ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2020Syrische Flüchtlinge im Libanon: Negative Bewältigungsstrategien

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Syrische Flüchtlinge im Libanon: Negative Bewältigungsstrategien

PP 19, Ausgabe Januar 2020, Seite 29

Koch, Joachim

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Die Situation syrischer Flüchtlinge im Libanon ist dramatisch. Viele der geschätzten bis 1,5 Millionen Menschen lebt unter unwürdigen Bedingungen in einem Land fast ohne soziales Netz.

Die syrischen Flüchtlinge hausen teilweise in einfachen Zelten aus Planen in der libanesischen Bekaa-Ebene bei Anjar, in denen es im Winter sehr kalt werden kann. Fotos: Joachim Koch
Die syrischen Flüchtlinge hausen teilweise in einfachen Zelten aus Planen in der libanesischen Bekaa-Ebene bei Anjar, in denen es im Winter sehr kalt werden kann. Fotos: Joachim Koch

Abgebranntes Gummi klebt in dicken Schichten auf dem Asphalt, teilweise so hoch, dass unser Reisebus auf dem Weg zum Flughafen Slalom fahren muss und die Straßensperren nur an der Stelle passieren kann, wo die abgebrannten Autoreifen schon plattgefahren sind. An zwei Stellen brennt es noch leicht, an zwei Reifenbarrikaden kann starke Rauchentwicklung festgestellt werden. Steinbrocken liegen auf der Straße. Unsere Reisegruppe verlässt nach zwei Wochen den Libanon. Ziel unserer Begegnungsreise, die das Evangelische Pfarramt für Ausländerarbeit in Bad Kreuznach veranstaltete, war es, die Situation der überwiegend syrischen Flüchtlinge im Libanon besser zu verstehen. Nun erleben wir Zustände, die an Bürgerkrieg erinnern.

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Am Tag zuvor hatte es große Demonstrationen in Beirut und in größeren Städten im Libanon gegeben. Der Staat ist extrem verschuldet, die Menschen sorgen sich um Geldentwertung und sozialen Abstieg. Sie sind staatliche Misswirtschaft und Korruption leid. Eine der größten Flüchtlingskatastrophen der Moderne spielt sich in Syrien und in den umliegenden Ländern ab. Allein in der Türkei leben derzeit über drei Millionen syrische Flüchtlinge.

Überwiegend Frauen und Kinder

Für den Libanon, das Land mit den zweitmeisten Flüchtlingen, gibt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) eine Million Flüchtlinge aus Syrien an. Die Regierung des Libanon nennt die Zahl von 1,5 Millionen – überwiegend Frauen und Kinder. Seit 2011 sind im Libanon 175 000 Kinder von registrierten syrischen Flüchtlingen zur Welt gekommen. Bereits vor der Flüchtlingskrise, die 2011 begann, gab es rund 500 000 Wanderarbeiter aus Syrien. Neben den registrierten Flüchtlingen kann von einer hohen Zahl nicht offiziell eingewanderter Flüchtlinge ausgegangen werden.

Die syrischen Flüchtlinge sind über den ganzen Libanon verteilt. Sie wohnen in Häusern, in Ruinen, in palästinensischen Flüchtlingslagern, in einfachen Zeltbehausungen aus Planen in der Bekaa-Ebene, in denen es im Winter sehr kalt werden kann. Einen Anspruch auf reguläre Krankenbehandlungen haben Flüchtlinge nicht, bei sich ausbreitenden Erkrankungen wird das Gesundheitssystem aktiv, sonst helfen unter Umständen ehrenamtlich tätige Ärzte. 33 000 Familien (von 200 000) bekommen monatlich 175 US-Dollar und 166 000 Familien bekommen für fünf Monate monatlich 75 Dollar als Winterhilfe: Nötig sind 450 Dollar, denn die Lebenshaltungskosten sind im Libanon sehr hoch. Die Flüchtlinge müssen also arbeiten, um die Miete für die Zeltunterkünfte oder Wohnungen zu bezahlen und alles übrige zum Leben. 69 Prozent der Haushalte der syrischen Flüchtlinge im Libanon lebten im Jahr 2018 unterhalb der Armutsgrenze (1).

Ein Beispieldorf im Libanon mit 5 000 Einwohnern hat 1 500 syrische Flüchtlinge. Es wird beklagt, dass die Flüchtlinge Kosten verursachen durch Müllentsorgung oder Stromnutzung. Andererseits kann argumentiert werden, dass sie auch Konsumenten und damit Kunden sind, an denen die Libanesen verdienen. Ebenso sind sie preiswerte Arbeitskräfte, die Werte schaffen. Doch die syrischen Flüchtlinge werden als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt gesehen, weil sie teils zu Dumpingpreisen arbeiten: für zehn Dollar am Tag, was rund ein Viertel der Einkünfte der Einheimischen ausmacht. Die meisten Flüchtlinge wollen nach Syrien zurückkehren. Das ist aber nicht möglich, weil sie in ihrer Heimat nicht sicher wären. Die Häuser vieler Dörfer, aus denen sie kommen, sind durch die syrische Armee unbewohnbar gemacht worden. Die Rückkehr der Flüchtlinge ist nicht erwünscht, sie sind sunnitische Moslems, die Machthaber in Syrien gehören der religiösen Minderheit der Alawiten an.

Die Flüchtlingskrise im Libanon spielt sich in einem Land der Extreme ab mit unübersichtlichen Verhältnissen und Widersprüchlichkeiten: die exorbitante Kluft zwischen Arm und Reich; ein schwacher Staat der starken Einzelpersonen beziehungsweise Familien oder Clans gegenübersteht; bei 18 verschiedenen Religionsgemeinschaften verliert sich jedes Gefühl nationaler Identität. Ein Sozialstaat fehlt fast völlig, grotesk die Tatsache, dass Menschen im Alter ihren Anspruch auf medizinischen Leistungen verlieren.

