ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2000Internationaler Suchtkongress: Schadensbegrenzung und Therapie

THEMEN DER ZEIT: Tagungsberichte

Internationaler Suchtkongress: Schadensbegrenzung und Therapie

Dtsch Arztebl 2000; 97(7): A-362 / B-319 / C-284

Weber, Ingbert

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LNSLNS Die Strategie der Vereinten Nationen "Krieg gegen Drogen" ist vorerst gescheitert.

Der jährliche Umsatz der illegalen Drogenindustrie wird von den Vereinten Nationen auf 400 Milliarden Dollar geschätzt; das entspricht acht Prozent des Welthandels. Es ist daher nur konsequent, wenn sich, wie beim 11. Internationalen Suchtkongress in Hamburg deutlich wurde, die Forscher zunehmend auf die Folgen des Problems, nämlich die Schadensbegrenzung und die Therapie, konzentrieren.
Eines der Themen war die Heroinverschreibung für therapieresistente Schwerstabhängige, ein Ansatz, für den sich auch in Deutschland Wissenschaftler und Gesundheitspolitiker stark machen, nachdem Erfahrungen aus England, der Schweiz und aus den Niederlanden bereits vorliegen. Zwar unterziehen sich zur Zeit etwa 300 000 Opiatabhängige in der Europäischen Union einer Substitutionsbehandlung, die meisten mit dem am besten erforschten Ersatzmittel Methadon. Wie bei anderen Interventionsformen wurden bei der Substitution positive Effekte im Verlauf nachgewiesen. Warum also benötigt man die Originalstoffvergabe? Befürworter einer medizinisch indizierten Behandlung Drogenabhängiger mit Heroin, wie etwa der Hamburger Psychiater Michael Krausz, der Züricher Sozialpsychiater Ambros Uchtenhagen, Leiter des dortigen Instituts für Suchtforschung, oder der niederländische Psychiater van den Brink vom Zentralkomitee für die Behandlung Heroinabhängiger in Utrecht, verweisen auf die begrenzte Effektivität der Drogenhilfesysteme europaweit und fordern ein differenzierteres Hilfsangebot für die heterogene Klientel intravenös konsumierender Abhängiger. Nach wie vor lasse sich bei Opiatabhängigen in Europa ein 20- bis 30fach höheres Sterberisiko durch Überdosis, Infekte, Suizid, Unfälle und anderes im Vergleich zu Gleichaltrigen feststellen. Ein Großteil der marginalisierten, multimorbiden Drogenabhängigen meidet nach Feststellung der Experten jeden Kontakt zum Hilfesystem, weil die bislang verfügbaren Angebote für sie nicht attraktiv seien.
Teures Unterfangen
Das Management einer kontrollierten Heroingabe ist übrigens nicht billig. In der Schweiz wurde untersucht, ob diese Therapie auch einer wirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Abwägung standhält. Nach den dortigen Erfahrungen werden die anfallenden Kosten durch den daraus erzielten Nutzen mehr als kompensiert.
Der Leiter der Geschäftsstelle der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Dr. Ingo Ilja Michels, erläuterte das Verhältnis von Drogenforschung und Drogenpolitik. In den letzten 25 Jahren habe die stark ideologiebelastete Drogenpolitik in Deutschland einseitig das Abstinenzparadigma verfochten. Das habe das gesellschaftliche Klima bezüglich Drogen nachhaltig geprägt. Abstinenz als Ziel aller Bemühungen im Suchtbereich hätten lange Zeit die drogenpolitisch Verantwortlichen in Bonn gefordert. Auch die Drogenforschung habe sich hauptsächlich an dieser Vorstellung orientiert. Nur schrittweise sei im Verlauf der letzten zehn Jahre als weitere Perspektive die der Schadensbegrenzung ("harm reduction") aufgenommen worden. Für diese Erweiterung der Perspektive sei einerseits die wenig erfolgreiche Suchtprävention und medizinische Behandlung Abhängiger verantwortlich gewesen. Andererseits hätten sich dafür vor allem Drogenhilfeinitiativen von unten, die im Rahmen "niedrigschwelliger" Modellvorhaben engagierten Forscher sowie die Protagonisten der Änderung des Drogenstrafrechts verdient gemacht.
Dieser Diskurs seitens der Praxis habe auch die theoretische Diskussion angekurbelt und verändert. Immer mehr würden bisher unbearbeitete Forschungsfragen enttabuisiert, wie etwa die Frage nach den kulturellen Möglichkeiten kontrollierten Gebrauchs von psychotropen Substanzen oder die Frage nach den gesellschaftlichen Kosten einer repressiv ausgerichteten Drogenpolitik. Michels forderte, eine neue Drogenpolitik müsse vorurteilsfreie Forschung wirklich zulassen, und Politik müsse sich ebenso vorurteilsfrei von unabhängiger Forschung beraten lassen und ihre Vorgaben nach deren Erkenntnissen ausrichten.
Prof. Dr. jur. Lorenz Böllinger, Fachbereich Rechtswissenschaft der Universität Bremen, vertrat die Auffassung, dass eine Reform, die dem tatsächlichen Scheitern der kontraproduktiven Prohibitionspolitik und den faktischen Errungenschaften von niedrigschwelligen, risikomindernden Angeboten der Drogenhilfe Rechnung trage, seit langem überfällig sei. Er forderte verwaltungs- und sozialrechtliche Regelungen für eine Zulassung von Fixerräumen, für eine Erprobung der ärztlich kontrollierten Heroinvergabe, für eine Spritzenvergabe im Strafvollzug und für eine Entkriminalisierung des Kleinhandels zur Eigenbedarfsdeckung. Angesichts der Erkenntnisse über die geringe Gefährlichkeit des Konsums bestimmter bislang noch illegalisierter Drogen solle bei Gewährleistung einer adäquaten Herstellungs- und Vertriebskontrolle nach dem Beispiel des Lebensmittelgesetzes die Entkriminalisierung von beispielsweise Cannabis erwogen werden. So ließen sich die weitaus schädlicheren Folgen der Strafverfolgung vermeiden. Dr. Ingbert Weber


Angesichts des Elends der Abhängigen von illegalen Drogen werden die Folgen des Alkohol- und Tabakkonsums für die Volksgesundheit und die Volkswirtschaft unterschätzt. Die Gesundheitspolitik des Bundes beabsichtigt, die durch Substanzgebrauch bewirkten Probleme zu verringern, das heißt, den Einstieg in den Gebrauch dieser Mittel zu verhindern, die Menge des Konsums zu reduzieren, den adäquaten Umgang mit Substanzen, die Suchtpotenzial aufweisen, zu fördern und schädliche Auswirkungen, die den Betroffenen und der Gesellschaft entstehen, zu mindern. Quelle: Bühringer G. & Kraus L. 1999

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