ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2020Berühmte Entdecker von Krankheiten: Paul Albert Grawitz irrte, aber sein Name blieb

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Paul Albert Grawitz irrte, aber sein Name blieb

Dtsch Arztebl 2020; 117(4): [52]

Schuchart, Sabine

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In Geschwülsten der Niere, die bis dahin als Lipome angesehen worden waren, erkannte Grawitz das später nach ihm benannte Nierenzellkarzinom. Auch wenn sich seine Theorie zu dessen Entstehung als falsch erwies, ging er als großer Pathologe in die Medizingeschichte ein.

Der Arztberuf war ihm nicht in die Wiege gelegt. Paul Albert Grawitz wuchs auf dem Land auf. Geboren wurde er 1850 in Zerrin in Hinterpommern, das heute zu Polen gehört. Der Vater, ein Gutsbesitzer, ermöglichte der Familie ein Leben in bescheidenem Wohlstand. Als ältester Sohn hätte es nahegelegen, in diese Fußstapfen zu treten. Doch den jungen Grawitz zog es in die Medizin. Mit 19 begann er das Studium in Halle, ein Jahr später ging er an die Berliner Universität, wo er schon als Student am Pathologischen Institut dem berühmten Rudolf Virchow beim Aufbau der pathologischen Präparatesammlung zuarbeitete, der Kern des späteren Pathologischen Museums der Charité. Mit 23 Jahren wurde Grawitz promoviert, in der Folgezeit diente er Virchow als Assistent, der viel von dem jungen, aufstrebenden Arzt hielt. Noch bei Virchow habilitierte sich Grawitz in Pathologie. In diese Zeit fällt auch sein Aufsatz „Die sogenannten Lipome der Niere“, mit dem er 1883 Medizingeschichte schrieb.

Grawitz galt damals als der umstrittenste, aber bedeutendste Forscher seiner Zeit auf dem Gebiet der Pathologie, schreibt ein Medizinhistoriker später. 1884 wäre er Deutschland fast verlustig gegangen. Auf einer USA-Reise nahm er Kontakt auf mit dem Bellevue College in New York, um eine Position als Professor für Pathologie an dem neu gegründeten Carnegie Institute zu übernehmen. Diese Stelle trat er aber nie an: Stattdessen folgte er der Berufung auf eine Vertreterposition am Lehrstuhl für pathologische Anatomie an der Universität Greifswald und übernahm diese Position nach dem Tod des Lehrstuhlinhabers 1887 bis zu seinem Ruhestand 1921. Trotz seines sarkastischen Humors war er als Hochschullehrer beliebt bei Studenten und Kollegen. Zwar mied er wissenschaftliche Konferenzen, so nahm er nicht ein einziges Mal an einem Treffen der Deutschen Pathologischen Gesellschaft teil. Seine Ideen verbreitete er lieber über seine Publikationen wie seinen viel zitierten Aufsatz „Die Entstehung von Nierentumoren aus Nebennierengewebe“ (1884). Er schrieb „Über die hämorrhagischen Infarkte der Lungen“ (1891) und „Über Zellenbildung in Cornea und Herzklappen“ (1913). Der vielseitige Arzt galt als Meister auf dem Gebiet der Gewebszüchtung und beschäftigte sich intensiv mit Bakteriologie, Mykosen und Entzündungsprozessen. Besonders am Herzen lag ihm der Aufbau der pathologischen Präparatesammlung in Greifswald. Zum Ende seiner Amtszeit umfasste die „Grawitz-Sammlung“ 7 000 Objekte und einen 700-seitigen „Atlas der pathologischen Gewebelehre“, der auch als anschauliches Lehrbuch für seine Studenten diente.

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Grawitz’ Begeisterung für die Medizin übertrug sich auf seine Familie. Sein Enkel aus der Ehe seiner Tochter mit dem Pathologen Otto Busse fand ebenfalls als Pathologe seine Berufung. Auch Grawitz’ zehn Jahre jüngerer Bruder Ernst folgte seinen Spuren. Er wirkte als renommierter Hämatologe und Chefarzt am Krankenhaus Berlin-Charlottenburg. Dessen Sohn allerdings erlangte traurige Berühmtheit: Als Reichsarzt und SS-Obergruppenführer war er beteiligt am Euthanasieprogramm mit dem Mord an Hunderttausenden Geisteskranken und Behinderten. Er beging in den letzten Kriegstagen Selbstmord. Sein berühmter Onkel hat diese moralische Perversion des Arztberufes jedoch nicht mehr erlebt: Er starb 1932, hochgeachtet. Sabine Schuchart

Der Grawitz-Tumor

1883 glaubte der deutsche Pathologe und Virchow-Schüler Paul Albert Grawitz (1850–1932), in „versprengten Keimen der Nebennierenrinde“ den Ursprung für die Entstehung des Nierenzellkarzinoms, des mit Abstand häufigsten bösartigen Tumors der Niere, gefunden zu haben. Auch wenn diese Theorie aus heutiger Sicht falsch ist, lösten seine histologischen Beobachtungen – kleine fetthaltige Nierengeschwülste mit drüsigem Aufbau, die bis dahin als Lipome galten – doch eine jahrzehntelange wissenschaftliche Debatte aus. Erst im 20. Jahrhundert zeigten neue verbesserte Untersuchungstechniken unzweifelhaft, dass Grawitz geirrt hatte und die Tubuluszellen der Niere den Ausgangspunkt der malignen Erkrankung bilden. Dennoch ist bis heute die Bezeichnung Grawitz-Tumor für das Nierenzellkarzinom in der Medizin weit verbreitet – ebenso wie der Begriff Hypernephrom, den Grawitz selbst dafür eingeführt hatte.

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