ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2020Literarische Orte: Sehnsucht nach Vaters Garten

KULTUR

Literarische Orte: Sehnsucht nach Vaters Garten

PP 19, Ausgabe Januar 2020, Seite 44

Jachertz, Norbert

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Eichendorffs „Mondnacht“ entstand in Berlin. In Gedanken aber liegt der Dichter im Lubowitzer Garten und träumt. Im Herzen scheint er die Heimat niemals verlassen zu haben.

Schloss Lubowitz bei Ratibor: Das Schloss wurde gegen Ende des 2. Weltkrieges durch Artilleriebeschuss zerstört. Die Ruine dient heute als Erinnerungsort. Foto: Klaudiusz Tobiasz CC BY-SA 3.0
Schloss Lubowitz bei Ratibor: Das Schloss wurde gegen Ende des 2. Weltkrieges durch Artilleriebeschuss zerstört. Die Ruine dient heute als Erinnerungsort. Foto: Klaudiusz Tobiasz CC BY-SA 3.0

Eine Straßenschlucht, eingeschnitten in die Hochhäuser des Potsdamer Platzes, trägt den Namen „Joseph-von-Eichendorff-Gasse“. Sie endet an den Arcaden, einem Shoppingcenter. Nichts erinnert an rauschende Wälder, wogende Felder und Nachtigallengesang. Geheimnisvoll-romantische Natur gab es hier schon nicht mehr, als Joseph Freiherr von Eichendorf (1788–1857) als preußischer Beamter in Berlin sein Brot verdiente und beim Potsdamer Platz wohnte. Immerhin, die Chaussee Richtung Potsdam war damals noch von Pappeln gesäumt und in einem Brief an seinen Gönner, den Königsberger Oberpräsidenten Theodor von Schön, erwähnt Eichendorff einmal, man wohne „mitten in einem schönen Garten, fast wie in Königsberg, nur der Balkon fehlt“. Seine Frau Luise schätzte das „einsame Häuschen“ allerdings weniger, ja, sie hatte Angst vor „Räubern und Mördern“ und suchte nach einem männlichen Untermieter, der sie hätte beschützen können, wenn Joseph in der Friedrichstraße die „Mittwochsgesellschaft für Freunde der Poesie“ des Verlegers Julius Hitzig besuchte. Aus dem Häuschen (Potsdamer Chaussee 41) zog man bald wieder aus, blieb aber in der mörderischen Gegend.

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Getrieben von innerer Unruhe

Eichendorff hielt es nirgendwo lange aus. Zwischen 1831 und 1842, als er in Berliner Ministerien diente, zog er mit seiner Frau und den Kindern mindestens sieben mal um (wenn wir die Adressen, die er in seinen Briefen angibt, richtig gezählt haben). Solche häufigen Orts- und Wohnungswechsel kennzeichnen Eichendorffs gesamten Lebenslauf. Es scheint, als habe ihn eine innere Unruhe getrieben, seitdem er mit 13 Jahren das väterliche Schloss Lubowitz, den geliebten „Hasengarten“ und die schlesischen Täler und Höhen verlassen musste und mit Bruder Wilhelm nach Breslau ins Internat geschickt wurde. Doch in Gedanken und im Herzen scheint er die Heimat nie verlassen zu haben. Sie kehrt in seinen Werken offen oder verkappt, wehmütig und verklärt immer wieder. Sehen wir uns das anhand zweier Gedichte genauer an.

Die Staatsbibliothek zu Berlin hütet einen kleinen aber feinen Eichendorff-Nachlass von rund 250 Blatt. Mehr weist nur noch das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt am Main auf, das sich neben Goethe zunehmend auch der Dichtung der Romantik annimmt. Das Berliner Konvolut stammt wahrscheinlich von Eichendorffs Tochter Therese. Sie dürfte aus Geldnot verkauft haben, ein in der Familie wohlbekanntes Phänomen; schon ihr Vater hatte unablässig geklagt, er komme mit dem Gehalt nicht aus, und Joseph von Eichendorffs Vater gar war mit seinen schlesischen Gütern in Konkurs gegangen, einschließlich des Stammsitzes in Lubowitz bei Ratibor.

Aber bleiben wir in Berlin. Vor drei Jahren veröffentlichte Martin Hollender von der Staatsbibliothek eine Untersuchung zu Blatt 14 des Berliner Bestandes, ein Autograf. Es betrifft vor allem Eichendorffs so schlichtes wie vollkommenes Gedicht „Mondnacht“ sowie Vorarbeiten zu „Heimweh. An meinen Bruder“.