Mit dem Schulprojekt „Alphabet“ erhalten die Flüchtlingskinder im Lager Hoffnung und Perspektive in einer trostlosen Umgebung.
Mit dem Schulprojekt „Alphabet“ erhalten die Flüchtlingskinder im Lager Hoffnung und Perspektive in einer trostlosen Umgebung.

Das Schulprojekt „Alphabet“

Unsere Reisegruppe besucht zwei Flüchtlingslager in der Bekaa-Ebene bei Anjar. In dieser Region leben die meisten Flüchtlinge im Libanon. Der Bus der Gruppe parkt ein Stück vom Lager entfernt, wir gehen zu Fuß einen Weg an einem Bach entlang, dessen Oberfläche fast vollständig mit Plastikmüll und Grünabfällen bedeckt ist. Das Lager aus Planen liegt neben einem freien Feld, die Ausmaße kann man gar nicht abschätzen. Dann werden wir bemerkt und Kinder kommen auf uns zu. Viele wirken fröhlich, sie tragen farbenfrohe Kleidung, möchten gerne fotografiert werden. Wir besuchen das Schulprojekt „Alphabet“. Weil Beschulungsmöglichkeiten zu weit vom Lager entfernt waren, gründeten Privatpersonen 2012 das Projekt. Das Projekt lebt von Spenden. Die Lehrkräfte in den Zeltschulen erhalten eine Aufwandsentschädigung. In einem Zelt aus Planen sehen wir zwei kleine Schulräume, die mit Schülern überfüllt sind. Uns wird erklärt, dass strikt nach Lehrplan unterrichtet wird und dass die Kinder nach dem Schulbesuch bei „Alphabet“ auf weiterführende staatliche libanesische Schulen gehen können. Die Projektträger erklären, dass viele Eltern nicht wollten, dass ihre Kinder zur Schule gehen, weil ihnen das Einkommen aus deren Arbeit fehle. Kinder, die nicht zur Schule gehen, haben jedoch ein höheres Risiko der Isolation, Diskriminierung und Ausbeutung. Die „Alphabet“-Schule wird inzwischen von 95 Prozent der Kinder des Lagers besucht, das hat sich als Norm durchgesetzt: Ein Stück Hoffnung und Perspektive in einer trostlosen Umgebung.

Ein Resettlement-Programm ist eine sofortige Schutzmaßnahme für Flüchtlinge, die bedeutende Schutzbedürfnisse und Verletzlichkeiten haben, beispielsweise als Überlebende von Folter oder Gewalt. Sie werden dauerhaft in einem anderen Land angesiedelt. Schutzbedürftig sind auch Frauen und Mädchen, Kinder und Jugendliche sowie Menschen mit medizinischen Notwendigkeiten oder Behinderungen. Flüchtlinge im Resettlement-Prozess sind geschützt gegen Zurückweisung, erhalten die gleichen Rechte wie die einheimische Bevölkerung und werden in Bezug auf ihre spezielle Verletzlichkeit besonders unterstützt. Rund 99 000 syrische Flüchtlinge sind nach Angaben des UNHCR in diesem Sinne besonders schutzbedürftig.

Desolate Situation

Diese Flüchtlinge nutzen in ihrer chronisch angespannten Lage gehäuft negative Bewältigungsstrategien. Hierzu zählen Kinderarbeit, Verheiratung Minderjähriger, die Akzeptanz sehr gefährlicher Jobs, betteln oder der Verkauf der persönlichen Habe (2). Angesichts dieser desolaten Situation ist die Politik gefragt. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hofft, dass Deutschland im nächsten Jahr auch wieder syrische Flüchtlinge aus dem Libanon aufnimmt.

Weltweit gibt es kaum Studien mit robusten Daten zur psychischen Gesundheit von Flüchtlingen (3). Nesterko und Kollegen haben gerade eine epidemiologische Studie veröffentlicht, in der Flüchtlinge, die gerade aus verschiedenen Ländern in Deutschland angekommen sind, auf posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und Somatisierungsstörungen untersucht wurden. Bei der Hälfte der Untersuchten fanden die Autoren dabei eine der drei genannten psychischen Störungen. Dies unterstreicht die Forderung, dass die ankommenden Flüchtlinge angemessen psychosozial, psychotherapeutisch und medizinisch versorgt werden müssen. Joachim Koch,

Psychologischer Psychotherapeut

1.
Yassin, N: 101 Facts & Figures on the Syrian Refuge Crisis; 2019. Volume II. 1–141. AUB. Beirut. Verfügbar unter: http://www.aub.edu.lb/ifi.
2.
UNHCR Resettlement Handbook. Geneva 2011, 1–428. Verfügbar unter: http://daebl.de/KG95.
3.
Nesterko N, et al.: Prevalence of post-traumatic stress disorder, depression and somatisation in recently arrived refugees in Germany: an epidemiological study. Cambridge University Press, 2019. 1–11. https://doi.org/10.1017/S2045796019000325.
1. Yassin, N: 101 Facts & Figures on the Syrian Refuge Crisis; 2019. Volume II. 1–141. AUB. Beirut. Verfügbar unter: http://www.aub.edu.lb/ifi.
2. UNHCR Resettlement Handbook. Geneva 2011, 1–428. Verfügbar unter: http://daebl.de/KG95.
3. Nesterko N, et al.: Prevalence of post-traumatic stress disorder, depression and somatisation in recently arrived refugees in Germany: an epidemiological study. Cambridge University Press, 2019. 1–11. https://doi.org/10.1017/S2045796019000325.

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