ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2020Psychisch kranke Arbeitnehmer: Depressionen an der Spitze

POLITIK

Psychisch kranke Arbeitnehmer: Depressionen an der Spitze

PP 19, Ausgabe Januar 2020, Seite 20

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der aktuelle Gesundheitsreport der BKKen zeigt erneut den hohen Anteil psychischer Erkrankungen bei Erwerbstätigen. Experten fordern mehr Aktivitäten von Unternehmen zum Erhalt der psychischen Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Im Fokus soll der Erhalt der Arbeitsfähigkeit stehen.

Der Anstieg der Arbeitsunfähigkeits-(AU-)Tage aufgrund psychischer Störungen hält bei BKK-versicherten Arbeitnehmern unverändert an: Die Fehltage haben sich seit 2008 mit 129 Prozent mehr als verdoppelt. „Psychische Erkrankungen haben mit aktuell durchschnittlich 37 Fehltagen je Fall auch die längsten Ausfallzeiten“, sagte Franz Knieps, Vorstand des BKK-Dachverbands, bei der Vorstellung des BKK-Gesundheitsreports Anfang Dezember in Berlin. Im Jahr 2018 wurden 15,7  Prozent der AU-Tage durch eine psychische Erkrankung verursacht, das macht sie zur drittgrößten Ursache für Fehltage unter den BKK-Versicherten nach Atemwegserkrankungen (16,4 Prozent) und Muskel-Skelett-Erkrankungen (23,8 Prozent).

Mehr als 90 Prozent der AU-Tage aufgrund psychischer Erkrankungen sind dem BKK-Report zufolge den Diagnosen Depression, Angststörungen, Zwangsstörungen und somatoforme Belastungsstörungen zuzuordnen. Die „depressive Episode“ (F-32) ist dabei die bedeutendste Einzeldiagnose.

Anzeige

Mehr präventive Aktivitäten

„Die Prävalenz psychischer Erkrankungen ist zwar seit Jahren stabil, aber die Abrechnungszahlen steigen an“, konstatierte Knieps. Wenngleich Arbeitslosigkeit der größte Risikofaktor für eine psychische Erkrankung ist, brauchen wir mehr präventive Aktivitäten der Betriebe für ihre Arbeitnehmer“, forderte er. Bisherige Angebote müssten bedarfsgerechter ausgestaltet und neue in die Fläche gebracht werden.

Branchen und Berufe, die einer hohen psychosozialen Belastung ausgesetzt sind, haben dem Gesundheitsreport zufolge das höchste Risiko für eine psychische Erkrankung der Beschäftigten. Mit 4,09 Fehltagen je Mitarbeiter stehen dabei die Sicherheitsberufe an der Spitze, gefolgt von Gesundheitsberufen (3,64) und Reinigungsberufen (3,59).

Autonomie und selbstbestimmtes Arbeiten gelten als wichtige Schutzfaktoren vor psychischen Erkrankungen. Darauf wies Prof. Dr. med. Holger Pfaff, Direktor des Instituts für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft an der Universität Köln, hin. Monotones Arbeiten und geringe Eigenverantwortung führten im Gegenzug zu einem höheren Risiko. Zuträglich für den Erhalt der psychischen Gesundheit im Arbeitsleben ist Pfaff zufolge Lob und Anerkennung durch Führungskräfte beziehungsweise den Arbeitgeber. Hier sieht er jedoch ein Manko: „Es mangelt immer noch an Wertschätzung für die Mitarbeiter in deutschen Unternehmen.“ Auch ein positives Klima unter Kollegen mit gegenseitiger sozialer Unterstützung könne das Risiko für psychische Erkrankungen minimieren. Ein besonderes Problem sieht der Medizinsoziologe auch im sogenannten Präsentismus. Das heißt, Mitarbeiter kommen mit psychischen Erkrankungen, beispielsweise Depressionen, zur Arbeit und können dort aber nicht das leisten, was gefordert ist. Dies habe enorme ökonomische Verluste für die Unternehmen zufolge. „Wichtig ist ein betriebliches Versorgungsmanagement, das ermöglicht, Betroffene schnell in psychotherapeutische Behandlung zu bringen“, erklärte Pfaff. Große Unternehmen könnten eine „psychosomatische Sprechstunde“ auf dem Betriebsgelände einrichten. Kleine und mittelständische Unternehmen hätten solche Möglichkeiten nicht.

Der Vorstand des BKK-Dachverbands Knieps wies auf psyGA hin, dem Portal für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz. Hier finden Führungskräfte, Mitarbeiter und Fachkräfte des Betrieblichen Gesundheitsmanagements Handlungshilfen, mit denen Sie gezielt die psychische Gesundheit Ihrer Mitarbeiter fördern können (https:// www.psyga.info).

Rechtzeitige Therapie und Reha

„Ein Alarmzeichen“ sind die im BKK-Report genannten Zahlen für die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). „Sie zeigen nachdrücklich die gesamtgesellschaftliche Relevanz des Themas und die Notwendigkeit weiterer Anstrengungen auf“, heißt es aus der Fachgesellschaft. Der Schlüssel zur Vermeidung von AU-Fällen und Frühberentungen liege in der Stärkung von Präventionsmaßnahmen, einer rechtzeitigen und bedarfsgerechten Therapie und einer effektiven Rehabilitation von psychischen Erkrankungen. Hierzu sollten Konzepte wie das Supported Employment, das Betroffene darin unterstützt, möglichst schnell wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, stärker gefördert und flächendeckend umgesetzt werden, fordert die DGPPN.

Darüber hinaus forderte die Linke im Bundestag vor Kurzem, auch psychische Erkrankungen als Berufskrankheit anzuerkennen. Eine Reform der Gesetze sei hier überfällig. Doch bereits vorher sei eine Anti-Stress-Verordnung längst überfällig. Sie würde klare und verbindliche Richtlinien bedeuten, um Stress bei der Arbeit einzudämmen. Petra Bühring

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema