ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2020Neurasthenie: Leiden an Kultur und Zivilisation

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Neurasthenie: Leiden an Kultur und Zivilisation

PP 19, Ausgabe Januar 2020, Seite 34

Goddemeier, Christof

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Vor 150 Jahren prägte der US-amerikanische Arzt George Miller Beard den Begriff der Neurasthenie. In dieser Zeit brauchte man einen organisch klingenden Begriff, der ein psychisch wirkendes Krankheitsbild beschreiben konnte.

Der New Yorker Arzt George M. Beard bezeichnete die Neurasthenie auch als „American Nervousness“. Foto: WikimediaCommons public domain
Der New Yorker Arzt George M. Beard bezeichnete die Neurasthenie auch als „American Nervousness“. Foto: WikimediaCommons public domain

Seit der Antike kennt die Medizin das Leiden an Kultur und Zivilisation. Meistens ging es mit ähnlichen psychosomatischen Symptomen einher. Dabei handelte es sich nicht nur um ein Leiden, sondern auch um den Ausdruck besonderer Verfeinerung und Empfindlichkeit als Voraussetzung für außergewöhnliche Leistungen. Der Begriff der Zivilisationskrankheit kam im deutschen Sprachraum gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf und verbreitete sich rasch. Die Psychiatrie richtete zu Anfang ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die schweren psychischen Erkrankungen, die Psychosen. Doch im späten 19. Jahrhundert wuchs das Interesse an der Diagnostik und Therapie leichterer psychischer Störungen. Dabei war häufig unklar, welche Störungen organisch bedingt waren. In dieser Zeit brauchten Ärzte und Patienten eine Brücke, einen „organisch klingenden Begriff, der ein psychisch wirkendes Krankheitsbild beschreiben konnte“ (Shorter). 1869 prägte der New Yorker Arzt und Elektrotherapeut George M. Beard das Wort „Neurasthenie“. Weil er das Leiden auf zivilisatorische Errungenschaften zurückführte, die er besonders in den USA vorfand, nannte er es auch „American Nervousness“.

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Nervensystem rückt in den Blick

Bis in die frühe Neuzeit bringt man Leiden an Kultur und Zivilisation mit dem Verdauungssystem in Verbindung. Im 18. Jahrhundert rückt das Nervensystem in den Blick, der schottische Arzt Robert Whytt (171466) sieht in der „Sympathie der Nerven“ eine wichtige Krankheitsursache. Sein Landsmann William Cullen (171290) fasst schließlich Nervenkrankheiten als eigene Gruppe von Erkrankungen und belegt sie mit dem Begriff „Neurose“. Melancholie und Hypochondrie werden fortan als Krankheiten des Nervensystems verstanden. Cullens Nervenpathologie ist eine wesentliche Voraussetzung für den Begriff der „Nervenschwäche“, Cullen spricht bereits von „nervöser Erschöpfung“.

Der Begriff der Zivilisationskrankheit legt dagegen nahe, dass der Zivilisationsprozess die Entstehung bestimmter Krankheiten begünstigt oder verursacht. So führt man Nervenleiden auf den zivilisatorischen Fortschritt zurück. Im 19. Jahrhundert machen vor allem Dampfmaschinen, Eisenbahn, Telegrafie, Elektrizität und gesellschaftliche Veränderungen krank. „Alles lebt rascher“, schreibt Wilhelm Griesinger 1861 in seinem Buch „Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten“, „ein fieberhaftes Jagen nach Erwerb und Genuss (…) hält die Welt in steter Aufregung. Man kann (…) sagen, dass schon diese Verhältnisse in der modernen Gesellschaft Europa’s und Amerika’s einen allgemeinen, halbrauschartigen Zustand von Gehirnreizung unterhalten, der (…) zu psychischen Störungen disponiren (sic!) muss.“

