ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2020Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen: In der Risikoabschätzung

THEMEN DER ZEIT

Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen: In der Risikoabschätzung

Dtsch Arztebl 2020; 117(3): A-66 / B-62 / C-55

Krüger-Brand, Heike E.

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Die Projektgruppe Gesundheit der Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz (KI) hat erste Zwischenergebnisse ihrer Arbeit vorgestellt und Handlungsempfehlungen erarbeitet.

Der Deutsche Bundestag hatte im Juni 2018 die Einsetzung einer Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche, soziale und ökologische Potenziale“ beschlossen. Die Projektgruppe Gesundheit, die von Februar bis September 2019 getagt hatte, präsentierte kurz vor Jahresende eine Zusammenfassung vorläufiger Ergebnisse. Die Mehrheit der Kommission hatte es zuvor abgelehnt, die bereits vorliegenden Zwischenberichte dieser und zweier weiterer Arbeitsgruppen („KI und Staat“ sowie „KI und Wirtschaft“) zu veröffentlichen. Nach heftigen Protesten von Grünen und Linken wurden jedoch immerhin Zusammenfassungen freigegeben.

In ihrem Bericht weisen die Autoren auf die Notwendigkeit eines besonders sensiblen Umgangs mit Gesundheitsdaten als Grundlage für den KI-Einsatz hin. Mögliche negative Szenarien, wie der „gläserne Patient“ und die Folgen detaillierter Prognosen über den eigenen Gesundheitszustand, ein verändertes Verhältnis zwischen Arzt und Patient oder eine Entmenschlichung der Gesundheitsberufe würden bereits debattiert, so die Experten. Hierfür seien die „politischen Regelungsbedarfe“ zu identifizieren.

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Als elementare Grundlage für den KI-Einsatz im Gesundheitswesen identifizieren die Autoren eine „sichere und leistungsfähige digitale Infrastruktur für die Speicherung und Übermittlung von Gesundheitsdaten und die Digitalisierung von Versorgungsprozessen“. Zweite Voraussetzung ist dem Bericht zufolge ein innovations- und forschungsfreundlicher Rechtsrahmen für den Datenschutz, der die digitale Souveränität und die Datenschutzrechte der Patienten wahrt. Zudem sei flächendeckend Digitalkompetenz in den Gesundheitsberufen aufzubauen, um intelligente Systeme in Versorgung, Therapie und Pflege erfolgreich einsetzen zu können, meinen die Experten. Die Bundesregierung solle gemeinsam mit allen relevanten Akteuren innerhalb des nächsten Jahres eine umfassende Strategie für den KI-Einsatz im Gesundheitsbereich auflegen, empfehlen sie.

Die Empfehlung, zeitnah eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe einzusetzen, um die unterschiedlichen Datenschutzregelungen in Bund und Ländern auf Basis der Datenschutz-Grundverordnung zu vereinheitlichen, stößt auf breite Zustimmung bei Forschungs- und Industrievertretern. Die uneinheitliche Datenschutzpraxis erschwere derzeit eine standortübergreifende Verbundforschung erheblich, erklärte etwa Sebastian C. Semler, Geschäftsführer der TMF – Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung e.V. Deshalb begrüße die TMF die Empfehlung der Projektgruppe. Gleiches habe jüngst auch die Datenethikkommission der Bundesregierung gefordert. Auch das vorgeschlagene Sonderinvestitionsprogramm des Bundes für die Digitalisierung im Gesundheitswesen sowie die Empfehlung zu einer ressortübergreifenden Strategiebildung zur Nutzung von KI in der Medizin unterstützt die TMF.

Der Digitalverband Bitkom forderte hingegen schnelles Handeln. Der Zwischenbericht biete viele Ansatzpunkte dafür, wie etwa den Aufbau eines nationalen Versorgungsregisters. „Zudem müssen Zulassungsverfahren so angepasst werden, dass neue Technologien schneller eingesetzt werden können und eine zumindest befristete Kostenerstattung in einer Testphase möglich ist“, so der Verband. Heike E. Krüger-Brand

Ergebnisse der Enquete-Kommission
im Internet: http://daebl.de/MM44

Handlungsempfehlungen für das Gesundheitswesen

  • Erforderlich ist eine umfassende Strategie zum KI-Einsatz im Gesundheitsbereich.
  • Bund und Länder sollten gemeinsam die Digitalisierung der Infrastruktur im Gesundheitswesen beschleunigen. IT-Investitionen sind dem internationalen Niveau anzugleichen.
  • Die Datenverfügbarkeit für die Forschung ist zu verbessern, etwa durch eine abgestufte, freiwillige und widerrufbare Datenfreigabe, durch interoperable Standards (mit hohen Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen), durch ein nationales Versorgungsregister sowie die Vereinheitlichung der Datenschutzgesetzgebung.
  • KI-Expertise muss in der Aus- und Weiterbildung strategisch verankert werden.
  • Zur Stärkung des Forschungsstandorts sind interdisziplinäre Ökosysteme in der digitalen Gesundheitsforschung aufzubauen und langfristige Leuchtturmprojekte zu fördern.
  • Zur Erhöhung der Innovationsfähigkeit sind Förderinstrumente für Start-ups nötig.
  • Zulassungsverfahren müssen auf neue Technologien angepasst und befristete Kostenerstattung in der Testphase geprüft werden.
  • Mögliche Lücken bei der Haftung sind mittels Normierung und Standardisierung zu schließen.
  • KI-Anwendungen in Gesundheit und Pflege sind auf die Bedürfnisse der Patienten und Pflegekräfte auszurichten.
  • Der Zugang zu KI-Anwendungen ist für alle Patienten unter Wahrung der Patientensouveränität und des Rechts auf Nichtwissen zu ermöglichen.

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