ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2000Europarat-Initiative: Mangelernährung - ein zunehmendes Problem

POLITIK: Aktuell

Europarat-Initiative: Mangelernährung - ein zunehmendes Problem

Dtsch Arztebl 2000; 97(7): A-354 / B-286 / C-269

Schauder, Peter

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LNSLNS Die Akademie für Ernährungsmedizin Hannover unterstützt die Initiative des Europarates zur Bekämpfung von Mangel- und Fehlernährung im Krankenhaus.


Mangel- und Fehlernährung im Krankenhaus ist ein europaweit zunehmendes Problem, dem bisher vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Diese Einstellung sollte geändert werden, denn Mangelernährung senkt die Lebensqualität und erhöht das Sterberisiko. Der Europarat, dem 41 Staaten mit 750 Millionen Einwohnern angehören, hat sich diesem Problem angenommen: Auf Initiative des Public Health Committee des Europarates wurde kürzlich eine Ad-hoc-Gruppe "Nutrition Programmes in Hospitals" ins Leben gerufen, die bis März 2001 Richtlinien zur Prävention und Therapie der Mangelernährung im Krankenhaus entwickeln soll. Die Richtlinien werden für die 18 Mitgliedstaaten gelten, die das "Partial Agreement in the Social and Public Health Field" ratifiziert haben.
Prävalenz erfassen
Ein Arbeitsprogramm wurde vereinbart, das unter anderem die Prävalenz der Mangelernährung in den einzelnen Staaten erfassen soll. Darüber hinaus sind Maßnahmen vorgesehen, die die ernährungsmedizinische Ausbildung ("need for improved training in nutrition for staff") intensivieren sollen. Der Begriff "staff" bezieht sich auf Ärzte und medizinisches Fachpersonal. Dies ist insofern wichtig, als das Arbeitsprogramm auch Fragen der Zusammenarbeit und Kompetenz verschiedener Berufsgruppen bei der Bekämpfung der Mangelernährung im Krankenhaus betrifft. Die Akademie für Ernährungsmedizin Hannover, eine Arbeitsgemeinschaft von zwölf deutschen Ärztekammern, unterstützt die Initiative des Europarates. In allen niedersächsischen Krankenhäusern wurde eine Umfrage durchgeführt, die auf einem Fragebogen der Ad-hoc-Gruppe ("Revised Questionnaire") basierte. Von den 160 kooperierenden Kliniken und Abteilungen wurde - die Initiative des Europarates mehrheitlich als notwendig eingestuft,
- die Prävalenz der Mangelernährung bei allen Patienten auf etwa drei bis 20 Prozent geschätzt, - die Prävalenz bei Senioren ähnlich hoch angegeben wie bei Krebspatienten. Der Wert der Umfrage besteht unter anderem darin, dass sie die Krankenhäuser über die Initiative des Europarates informiert und für Probleme der Mangel- und Fehlernährung sensibilisiert. Eine enge Kooperation mit den Krankenhäusern ist aus Sicht des Vorstandes der Akademie, dem die Präsidenten der kooperierenden Ärztekammern angehören, für die praxisnahe Gestaltung der Richtlinien - und damit letztlich für den Erfolg der Initiative des Europarates - von großer Bedeutung. Beschlossen wurde auch, dass die Ärztekammern analoge Umfragen in Baden-Württemberg, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und SachsenAnhalt durchführen.
Mit dem Ziel, die ernährungsmedizinische Versorgung der Bevölkerung, und damit auch die der Krankenhauspatienten, zu verbessern, fördert die Bundes­ärzte­kammer seit Jahren Maßnahmen zur Intensivierung der Aus-, Weiter- und Fortbildung auf diesem Gebiet. Unter Federführung zahlreicher Ärztekammern werden ernährungsmedizinische Kurse nach einheitlichen Qualitätskriterien (Curriculum Ernährungsmedizin) angeboten und zertifiziert. In der Satzung der Ärztekammer Niedersachsen ist inzwischen eine Fachkunde Ernährungsmedizin verankert. Diese und andere Aktivitäten haben das Interesse der Ärzteschaft an ernährungsmedizinischer Qualifikation erheblich gesteigert. Auch dies unterstützt die Initiative des Europarates.
Neue berufliche Perspektiven
Aus der Initiative des Europarates könnten die Patienten allerdings nur dann unmittelbaren Nutzen ziehen, wenn gleichzeitig günstige Rahmenbedingungen für die Umsetzung der zu erarbeitenden Richtlinien geschaffen würden, erklärte der Vorstand der Akademie. Die Zahl der von Ärzten geleisteten Überstunden habe ein bedenkliches Ausmaß erreicht. Es wäre daher unrealistisch anzunehmen, dass die Probleme der Mangelernährung im Krankenhaus einfach gelöst werden könnten, indem man den Ärzten zusätzliche Aufgaben überträgt. Der Vorstand hält es daher für notwendig, die anfallende Mehrarbeit zu quantifizieren, um Konzepte zur Bewältigung entwickeln zu können. Die Initiative des Europarates ist begrüßenswert und eröffnet für Ärzte neue berufliche Perspektiven. Gerade im Interesse der jungen Ärztegeneration scheint es geboten, sie zu unterstützen. Im Übrigen gehört es nicht nur im Krankenhaus zu den ärztlichen Aufgaben, Mangelernährung zu bekämpfen, sondern auch im ambulanten Bereich.
Beteiligte Autoren: Peter Schauder, Ursula Auerswald, Walter Brandstädter, Andreas Crusius, Heyo Eckel, Henning Friebel, Friedrich-Wilhelm Kolkmann, Jan Schulze, Udo Wolter Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Peter Schauder
Akademie für Ernährungsmedizin
Berliner Allee 20
30175 Hannover

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