ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2020Individualpsychologie: Vielfältiges und Spannendes von der Jahrestagung

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Individualpsychologie: Vielfältiges und Spannendes von der Jahrestagung

PP 19, Ausgabe Januar 2020, Seite 41

Weimer, Joachim

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Zunächst stutzte ich, als ich diesen Reader – er versammelt die Vorträge der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie 2018 – zur Hand nahm: Wie hängen die Begriffe des Buchtitels zusammen? Bis mir klar wurde, dass damit der (optimale) psychische Entwicklungsweg in den Fokus genommen wird: Von der paranoid-schizoiden Position im Kleinianischen Sinne mit dem Abwehr- und Verarbeitungsmechanismus der Spaltung zum Aushalten der Zwiespältigkeit zwischen Gut und Böse oder sich widersprechenden Bestrebungen zur seelischen Integration. Mit diesem Thema beschäftigt sich der Band in vielfältiger und spannender Weise. Sei es, wie Manfred Gehringer anhand des Films „Der Geschmack von Rost und Knochen“ diesen gelingenden Entwicklungsweg aufzeigt oder Patrick Meurs, Corinna Poholski, Constanze Rickmeyer und Judith Lebiger-Vogel die Gefahren der Spaltung zur Angstabwehr anhand der islamischen Radikalisierung aufzeigen. Anna Zeller-Breitling wiederum zeigt anhand der Psychotherapie einer jungen Frau mit Migrationserfahrung, wie es dieser gelingt, sich von einer fantastischen-erfundenen Identität, die sie zwingt ihre reale Identität abzuspalten, zu lösen mit real drohenden Konsequenzen für ihren Aufenthaltsstatus. Ebenso lesenswert, wie Norbert Winkler die Bedeutung der Interpersonellen Neurobiologie für die Psychoanalyse aufzeigt. Auch die anderen Beiträge sind häufig lesenswert und fallen fast alle positiv dadurch auf, dass sie ihre Gedanken immer an nachvollziehbaren Kasuistiken gut nachvollziehbar veranschaulichen. Dies ist ein Genuss für den Praktiker.

Wie bei solchen Tagungen üblich, finden sich auch zwei Beiträge, die sich mit der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie und ihren Vertretern auseinandersetzen. Wer selbst nicht Individualpsychologe ist, fremdelt hier nahezu zwangsweise. Auch der Beitrag von Andreas Kruse über die Individualpsychologie Alfred Adlers aus der Perspektive der biografisch orientierten Altersforschung ist zwar inhaltlich interessant, fügt sich aber dem Tagungstitel weniger direkt als ein Großteil der anderen Beiträge.

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Für Individualpsychologen ist das Buch wahrscheinlich ein Muss, für alle anderen psychoanalytisch interessierten Leser mit Gewinn zu lesen, wenn man bereit ist, den nicht gerade günstigen Preis für den Reader zu akzeptieren. Joachim Weimer

Pit Wahl (Hrsg.): Spaltung – Ambivalenz – Integration. Vandenhoeck und Ruprecht Verlage, Göttingen 2019, 255 Seiten, kartoniert, 45,00 Euro

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