George M. Beard (183983) ist Sohn eines Priesters und wird streng religiös erzogen. 1866 schließt er sein Medizinstudium ab und lässt sich in New York nieder. „Zu dieser Zeit gibt es noch keine Nervenärzte, sondern ,Elektrotherapeuten‘, aus deren Mitte später die Fachneurologen hervorgingen“ – damit verweist der Neuropathologe Constantin von Monakow 1924 auf die Bedeutung der Elektrizitätslehre für die Entstehung des Fachs Neurologie. Diese Einschätzung teilt er mit etlichen Nervenärzten, die diesen Zusammenhang bereits beschrieben haben, etwa der Heidelberger Internist und Neurologe Wilhelm Erb. Beard wendet sich von der Theologie ab und den Naturwissenschaften zu und publiziert zunächst über allgemeine medizinische Themen, später konzentriert er sich auf elektrotherapeutische und nervenärztliche Fragen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Alphonso David Rockwell, dem Konstrukteur des ersten elektrischen Stuhls, veröffentlicht er 1871 das einflussreichste Buch zur Elektrotherapie in den USA.

„Funktionelle“ Leiden

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erarbeiten Ärzte immer neue Konzepte und Begriffe der Nervenleiden. Man definiert sie als „funktionell“, denn eine Ursache findet man nicht. Das „Handbuch der Neurasthenie“ (1893) listet 36 Synonyme für Neurasthenie auf – das Phänomen liegt sozusagen in der Luft. Ähnlich wie die Glühbirne nicht im engeren Sinn eine Erfindung Thomas Edisons, sondern eine „Kombination bekannter Elemente“ (Peter Kurz) zu einer brauchbaren Einheit ist, schreibt Beard in seinem ersten Artikel, dass er für einen bekannten Erschöpfungszustand einen neuen Namen einführe. Diesen rechtfertigt er philologisch, zudem als praktisch und notwendig. In seiner Monografie 1880 tritt Beard dann doch als Entdecker einer neuen Krankheit auf: „Neurasthenia ist (…) das medicinische Central-Africa – ein unerforschtes Land, das nur Wenige betreten und dessen Schilderungen weder Glauben, noch Verständnis gefunden haben.“ In der zweiten Auflage heißt es: „Tausende haben über diese Fragen Vermuthungen gehegt – Derjenige, welcher die Antwort bringt, führt die Neurasthenie in die Wissenschaft ein und erobert der Menschheit ihren Besitz.“

Meist nur vage Beschwerden

Wodurch ist die „neue“ Krankheit gekennzeichnet? Wie viele seiner Kollegen konstatiert Beard, dass der Großteil der Patienten keine klar definierten Symptome, sondern vage Beschwerden zeigt. Die Vielzahl der Zeichen und Symptome logisch zu ordnen, ist Beard zufolge nicht möglich: „Die Neurasthenie verschont kein Organ und keine Function des Körpers; vom Scheitel bis zur Zehe ist keine Fiber vor ihren Anfällen sicher.“ Die Patienten beklagen allgemeines Unwohlsein, Appetitlosigkeit, Verdauungsstörungen, Schwäche, Schmerzen, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen und Abneigung gegen geistige Tätigkeit. Hysterische Symptome und alle Arten krankhafter Furcht, knallende und pulsierende „Ohrengeräusche“ sowie „Spermatorrhoe beim Mann und Menstruationsunregelmäßigkeiten bei der Frau“ können auftreten. Schließlich resultieren Unbeherrschtheit, Reizbarkeit und Verzweiflung. Bei der sexuellen Neurasthenie, einer von sieben Varianten, stehen Symptome des Urogenitaltraktes im Vordergrund. Dabei lässt sich eine körperliche Erkrankung nicht nachweisen. Laut Beard nehmen Nervenkrankheiten zu, weil moderne Gesellschaften von ihren Mitgliedern verlangen, normale Gefühle zu unterdrücken.

Als Ursache benennt Beard zunächst eine Dephosphorylierung des Nervensystems, später eine Ernährungsstörung des Gewebes. Auch wenn er Elektrizität und Nervenkraft nicht für identisch hält, illustriert elektrisches Licht ihm zufolge die Wirkungen der modernen Zivilisation auf das Nervensystem am besten: Für mehr Glühbirnen benötige man mehr Elektrizität, und für mehr Leistung brauche man mehr Nervenkraft. Reiche die vorhandene Kraft nicht aus, alle Lampen am Brennen zu halten, würden diese zu flackern beginnen oder ganz ausgehen.

