ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2020Traumatisierung in der Kindheit: Psychogramm eines Verlorenen

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Traumatisierung in der Kindheit: Psychogramm eines Verlorenen

PP 19, Ausgabe Januar 2020, Seite 40

Breitenbach, Gaby

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Eine traumatische Kindheit schlägt Wunden. Nicht alle sind heilbar. Wir wünschen uns als Menschen, dass es am Ende etwas gibt, dass es gut ausgehen lässt, trotz alledem. Dass es etwas gibt, dass auch später wieder gut gemacht werden kann.

Max Mehrick lädt uns mit seiner Hauptfigur Jakob in die Welt eines durch Traumata wie Vernachlässigung und sexuellen Missbrauch Einsamen ein, der immer wieder versucht, den/die Menschen zu finden, den Platz auf der Welt, wo er sich zugehörig fühlen kann, wo man ihn rückhaltlos annimmt. Jakob scheitert schließlich daran, dass er sich die Welt der anderen nicht wirklich zu übersetzen vermag. Es will ihm nicht gelingen den anderen seine Welt und seine Sicht der Welt zu vermitteln. Am Ende stürzt Jakob in die Schlucht der Brüche zwischen den Welten und nimmt sich scheinbar unvermittelt das Leben, das er nie zu leben imstande war.

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Bindungen sind Geländer in die Welt und erlauben uns, einen Boden zu haben, auf dem wir stehen können. Sie erlauben sich ein Bild von uns selbst, den anderen und der Welt zu entwickeln, wo wir auch einen Platz haben können. Uns annehmbar zu finden und um unseren Platz stabil zu wissen. Mehrick beschreibt schonungslos, wie Begegnungen mit der Welt bei Jakob immer wieder Hoffnung erzeugen, um dann doch wieder zu scheitern. Er ist zutiefst überzeugt davon, dumm und wertlos zu sein, eine Zumutung für andere. Er ist sicher, dass es nichts gibt, was er kann oder geben kann. Jakob lebt das Leben eines Unsichtbaren, der an der Sichtbarkeit und dem Gesehen werden schließlich doch scheitern muss. Es wiederholen sich für ihn Voraussagen der Täter immer wieder, auch weil er nicht gelernt hat, sie sich anders zu übersetzen.

Mit Jakobs Innensicht gelingt es Mehrick, ein Psychogramm eines Verlorenen zu zeichnen, der in der Welt ganz andere Erfahrungen macht und aus Begegnungen ganz andere Erkenntnisse zieht, als die Menschen um ihn herum. Er bleibt ein Fremder. Es gelingt ihm nicht, sich mit anderen Lebenswelten stabil zu verbinden. Das Gute kann er dort, wo es ihm widerfährt, nicht als Beweis für andere Möglichkeiten erfahren, sondern nur als einzige und niemals wiederkehrende Ausnahme. Damit wird das Leid umso schonungsloser erfahren – weil es einen konkreten Vergleich gibt. Auch dies ist eine der Wahrheiten über Traumata. Sie können eine Einsamkeit herstellen, die nicht immer überwunden werden kann. Sie zu verstehen, ist ein wertvolles Geschenk – für jede Therapie und für jede Begegnung. Gaby Breitenbach

Max Mehrick: Das Fenster zur Einsamkeit. Verborgenes Leben. Asanger Verlag, Kröning 2019, 176 Seiten, kartoniert, 19,80 Euro

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