ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2020Deutsches Gesundheitssystem: Hohe Kosten, durchschnittliche Ergebnisse

POLITIK

Deutsches Gesundheitssystem: Hohe Kosten, durchschnittliche Ergebnisse

PP 19, Ausgabe Januar 2020, Seite 22

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Das deutsche Gesundheitssystem bietet zwar umfassende Leistungen auf hohem Niveau, ist aber teurer als das der meisten anderen EU-Länder. Die Gesundheitsergebnisse entsprechen dagegen nur dem europäischen Durchschnitt. Das geht aus einer Analyse der EU-Kommission hervor.

Foto: Alterfalter/stock.adobe.com
Foto: Alterfalter/stock.adobe.com

Die Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheitsversorgung liegen in Deutschland höher als in allen anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU). Im Jahr 2017 wurden hierzulande 4 300 Euro für die Versorgung eines Patienten ausgegeben. Das waren 1 400 Euro mehr als im EU-Durchschnitt. Die Lebenserwartung in Deutschland liegt hingegen mit 81,1 Jahren nur leicht über dem europäischen Durchschnitt von 80,9 Jahren. Die meisten westeuropäischen Länder schneiden besser ab. So leben die Menschen in Spanien und Italien etwa zwei Jahre länger als in Deutschland und damit am längsten in der EU. Das geht aus dem Bericht „State of Health: Die Gesundheitssysteme in Deutschland und den anderen EU-Ländern“ hervor, den die Europäische Kommission am 27. November in ihrer Vertretung in Berlin vorgestellt hat. Der Bericht analysiert neben europäischen Gesundheitstrends die Besonderheiten der Gesundheitsversorgung in den 28 Mitgliedstaaten der EU sowie in Island und Norwegen. Erstellt wird er unter Mitarbeit der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Technischen Universität Berlin.

Anzeige

Ein Vertreter der EU-Kommission betonte, es gehe nicht darum, sich in die Gestaltung der Gesundheitssysteme der Mitgliedstaaten einzumischen. Diese seien nach den europäischen Verträgen rein nationale Angelegenheit. Dennoch verfolge die Kommission das Ziel, in allen Mitgliedstaaten leistungsfähige, zugängliche und belastbare Gesundheitssysteme zu schaffen. Damit das gelinge, stelle sie Vergleichsdaten zur Verfügung, auf deren Grundlage die einzelnen Länder Best-Practice-Beispiele identifizieren und über Problemlösungen diskutieren könnten.

Gesundheitszustand
Gesundheitszustand
Grafik 1
Gesundheitszustand
Gesundheitssystem
Gesundheitssystem
Grafik 2
Gesundheitssystem
Risikofaktoren
Risikofaktoren
Grafik 3
Risikofaktoren

Verhaltensbedingte Risiken

Dem Bericht zufolge sind ähnlich wie im europäischen Durchschnitt etwa vier von zehn Todesfällen in Deutschland auf verhaltensbedingte Risikofaktoren wie schlechte Ernährung, Rauchen, Alkoholkonsum und geringe körperliche Aktivität zurückzuführen. Dabei gehen Menschen mit niedrigerem sozioökonomischen Status risikoreicher mit ihrer Gesundheit um als besser situierte – ein Trend, der sich ebenfalls in den meisten EU-Ländern abzeichnet.

Im Systemvergleich fällt auf, dass die Menschen in Deutschland einen nahezu universellen Kran­ken­ver­siche­rungsschutz durch die gesetzliche oder private Kran­ken­ver­siche­rung genießen. Die Zuzahlungen aus eigener Tasche fallen dementsprechend gering aus und liegen im Vergleich zum EU-Durchschnitt (15,8 Prozent) nur bei 12,5 Prozent. Generell haben dem Bericht zufolge die Menschen in Deutschland einen sehr guten Zugang zur Gesundheitsversorgung. „Wir haben die kürzesten Wartezeiten auf Facharzttermine“, erklärte Dr. med. Wilm Quentin vom European Observatory on Health Systems and Policies der Technischen Universität Berlin. Nur drei Prozent der Patienten in Deutschland warteten zwei Monate oder länger auf einen Termin.

Die überdurchschnittlich hohen Kosten im deutschen Gesundheitswesen begründete der Wissenschaftler zum einen mit der Fragmentierung des Systems und der unzureichenden Koordination der Patientenbehandlung. Im Bericht heißt es, weil ein Gatekeeping-System fehle, komme es nicht nur zu einer hohen Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen, sondern auch zu Brüchen zwischen allgemein- und fachärztlicher Versorgung. Ineffizienzen durch Informationsverluste und Doppeluntersuchungen ergäben sich auch an der Schnittstelle zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern. Dazu kämen Defizite bei der Digitalisierung, zum Beispiel fehlende elektronische Patientenakten.