Die Degenerationstheorie Bénédict-Augustin Morels (1857) ist Beard bekannt. In seinem Werk taucht der Begriff zwar auf, doch für die Theorie der Neurasthenie ist er nicht konstitutiv (Roelcke). Denn Beard glaubt an die Höherentwicklung Amerikas gerade wegen seiner nervlichen Empfindlichkeit.

In der Neurasthenie sieht er ein typisch amerikanisches Phänomen, denn Amerika sei das zivilisierteste Land der Erde. Zugleich wirbt er geschickt um eine Rezeption in Deutschland, das damals wissenschaftlich führend ist, widmet etwa seine Monografie Wilhelm Erb.

Der schreibt 1882 über die Neurasthenie: „Sie ist die Modeneurose unserer Tage, die ,Nervenkrankheit‘ par excellence und erscheint in tausend wunderbaren Formen.“ Die Neurasthenie wird in Deutschland begeistert aufgenommen. Neben der Hysterie wird sie „die Neurose der Jahrhundertwende“ (Ulrike May-Tolzmann) und zum Prototyp aller funktionellen Nervenkrankheiten (Shorter). 1885 prägt Richard von Krafft-Ebing die Formel vom „nervösen Zeitalter“. Diese – gegenüber Beard neue – Ausweitung des Neurastheniebegriffs auf Kollektive ist für Krafft-Ebing mit einer „Verschlechterung der Constitution der Massen“ verbunden. Ihm zufolge ist die Nervosität Ergebnis einer „neuropathischen Constitution“. Auch die erworbene Nervosität könne vererbt werden, den hereditären Faktor veranschlagt er auf „etwa 80 Prozent“. So gerät die Neurasthenie doch in die Nähe der Degenerationstheorie und spielt eine Rolle im Kontext der Rassenhygiene sowie bei der Stigmatisierung der Juden.

Kritik an Beards Konzept

Einen Namen für die Krankheit hat man nun, aber kann man den Betroffenen auch helfen? 1877 beschreibt der amerikanische Arzt Silas Weir Mitchell die „Ruhekur“ (rest treatment), verbunden mit gesunder Ernährung. Den Behandlungsbedürfnissen der Betroffenen entsprechend baut man Privatkliniken und Sanatorien. Doch bald gibt es auch Kritik an Beards Konzept. Emil Kraepelin assoziiert die Neurasthenie mit der Degenerationslehre und verweist damit ursächlich auf biologische Vorgänge wie Keimschädigung und Vererbung. Sigmund Freud kritisiert bereits in den 1890er-Jahren, dass der Faktor Erblichkeit überschätzt werde, sowie die Ungenauigkeit des Degenerationsbegriffs. Er richtet die Aufmerksamkeit auf die sexuelle Ätiologie der Neurosen und findet für die Neurasthenie eine neue, spezifische Ursache. In seinem diagnostischen Modell fasst er sie neben Angstneurose und Hypochondrie als eine Form der „Aktualneurosen“. Bis heute hat die Neurasthenie in der deutschen Version der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD 10) ihren Platz. Christof Goddemeier

1.
Beard GM: Neurasthenia or nervous exhaustion. In: The Boston Medical and Surgical Journal 3 (1869), 217–21.
2.
Bergengruen M, Müller-Wille K, Pross C (Hg.): Neurasthenie. Freiburg: Rombach Verlag 2010.
3.
Roelcke V: Krankheit und Kulturkritik. Frankfurt: Campus Verlag 1999.
4.
Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München: Verlag C.H. Beck 2006.
5.
Shorter E: Geschichte der Psychiatrie. Berlin: Alexander Fest Verlag 1999.
1. Beard GM: Neurasthenia or nervous exhaustion. In: The Boston Medical and Surgical Journal 3 (1869), 217–21.
2. Bergengruen M, Müller-Wille K, Pross C (Hg.): Neurasthenie. Freiburg: Rombach Verlag 2010.
3. Roelcke V: Krankheit und Kulturkritik. Frankfurt: Campus Verlag 1999.
4. Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München: Verlag C.H. Beck 2006.
5. Shorter E: Geschichte der Psychiatrie. Berlin: Alexander Fest Verlag 1999.

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