In der Handschriftenabteilung steht ein solider Karton mit dem gesamten Eichendorff-Bestand bereit. Erst nach längerem Überlegen habe man sich entschlossen, auch Blatt 14 vorzulegen, erklärt ein verständnisvoller Bibliothekar. Es handele sich um eine Zimelie. Behutsam überreicht er in einem separaten Umschlag die Kostbarkeit und entlässt den Besucher in die Stille des Handschriften-Lesesaales, in dem schon Umblättern als Geräusch wahrgenommen wird. Der Karton selbst enthält 30 Mappen. Blatt für Blatt arbeiten wir uns vor, um Joseph von Eichendorff näherzukommen. Da sind handgeschriebene Entwürfe, in schneller Schrift auf Konzeptpapier und auch schon mal auf der Rückseite eines Briefes niedergeschrieben. Wir finden Gedichte in gestochener Reinschrift, auch viele Erstdrucke, viel zum Theater (was auf Eichendorffs unglückliche, weil ziemlich erfolglose Liebe zum Drama hinweist). Ein Aufsatz über „Preussen und die Konstitutionen“ fällt aus dem poetischen Rahmen und erinnert daran, dass Joseph von Eichendorff von Beruf Jurist war, und zwar einer mit scharfem Verstand und abgewogenem Urteil. Darauf lassen jedenfalls Ausarbeitungen zum Verfassungs- und Staatskirchenrecht sowie zum Presserecht schließen.

Ausschnitt einer Originalhandschrift: von Eichendorff notierte hier die Gedichte „Mondnacht“ sowie Vorarbeiten zu „Heimweh“. Foto: bpk-Staatsbibliothek zu Berlin
Ausschnitt einer Originalhandschrift: von Eichendorff notierte hier die Gedichte „Mondnacht“ sowie Vorarbeiten zu „Heimweh“. Foto: bpk-Staatsbibliothek zu Berlin

Mit Papier gegeizt

Als Schluss- und Höhepunkt nehmen wir uns Blatt 14 vor. Dickes Papier, Vor- und Rückseite bis zum Rand voll beschrieben, eine Ecke angeflickt. Eichendorff scheint mit Papier gegeizt zu haben. In der oberen Hälfte des Blattes die „Mondnacht“. Titel, Text der zweiten Strophe und Strophenfolge haben Eichendorff offenbar zu schaffen gemacht. Umso bewundernswerter das Ergebnis: ein Gedicht, das nur so und nicht anders sein kann. In der Mitte des Blattes, provisorisch überschrieben mit „Vielleicht: An meinen Bruder“, die Vorstufe zu einem der Bruder-Gedichte. Eichendorff, der mit seinem Bruder Wilhelm fast symbiotisch zusammenlebte, bis sich nach dem Studium die Wege trennten, hat sich immer wieder lyrisch des Bruders erinnert und den gemeinsamen Zeiten nachgetrauert.

Inbegriff des verlorenen „Lubowitzer Idylls“ (Hartwig Schultz) ist der Hasengarten, ein zur Oder abfallender Grund des heimatlichen Schlossparks. Eins der bekanntesten Gedichte Eichendorffs, „Abschied“, war ursprünglich „An den Hasengarten“ überschrieben und begann mit dem Vers: „O schöner Grund, o Höhen“. Eichendorff wechselt schließlich zwei Worte aus: „O Täler weit, o Höhen“ und gibt damit dem Lied einen Zug ins Weite. Von einer solch vermeintlich geringfügigen Änderung zeugt auch Blatt 14. In dem Bruder-Gedicht fällt die Erinnerung an „Lubowitz“ gleich zweimal ins Auge. Im fertigen Gedicht („Heimweh“) fehlt hingegen der geografische Erinnerungsort. Der Dichter hatte ihn zwar im Sinn, verarbeitet aber seine Erinnerung und hebt sie ins Allgemeingültige.

Eine bezeichnende „kleine“ Abwandlung kennzeichnet auch die „Mondnacht“. Um die Zeit, als das Gedicht entstand, erinnert sich Eichendorff im fernen Berlin eines „wunderlichen Abends“. Er liegt im Lubowitzer Garten und sieht den Wolken nach. „Die Sonne ist schon untergegangen, aber der Strom leuchtet noch. – Da geht unsichtbar ein leises Rauschen durch den Garten (oder durch die Felder?). Die Blumen oder die Ähren neigen sich leise, mich schaudert – es war die Muse, die lächelnd vorüberging.“ Den Musenkuss von Lubowitz setzt Eichendorff mit der „Mondnacht“ anscheinend leichthin um. Wieder hebt er die private Erinnerung ins Allgemeingültige, ja ins beinahe Religiöse. In den ersten Versen nämlich greift er den uralten Mythos der körperlichen Vereinigung des Himmels mit der Erde auf und deutet ihn leicht, aber entscheidend um. Der Himmel „küsst“ bei Eichendorff die Erde. Damit wird aus der sexuellen Vereinigung eine zarte und liebevolle Hinwendung des Himmels zur menschlichen Seele, die sich auf leichten Flügeln nun umso unbeschwerter nach Haus aufschwingen kann. Das ist christlich gedacht, ohne dass Eichendorff auch nur ein typisch christliches oder gar kirchliches Wort gewählt hätte. Denn dieser Freiherr bekannte sich im Leben zwar offen als Christ und arbeitete beruflich sogar als Spezialist für katholische Angelegenheiten in preußischen Staatsdiensten. Als Dichter aber bleiben seine Überzeugungen im Hintergrund. Eichendorff spricht jeden an.

