ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2020Strukturwandel: Über den Tellerrand blicken
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… Bei jedem Arztbesuch ist in Frankreich eine Gebühr von 20 Euro fällig…, eine Kostenerstattung durch die Krankenkasse erfolgt nur in seltenen Fällen. Trotz betrieblicher (privater) Zusatzversicherung ist bei jeder operativen Therapie/stationären Behandlung ein Eigenanteil fällig, Zahnersatz ist komplett Selbstzahlerleistung, Krankengymnastik in vielen Fällen ebenso. … Viele Franzosen überlegen sich somit zweimal, ob ein Arztbesuch bzw. eine elektive operative Therapie erforderlich ist. Durch die Höhe der Zuzahlungen setzen sich zudem „auf natürliche Weise“ Ärzte bzw. Kliniken mit guter fachlicher Reputation durch – auch ohne ressourcenfressendes QM. Weil jeder zusätzliche stationäre Tag erhebliche Zusatzkosten für den Patienten bedeutet, setzt die postoperative Mobilisierung … frühzeitig ein und die Verweildauer ist deutlich kürzer als in Deutschland. … Insgesamt gesehen steht die Eigenverantwortung des Patienten in Frankreich in vielen Bereichen viel deut-licher im Vordergrund als bei uns in Deutschland… .

… Meines Erachtens haben wir in Deutschland im weltweiten Vergleich eines der qualitativ hochwertigsten und sozial gerechtesten Gesundheitssysteme. Dies hat allerdings … seinen Preis, den man auch offen und ehrlich diskutieren muss. Die Schieflage in unserem Gesundheitswesen ist mittlerweile schon eingetreten und in vielen Bereichen … wird die unzureichende Finanzierung immer deutlicher bzw. werden die Probleme immer dringlicher.

Wir werden uns mit dem Gedanken abfinden müssen, dass wir bei Beibehaltung des derzeitigen Sozialversicherungswesens … immer mehr an die Grenzen des Machbaren stoßen: im Jahr 2020 werden wir entsprechend dem aktuellen Haushaltsplan des Bundesfinanzministeriums 41 % der Staatseinnahmen für unsere Sozialsysteme ausgeben – Tendenz steigend! Wir leisten uns seit Jahren sehr viel, meiner Meinung nach zu viel (derzeitiger Stand der Staatsverschuldung: ca. 1,9 Billionen Euro – Tendenz auch hier steigend) und leben weiterhin auf Pump (billiges Geld gib es ja genug von der EZB). Sollten weiterhin aufgrund wahlkampftaktischer Überlegungen und populistischer Parolen grundlegende politische Reformen der Sozialsysteme unterbleiben und der hohe Versorgungsanspruch bzw. die „Flatrate-Mentalität“ vieler Patienten unverändert fortbestehen, dürfte das „Erwachen“ in den nächsten zehn Jahren, bzw. spätestens bei der nächsten größeren Wirtschaftskrise, für viele Mitbürger grausam werden.

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Dr. med. Andreas Falkert, 92637 Weiden

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