Zum anderen machte Quentin die hohen Kosten im stationären Sektor für das schlechte Abschneiden Deutschlands im europäischen Ausgabenvergleich verantwortlich. So liege die Zahl der Krankenhausbetten um 60 Prozent höher als der EU-Durchschnitt. Auch die Verweildauer sei mit 8,9 Tagen länger als die europaweit durchschnittlichen acht Tage. „Im Krankenhausbereich könnte man effizienter werden und mehr Leistungen ambulant durchführen“, meinte Quentin.

Bewertet man die Leistungen des deutschen Gesundheitssystems anhand der vermeidbaren Todesfälle, stehe Deutschland nur leicht besser da als der europäische Durchschnitt. Die meisten anderen westeuropäischen Staaten weisen bessere Werte auf. So hätten in Deutschland dem EU-Bericht zufolge im Jahr 2016 158 Todesfälle pro 100 000 Einwohner durch wirksame Präventionsmaßnahmen verhindert werden können (EU: 161). Die Autoren weisen zum Beispiel darauf hin, dass Deutschland das einzige EU-Land sei, das noch Tabakwerbung erlaube, obwohl bekannt sei, dass Lungenkrebs für ein Viertel der durch Prävention vermeidbaren Sterblichkeit verantwortlich sei.

Gute Werte bei Krebstherapie

Deutschland verzeichnet auch bei den durch Behandlung vermeidbaren Todesfällen ähnliche Ergebnisse wie der EU-Durchschnitt. Allerdings ist die Rate hier ebenfalls schlechter als in fast allen anderen westeuropäischen Ländern. Im Jahr 2016 galten dem Bericht zufolge in Deutschland rund 65 000 Todesfälle als vermeidbar. „Deutschland schneidet zwar gut ab bei der Behandlung von Krebs und Schlaganfall, aber schlechter bei der Behandlung des Herzinfarkts“, erklärte Quentin. Als eine der Ursachen macht der Bericht das Problem aus, dass es in Deutschland immer noch viele kleine Krankenhäuser gibt, die stationäre Leistungen erbringen, ohne dafür ausreichend Personal oder technisches Gerät vorzuhalten.

Neben den Länderanalysen identifiziert der EU-Bericht fünf Gesundheitstrends in allen Mitgliedstaaten:

  • Danach drohen Gefahren für die Gesundheit, weil Impfmüdigkeit und -skepsis weit verbreitet sind. Die EU-Kommission fordert hier eine bessere Information und Aufklärung der Bevölkerung. Dabei müssten die Gesundheitsberufe aktiv einbezogen werden.
  • Der digitale Wandel habe das Potenzial, die Gesundheitsversorgung gerade von chronisch Kranken zu verbessern. Um digitale Informationsangebote sinnvoll nutzen zu können, müsse man jedoch die Gesundheitskompetenz der Anwender fördern und für Datensicherheit sorgen.
  • Um die Leistungsfähigkeit der verschiedenen Gesundheitssysteme bewerten und vergleichen zu können, müssten systematisch Daten erhoben werden. Das sei zurzeit noch unbefriedigend.
  • Um dem drohenden Mangel beim Gesundheitspersonal entgegenzuwirken, müsse auch über neue Aufgabenverteilungen und Zuständigkeiten diskutiert werden. In Frankreich dürften Apotheker beispielsweise impfen.
  • Die meisten EU-Staaten hätten mit Problemen im Arzneimittelmarkt zu kämpfen. Es komme zu Lieferengpässen, die Krankenversicherer klagten über zu hohe Medikamentenpreise, die das System an ihre Grenzen brächten. Hier gelte es, die Interessen von Kostenträgern und Pharmaindustrie in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen, damit die Patienten auch weiterhin sicher versorgt werden könnten. In allen fünf Bereichen könnten die Mitgliedstaaten vom Austausch untereinander profitieren, meint die EU-Kommission. Heike Korzilius
Gesundheitszustand
Gesundheitszustand
Grafik 1
Gesundheitszustand
Gesundheitssystem
Gesundheitssystem
Grafik 2
Gesundheitssystem
Risikofaktoren
Risikofaktoren
Grafik 3
Risikofaktoren

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema