s lymphoma at risk of relapse or progression (AETHERA): a randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3 trial. Lancet 2015; 385: 1853–2 CrossRef
7. Moskowitz CH, Walewski J, Nademanee A, et al.: Five-year PFS from the AETHERA trial of brentuximab vedotin for Hodgkin lymphoma at high risk of progression or
relapse. Blood 2018; 132: 2639–42 CrossRef MEDLINE

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