ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2020Carl Pietzcker: Nestor der psychoanalytischen Literaturbetrachtung

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Carl Pietzcker: Nestor der psychoanalytischen Literaturbetrachtung

PP 19, Ausgabe Januar 2020, Seite 41

Moser, Tilmann

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Wer kann sich noch erinnern, dass er im Deutschunterricht unter Schillers „Lied von der Glocke“ gelitten oder fast unter ihr begraben wurde. Kaum jemand, schon aus Altersgründen nicht. Und doch macht er uns Spätgeborenen den Text wieder zu einem neuen und unerwarteten Geschenk. Nicht nur erfährt es eine historische und geistesgeschichtliche Einordnung, sondern der Autor erschließt uns auf psychoanalytischem Weg ein vielschichtiges Kunstwerk auf vielen psychischen Ebenen. Es geht um Schillers in Literatur verwandelte höchst konservative Weltsicht, ausdifferenziert in Unten und Oben, von patriarchalisch bis mütterlich, „in der Ideologie der Ständegesellschaft“. Und dies, „wie die Feuer-, Aufruhr- und Todesdrohungen zeigen, von Auflösungs-, Zerstörungs- und Verlassenheitsfantasien bedroht“.

Pietzcker geht vor wie ein mit allen psychoanalytischen Wassern gewaschener „Präparator“ eines von der modernen Literaturwissenschaft und Öffentlichkeit und Jugend schon fast verschmähten Kadavers, der unter seiner kundigen Hand zu neuem spannenden Leben erblüht. Der Autor arbeitet mit den Zentralbegriffen von Gefährdung, Spaltung und Einheit, Angstlust, Trennung und Verlassenheit, Abwehr und verdecktem Triebdurchbruch. Der Leser versteht, warum der Text ein Urlied „deutscher Gemütsart“ war und dennoch heute ein Schatz von unendlichen seelischen Bezügen wird. „Schon die außergewöhnliche und widersprüchliche Rezeption … lässt ahnen, dass hier starke Emotionen und unbewusste Fantasien wirken.“ Selbst als wissenschaftlicher Sprachkünstler entschlüsselt Pietzcker die Vielfalt der Querverbindungen. Er schafft damit die neue Auferstehung eines scheinbar verblassenden Glanzstücks.

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Ähnlich genial erscheint mir, als Leser wie als Analytiker, die Interpretation des „Michael Kohlhaas“ wie der „Marquise von O ...“ anhand des auch für Kleists Leben tief bedeutenden Begriffs der Scham, an der er vielleicht sogar zugrunde ging. In seelischer wie körperlicher Einfühlung schafft Kleist laut Pietzcker einen ganzen Kosmos der Beschämungsstufen in dem Text, sodass der Leser, angesteckt durch den Autor, sich in eine fundierte Identifizierung einlassen kann, geschützt durch den ungeheuren Reiz der Sprache. Kleist verfolgt Scham als Uraffekt durch die Einzelpersonen wie die sozialen Schichten, und Pietzcker öffnet die Augen neu für die Genialität des oft schwierig zu lesenden Autors.

Mit souveränen Gedanken räumt er auf mit dem sterilen Gebot, das Leben eines Schriftstellers nicht zu plündern, um Wahrheiten über dessen Texte zu finden. Im Aufsatz zu Schnitzlers „Sterben“ untersucht er die vielfältigen Zuflüsse des realen Lebens in den Text – ein Glanzstück multimodaler Deutung. Tilmann Moser

Carl Pietzcker: Psychoanalytische Studien zur Literatur 2. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2019, 270 Seiten, kartoniert, 19,80 Euro

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