ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2020Stressbedingte Störungen: Risiko für lebensbedrohliche Infektionen wie Endokarditis ist deutlich erhöht

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Stressbedingte Störungen: Risiko für lebensbedrohliche Infektionen wie Endokarditis ist deutlich erhöht

Dtsch Arztebl 2020; 117(4): A-145 / B-132 / C-128

Gerste, Ronald D.

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Foto: Sabphoto/stock.adobe.com
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Durch psychischen Stress wie die posttraumatische Belastungsstörung (PTSB), akute Stressreaktionen und Anpassungsstörungen kann das Immunsystem kompromittiert werden. In Schweden hat nun eine Autorengruppe Daten des nationalen Patientenregisters auf die Frage hin untersucht, ob es Unterschiede bei der Häufigkeit lebensbedrohlicher Infektionen zwischen Patienten mit stressbedingten Störungen und Geschwistern ohne eine solche Störung gibt.

Erfasst wurden 144 919 Patienten und 184 612 Geschwister in einem Zeitraum von 1987 bis 2013. Die Patienten mit stressbedingten Störungen waren zum Zeitpunkt der Diagnosestellung im Durchschnitt 37 Jahre alt und zu 61,7 % weiblich. Akute Stressreaktionen und Anpassungsstörungen waren mit 46,1 % und 46,0 % vergleichbar häufig, bei 7,9 % lag eine PTSB vor. Im Vergleich zu Geschwistern ohne eine Diagnose einer stressbedingten Störung wiesen die Patienten ein um
47 % erhöhtes Risiko für eine lebensbedrohende Infektion auf (Hazard Ratio [HR] 1,47; [95-%- Konfidenzintervall] [95-%-KI] [1,37;1,58]). Für Menschen mit PTSB war dieses Risiko mit 1,92 noch deutlich höher ([1,46; 2,52]). Unter den untersuchten Formen einer schweren Infektion waren bei den Betroffenen die Risiken im Vergleich zu den Geschwistern für Meningitis (HR: 1,63 [1,23; 2,16]) und Endokarditis (HR: 1,57; [1,08; 2,30]) am ausgeprägtesten. Besonders infektanfällig waren Menschen, die in jungen Jahren eine Stresssituation zu überwinden hatten, und Personen mit psychiatrischen Komorbiditäten.

Fazit: „Die Studie ist ein weiterer Beleg dafür, dass psychische Belastung das Immunsystem langfristig verändern kann“, erläutert Dr. med. Julia Schellong von der Universitätsklinik der TU Dresden, Leiterin des Referats Psychotraumatologie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. „Stressauslösende Ereignisse erhöhen die Vulnerabilität nicht nur für psychische Erkrankungen, sondern auch für infektiöse und kardiovaskuläre Störungen. Dies gilt besonders für Stressfaktoren, die bereits in der Kindheit erlebt werden.“

Dr. med. Ronald D. Gerste

Song H, Fall K, Fang F, et al.: Stress related disorders and subsequent risk of life threatening infections: population based sibling controlled cohort study. BMJ 2019; doi: 10.1136/bmj.l5784.

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