ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2020Gerichtsurteil gegen Ärzte: Schockierend und empörend
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Die Lektüre Ihres Rechtsreports schockiert und empört zugleich, weil es sich hier, zumindest medizinisch betrachtet, offenkundig um ein erschreckend inkompetentes Fehlurteil handelt, welches die eigentlich relevanten Umstände und Besonderheiten des hier zu beurteilenden Einzelfalls völlig außer Acht lässt. Es hätte berücksichtigt werden müssen, dass es sich bei der hier aus medizinischen Gründen indiziert gewesenen Spätabtreibung um eine Zwillings-Schwangerschaft gehandelt hat, bei der selbstredend, gemäß dem Grundsatz „nihil nocere“, mit erster Priorität der gesunde, nicht abzutreibende Zwilling unter Ausschaltung sämtlicher potenzieller Gefährdungsmomente zur Welt zu bringen war.

Von der beschriebenen üblichen Verfahrensweise, bei einer Spätabtreibung das vorgeschädigte Kind zunächst im Mutterleib zu töten und anschließend zu entfernen, konnte und durfte im hier gegebenen Fall abgewichen werden … .

Wäre man anders verfahren, wäre hierdurch der zu entbindende gesunde Zwilling vermeidbaren Gefährdungen ausgesetzt worden. Denn er hätte, wenn noch in utero, durch die vorausgehende Tötung des vorgeschädigten Zwillings in Mitleidenschaft gezogen werden können. … 

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Ergänzend ist zu berücksichtigen, dass schließlich die betroffene Mutter entschieden hatte, sich von dem schwer vorgeschädigten Zwilling mittels einer Spätabtreibung, d. h. bewusster und zielgerichteter Tötung, zu trennen.

Unabhängig davon, wie man zu einer Abtreibung als solche steht, bleibt festzuhalten, dass die beiden hier agierenden Gynäkologen entweder durch vorsätzlich planendes oder intuitiv adäquates klinisches Vorgehen das einzig Richtige getan hatten, nämlich zu allererst die gesunde Leibesfrucht wohlbehalten auf die Welt zu bringen und sich anschließend mit der Tötung und Beseitigung der geschädigten Leibesfrucht zu befassen.

Dass nun die betreffenden Ärzte, nur weil sie offenkundig und zu Recht mit erster Priorität das Wohl der gesunden Leibesfrucht und der zu entbindenden Schwangeren im Auge behalten hatten, durch eine offensichtlich kurzsichtige Gerichtsbarkeit, welche auf inkompetente Weise die vorskizzierten klinisch relevanten Aspekte offenkundig ausgeblendet hat, dahingehend kriminalisiert werden sollen, dass sie als „Totschläger“ abgestempelt werden, erscheint untragbar. Hiermit führen sich unsere Gerichtsbarkeit und unser sogenannter Rechtsstaat selbst ad absurdum. ...

Prof. Dr. med. Jörg Piper, 56859 Bullay

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