ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2019Von schräg unten: Lebensstiländerung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Lebensstiländerung

Dtsch Arztebl 2019; 116(51-52): [48]

Böhmeke, Thomas

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CO2 ist momentan in aller Munde, und zwar mit über 400 ppm, also parts per million. Unsere Klimaschützer übersetzen ppm mit „Panik! Panik! Macht was!“ die Anklage lautet: Wir verbraten aufgrund unseres Lebensstils die Zukunft unserer Nachkommen.

Die CO2-Erhöhung ist auch dem Marktplatz der Möglichkeiten geschuldet und so ist es nicht weiter verwunderlich, wenn Fernflüge so günstig sind wie ein Abendessen beim Italiener, unsere Kleidung und unser Essen mehr Länder bereist hat als wir selbst es je vermögen. Eine Umkehr ist nur mittels einer drastischen Lebensstiländerung möglich, dafür die Aufgabe lieb gewonnener Usancen erforderlich. Die Selbstverständlichkeit tropischer Früchte in Discountern, die Massenreisen bei sportlichen Veranstaltungen, Flugreisen zu exotischen Destinationen sind gefühltes elementares Menschenrecht.

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Daher ist es das Gebot der Stunde, jeden, wirklich jeden Menschen davon zu überzeugen, kein CO2 mehr zu produzieren! Die Frage ist jedoch: Schaffen wir es, zwecks Einhaltung eines technischen Grenzwertes das Leben der Menschen umzukrempeln, den Überfluss einzudämmen, dies zu ihrem langfristigen Nutzen? Ich selbst bin, was gesundheitsfördernde Argumentationen anbelangt, weniger als Überflieger, sondern als Bauchlandung unterwegs, und tröste mich damit, dass diese wohl weniger CO2 verbraucht.

So scheitere ich regelmäßig an dem simpel anmutenden Versuch, einen Schutzbefohlenen mit maligner Adipositas zur Lebenstiländerung zu bewegen. Die Aufforderung „Sie müssen dringend abnehmen!“ ist so effektiv wie der Versuch, durch kollektive Apnoe den CO2-Spiegel zu senken. Den wissenschaftlichen Ansatz „Wenn Sie Idealgewicht erreichen“ haben sie eine statistisch signifikante Reduktion von assoziierten Komplikationen wie Gefäßerkrankungen, Stoffwechselstörungen und orthopädischen Problematiken!“ übersetzen meine Schutzbefohlenen üblicherweise mit+: „Oh, der Doktor meint, meine Statik ist schlecht. Daher muss ich erst mal Kraft tanken, wo ist der Kühlschrank?!“

Der individualisierte Therapieversuch „Damit Sie eine Vorstellung davon haben, wie es bei zunehmendem Gewicht und schwachem Herzen um Ihre Luftnot bestellt ist, wickeln wir mal eine Kurzzugbinde um Ihre Brust und dann laufen Sie durch die Praxis!“ animierte besagte Probanden, kurzfristig aus der Praxis zu laufen, um weiter zuzunehmen. Als nächste Stufe der Eskalation werden Wetten abgeschlossen: „Herr Doktor, in einem halben Jahr bin ich zehn Kilo leichter, wenn nicht zahle ich zwanzig Euro in eure Kaffeekasse!“ Ich wundere mich immer wieder, wie wenig Geld vom Praxiskonto für Naturalien des täglichen Bedarfs benötigt wird.

Tja, der Rückzug aus dem Überfluss sorgt zuverlässig für Verdruss. Als Apologet der Klimabewegung tauge ich wohl so viel wie der Versuch, mit einem Fön das CO2 ins Weltall zu blasen. Aber ich werde Fridays for Future und Extinction Rebellion genau beobachten: Wenn sie es tatsächlich schaffen sollten, alle Menschen von ihrem Ansinnen zu überzeugen, dann habe ich auch was für die Praxis gelernt.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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