Das Gedicht „Mondnacht“ entstand wie das mit ihm eng verflochtene „An den Bruder“ in Berlin. Hollender datiert es anhand des Schriftduktus „ungefähr auf das Jahr 1835“; es erscheint erstmals 1837. Eichendorff wohnte in diesen Jahren an einer der Adressen auf der Potsdamer Straße.

Es sind kritische Jahre

Es sind für ihn kritische Jahre. Die poetischen Geschäfte laufen zwar gar nicht schlecht, doch privat hat er Kummer und beruflich Ärger. 1832 ist seine kleine, nicht einmal zwei Jahre alte Tochter Anna gestorben. (An den Nachwehen der Cholera? Die Epidemie, der auch Freunde der Eichendorffs zum Opfer fielen, zieht sich in dem Jahr gerade aus Berlin zurück und wandert weiter nach Westen.) Der Vater verarbeitet sein Leid lyrisch, doch der Schock sitzt so tief, „dass sich der Ton seiner gesamten Lyrik deutlich verändert“ (Hartwig Schultz). Eichendorffs Sohn Rudolph gammelt herum; der Vater macht „die gänzliche Aufsichtlosigkeit in den hiesigen Schulen“ dafür verantwortlich. Beruflich steckt Joseph von Eichendorff in der Sackgasse. Vergeblich sucht er dieser zu entkommen, indem er sich landauf, landab bewirbt. Andere sind ihm im Intrigieren und Antichambrieren voraus. Letztlich bleibt er für ein Jahrzehnt „kommissarisch“, das heißt auf Abruf, im „Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten“ hängen – in der Funktion eines „Hülfsarbeiters“, das entspricht der Eingangsstufe zum höheren Dienst.

Versöhnliches Karriereende

Erst spät, mit 52, erhält er das ersehnte „Geheime Regierungsraths-Patent“ und damit die feste Anstellung. Er wird zuständig für Zensursachen. Das liegt ihm nicht, er lässt sich gerne nach Danzig delegieren, um dort die Geschichte der Marienburg aufzuarbeiten. Und so endet Eichendorffs holpriger Berliner Karriereweg einigermaßen versöhnlich. 1844, die Geschichte der Marienburg ist fertig, lässt er sich pensionieren, mit 58, und wendet sich seinen Erinnerungen zu.

Wir treten aus der Stille ins Freie, orientieren uns wieder im gegenwärtigen Berlin – die Handschriftenabteilung ressortierte bei unserem Besuch noch an der Potsdamer Straße, im nächsten Jahr zieht sie in den restaurierten Prachtbau Unter den Linden 8 – und streben nach „Mitte“, Eichendorffs Geistlichem Ministerium zu, vorbei an der St. Hedwigs-Kathedrale, die einst Friedrich II., „der Große“, nach der Eroberung Schlesiens für die schlesischen Katholiken bauen ließ. An der Stelle des Ministeriums in der Poststraße 1, es war nämlich im Obergeschoss des Postamtes untergebracht, steht ein mächtiger Plattenbau aus DDR-Zeiten. Norbert Jachertz

Mondnacht

Foto: picture alliance/akg
Foto: picture alliance/akg

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Heimweh

An meinen Bruder

Du weißt’s, dort in den Bäumen
Schlummert ein Zauberbann,
Und nachts oft, wie in Träumen,
Fängt der Garten zu singen an.

Nachts durch die stille Runde
Weht’s manchmal bis zu mir,
Da ruf ich aus Herzensgrunde,
O Bruderherz, nach dir.

So fremde sind die andern,
Mir graut im fremden Land,
Wir wollen zusammen wandern,
Reich treulich mir die Hand!

Wir wollen zusammen ziehen,
Bis daß wir wandermüd
Auf des Vaters Grabe knieen
Bei dem alten Zauberlied.

1.
Wolfgang Frühwald (Hg.): Gedichte der Romantik, Stuttgart (Reclam) 2012, 556 Seiten, gebunden, 9,95 Euro
2.
Martin Hollender: „Es war, als hätt’der Himmel/Die Erde still geküsst“. Joseph von Eichendorffs Handschrift seines „Mondnacht“-Gedichtes – neu als Faksimile. Bibliotheksmagazin 1/2016 (als PDF via www.staatsbibliothek-berlin.de)
3.
Hartwig Schultz: Joseph von Eichendorf. Eine Biographie. Insel Verlag 2007, 368 Seiten, gebunden, 22,80 Euro
1.Wolfgang Frühwald (Hg.): Gedichte der Romantik, Stuttgart (Reclam) 2012, 556 Seiten, gebunden, 9,95 Euro
2.Martin Hollender: „Es war, als hätt’der Himmel/Die Erde still geküsst“. Joseph von Eichendorffs Handschrift seines „Mondnacht“-Gedichtes – neu als Faksimile. Bibliotheksmagazin 1/2016 (als PDF via www.staatsbibliothek-berlin.de)
3.Hartwig Schultz: Joseph von Eichendorf. Eine Biographie. Insel Verlag 2007, 368 Seiten, gebunden, 22,80 Euro

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