ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2020Reform der Psychotherapieausbildung: Bedrohung der Patientenversorgung

POLITIK: Kommentar

Reform der Psychotherapieausbildung: Bedrohung der Patientenversorgung

PP 19, Ausgabe Januar 2020, Seite 21

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In der Bundesratsvorlage zur Approbationsordnung für Psychotherapeuten fehlen verbindliche Vorgaben, dass das Fachgebiet der Psychotherapie in seiner gesamten Breite im Studium vertreten sein muss. Die einseitig verhaltenstherapeutische Lehre würde damit fortgeschrieben.

Georg Schäfer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V.
Georg Schäfer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V.

Das Gesetz zur Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung gibt für das neue, direkt zur Approbation führende Studium eine Qualifizierung in den Grundlagen der wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren vor. Diese soll auch „umsetzungsorientiert“ ausgerichtet sein. Der Gesetzgeber wünscht, alle wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren gleichrangig in das Studium einzubeziehen, was auch dem Begründungsteil des Gesetzes zu entnehmen ist. Mit dieser Zielsetzung könnte dem bestehenden Missstand, dass fast durchgehend nur ein Ausschnitt des Fachgebietes der Psychotherapie an den psychologischen Universitätsinstituten fachkundig vertreten ist, abgeholfen werden. Die einseitig verhaltenstherapeutische Lehre des Fachgebietes wird seit Jahren (unter anderem in einer Bundestagspetition der Studierenden) heftig beklagt. Dieser Missstand bedroht in seiner Konsequenz die psychotherapeutische Versorgung der Bevölkerung mit tiefenpsychologisch fundierter und analytischer Psychotherapie und gegebenenfalls auch zukünftig die Versorgung mit systemischer Psychotherapie.

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Die Approbationsordnung aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, die am 14. Februar im Bundesrat zur Abstimmung steht, setzt die Zielsetzung des Reformgesetzes jedoch nicht um. So fehlen verbindliche Vorgaben, dass das Fachgebiet der Psychotherapie in seiner gesamten Breite im Studium vertreten sein und durch Hochschullehrer und Dozenten gelehrt werden muss, die über die Fachkunde beziehungsweise eine Weiterbildung in den zu lehrenden Psychotherapieverfahren verfügen. Es ist nicht akzeptabel, dass verhaltenstherapeutisch ausgebildete Hochschullehrer ohne vertiefte Qualifizierung auch analytische und tiefenpsychologisch fundierte sowie systemische Psychotherapie in der hochschulischen Lehre unterrichten. Auch erscheint es für ein Psychotherapiestudium unabdingbar, dass alle in der Patientenversorgung vertretenen Psychotherapieverfahren verpflichtend in den berufspraktischen Qualifizierungen angeboten und in den Hochschulambulanzen vorgehalten werden.

Es wird somit in der Bundesratsvorlage zur Approbationsordnung nicht sichergestellt, dass Studierende der Psychotherapie die verschiedenen Psychotherapieverfahren mit ihren unterschiedlichen wissenschaftlichen Zugängen zum Menschen tatsächlich kennenlernen können. Dies wird aber erheblich die Wahl des Vertiefungsverfahrens in der Weiterbildung beeinflussen. Wer die verschiedenen Verfahren nicht an der Universität in Theorie und praktischer Anschauung kennenlernt, dem steht später bei der Wahl seiner Fachgebietsweiterbildung keine valide Entscheidungsgrundlage zur Verfügung. Die Forschung darüber, wie Psychotherapeuten ihr Psychotherapieverfahren wählen, ist in einem Punkt sehr eindeutig: Entscheidend ist der unmittelbare Kontakt zu Fachvertretern der Psychotherapieverfahren. Dieser ist aber derzeit weitgehend nur für die Verhaltenstherapie in den psychologischen Universitätsinstituten gegeben.

Der 35. Deutsche Psychotherapeutentag hat deshalb im November 2019 in einer mit großer Mehrheit verabschiedeten Resolution „eindeutige Mindestanforderungen zur Absicherung der im Gesetz verankerten Verfahrens- und Methodenvielfalt in den verschiedenen Altersgruppen durch in den Verfahren mit Fachkunde beziehungsweise Weiterbildung qualifizierte Lehrende“ für die Approbationsordnung gefordert. Sollte die Realisierung dieser Zielsetzung jetzt an einem Streit zwischen Bund und Ländern hinsichtlich der Finanzierung der neuen Studiengänge scheitern, so wäre eine wirkliche Chance vertan. Es wäre angemessener hier nachzuverhandeln, oder, soweit die personellen Ergänzungen der Fachbereiche mehr Zeit benötigen, Übergangsfristen vorzugeben, anstatt auf die Sicherstellung eines verfahrensbreiten Psychotherapiestudiums zu verzichten.

Wenn es um die Verantwortung für die Patientenversorgung und den Patientenschutz geht, kann in einem akademischen Heilberuf auch nicht der Verweis auf die „Freiheit von Forschung und Lehre“ greifen. Auch in der ärztlichen Approbationsordnung gibt es Vorgaben zu fachlichen Standards hinsichtlich der Qualifizierung der Lehrenden. Im Ergebnis wird durch die Bundesratsvorlage die Freiheit von Forschung und Lehre vor allem für die an der Universität vertretene Verhaltenstherapie gewahrt – und zwar aus den Universitäten selbst heraus.

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