ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2000Obduktion: Kostenfrage

SPEKTRUM: Leserbriefe

Obduktion: Kostenfrage

Dtsch Arztebl 2000; 97(7): A-340 / B-288 / C-269

Richter-Turtur, Matthias

Zu dem Beitrag "Aufklärung tut not" von Dr. Thomas Gerst in Heft 51-52/1999:
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LNSLNS Die rückläufige Tendenz der Obduktionsrate in Deutschland ist bedauerlich, und die damit verbundene Fehlerquote in der Erkenntnis der tatsächlichen Todesursache in der geschätzten Höhe von 40 Prozent ist alarmierend. Sie haben darauf hingewiesen, dass die unsichere Rechtslage einer der Gründe für diese unbefriedigende Situation darstellt.
Neben dieser rein obduktionsrechtlichen Problematik gibt es allerdings noch mindestens zwei weitere wichtige Gründe dafür, dass eine Steigerung der Obduktionsraten unter heutigen Bedingungen kaum zu erreichen sein wird.
Der erste Grund ist die Belastung des Arzt-Patient- beziehungsweise Arzt-Angehörigen-Verhältnisses durch die Obduktion. Zum einen stellt der Tod eines nahen Angehörigen, wie Sie bereits erwähnten, eine schwere psychische Belastung dar, die die Bitte um Obduktionseinwilligung als Taktlosigkeit erscheinen lässt. Besonders in den obduktionsmäßig relevanten Fällen unklarer Todesursache besteht zudem meist ein äußerst sensibles Verhältnis zwischen dem gewissermaßen erfolglos behandelnden Arzt und den trauernden Angehörigen, die in heutiger Zeit nie frei von haftungsrechtlichen Begehrlichkeiten sein mögen. Zu Recht erwarten die Angehörigen
eine plausible Erklärung des fatalen Verlaufes durch den verantwortlichen behandelnden Arzt. Nur die vom Arzt gegebene schlüssige Erklärung des Krankheitsverlaufes bietet die Grundlage dafür, dass die trauernden Angehörigen das Geschehene ohne Vorwürfe akzeptieren können. Gerade in ungeklärten Fällen kann das Obduktionsergebnis zur Änderung dieser Erklärungen zwingen oder gar zur Aufdeckung ärztlicher Fehler führen, die - selbst wenn sie nicht schuldhaft sind - diese Akzeptanz empfindlich stören können. Es ist daher absolut verständlich, dass Kliniker in einer Zeit zunehmender haftungsrechtlicher "Unbequemlichkeit" kein gesteigertes Interesse an der Veranlassung von Obduktionen haben.
Der zweite Grund, der ein noch gewichtigeres Hindernis für eine Steigerung der Obduktionsraten in Deutschland darstellt, ist die Kostenfrage. Unter den Vorzeichen einer rein ökonomisch orientierten Gesundheitspolitik, in der seit Jahren die ersten Handlungsmaximen Sparen und Budgetbegrenzung lauten, hat die Obduktion ihre anerkanntermaßen qualitätsbewussten Fürsprecher verloren. Die Kosten einer routinemäßigen Obduktion liegen immerhin einschließlich Transport und histologischer Aufarbeitung bei 900 DM. Diese Kosten müssen ausschließlich vom behandelnden Krankenhaus getragen werden. Behandlungsfälle mit tödlichem Verlauf stellen aber im Zeitalter der Fallpauschalen und knapp bemessener Pflegesätze ohnehin finanzielle Katastrophen dar, sind doch bekanntermaßen die letzten Tage eines medizinischen Ringens um das Leben eines Patienten mit meist intensivmedizinischen Applikationen die teureren.
Solange die Kostenfrage der Obduktionen weiter ausschließlich zulasten der Krankenhäuser geregelt bleibt, wird sich - trotz gut gemeinter Appelle - nichts an der bedauerlichen Rückläufigkeit der Obduktionsrate in Deutschland ändern.
Prof. Dr. Matthias Richter-Turtur, Kreiskrankenhaus, Moosbauerweg 5-7, 82515 Wolfratshausen
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