ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2020Öko­nomi­sierung: Medizin braucht mehr Theorie

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Öko­nomi­sierung: Medizin braucht mehr Theorie

Dtsch Arztebl 2020; 117(3): A-72 / B-66 / C-59

Ulrich, Peter T.

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Öko­nomi­sierung war in den 70er-Jahren in Krankenhäusern noch ein Fremdwort. Spätestens mit dem Gesundheitsstrukturgesetz 1992 kam es zum Paradigmenwechsel. Marktbereinigung war fortan das politische Ziel. Qualität zu messen, ist aber bis heute schwierig.

PD Dr. med. habil. Peter T. Ulrich, Krankenhaus, Nordwest Frankfurt/M.
PD Dr. med. habil. Peter T. Ulrich, Krankenhaus, Nordwest Frankfurt/M.

Glaubt man den Auguren der Weltwirtschaft, dann befinden wir uns seit der letzten Jahrtausendwende im „sechsten Kondratjeff-Zyklus“. Basis-innovationen in der Biotechnologie, der künstlichen Intelligenz und der psychosozialen Gesundheit prägen ihn, die Gesundheitswirtschaft treibt ihn an. Ihr Boom in den kommenden Dezennien scheint gesichert. Die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen in einer alternden Gesellschaft heizt den Markt an und beschleunigt die „Öko­nomi­sierung des Körpers“. Der Patient von einst ist längst Kunde. Autark und mündig sollte er sein, fühlt sich aber geblendet von vielfältigen Offerten und manchmal auch ausgeliefert dem Spiel der Kräfte. Wie kann er sich orientieren? Wer vertritt noch uneigennützig seine Interessen? Welche unveräußerlichen Werte gelten noch?

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Als ich nach dem Staatsexamen 1976 mit der Arbeit im Krankenhaus begann, war die Welt eine andere – auch im Gesundheitswesen. Ökonomie in der Medizin war für die Weißkittel ein Fremdwort, Fallpauschalen kannte niemand, Kosten-Nutzen-Überlegungen galten Medizinern als verabscheuungswürdig. Die weiblichen Pflegekräfte ließen sich mit „Schwester“ ansprechen und manche trugen noch Hauben und weiße Schürzen.

Der Paradigmenwechsel kam mit dem Gesundheitsstrukturgesetz 1992. Der bis dahin obsolete Wettbewerb hielt Einzug und die Gesetze des Marktes eroberten schnell die Lager der Leistungsanbieter und der Kassen. Konkurrenten wetteifern mit Werbeoffensiven. Marktbereinigung war und ist das politische Ziel. Die Besten am Markt sollten sich behaupten. Wie aber misst man medizinische Qualität umfassend, transparent und objektiv? Die Diskussion über evidenzbasierte Qualitätsindikatoren ist längst nicht abgeschlossen. Darüber können auch werbewirksame Best-of-Listen in den Medien und die allgegenwärtigen Zertifikate an den Wartezimmerwänden nicht hinwegtäuschen. Der politisch inszenierte Paradigmenwechsel in der Heilkunde und der weltweite Trend zur Egomanie in Politik und Gesellschaft trüben die selbstkritische Reflexion und verändern auch das Rollenbild des Helfenden. Sie erodieren den moralisch-ethischen Boden der Medizin, verwandeln den freien Arztberuf schleichend in ein Gewerbe und lassen den selbstlosen Altruisten zu einem bemitleidenswerten Exzentriker in der Gesellschaft der Selbstzentrierten werden.

Die Möglichkeiten der „Zukunftsmedizin“ scheinen dank der Bio- und Medizintechnik nahezu grenzenlos. Riesige Datenmengen lassen sich bald mithilfe der künstlichen Intelligenz beherrschen. Sogar das Ende der uralten Ohnmacht der Menschheit gegenüber Krankheit, Leiden und Tod ahnen manche voraus. Eine schöne neue Welt für Medizin und Gesellschaft? Zweifellos werden wir in den kommenden Jahrzehnten noch effizienter werden in der Prävention von Krankheiten und in ihrer Therapie. Der Preis dürfte ein modernes Spezialistentum sein, das sich schon in seiner medizinischen Sozialisation immer weiter von einem ganzheitlichen Ansatz der Medizin entfernt und einer krankheitszentrierten Herangehensweise zustrebt. Besonders junge Ärzte spüren die Rationalisierung im Gesundheitswesen. Das schleichende Abhandenkommen von Geist, Würde und Werten unter Zeitdruck und Bürokratie im praktischen Alltag demotivieren, verändern allmählich die Persönlichkeit und lösen die innere Verbindung zum Sinn der Medizin, dem Wohl der Patienten. Das Phänomen steigender Burn-out-Raten ist die Folge.

Neu nachzudenken über den Menschen und die Welt, persönliche Antworten zu finden zu den Fragen nach dem Sinn und Ziel ihres Tuns angesichts des rasanten Wandels in der Welt, ist vielen Ärzten und Pflegenden ein steigendes Bedürfnis. Erinnern wir uns an die These von Karl Jaspers, die Praxis des Arztes sei konkrete Philosophie und das in Liebe gegründete und unbedingt gültige Prinzip des Guten sei das höchste moralische Gesetz. Die eigene Existenzerhellung weise den Weg dahin. Nur mit einer solchen Grundausstattung an Theorie haben wir die Argumente, im kritischen Diskurs mit der Politik und Ökonomie das Primat der Sprechenden Medizin und Pflege zu sichern und ihre Akteure davon zu überzeugen, dass die Gesundheit keine Ware und der Kranke keine Ressource sind.

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