ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2020Ärztliche Berufsausübung: Wissenschaftlichkeit als Basis

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Ärztliche Berufsausübung: Wissenschaftlichkeit als Basis

Dtsch Arztebl 2020; 117(4): A-138 / B-123 / C-119

Richter-Kuhlmann, Eva

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Der rasante Wissenszuwachs und der technologische Fortschritt in der Medizin waren für den Wissenschaftlichen Beirat der Bundes­ärzte­kammer Anlass, die Bedeutung der Wissenschaftlichkeit für die ärztliche Tätigkeit zu beleuchten.

Foto: picture alliance/Wavebreak Media
Foto: picture alliance/Wavebreak Media

Mit enormer Geschwindigkeit erweitert und ändert sich das medizinische Wissen. Für Ärztinnen und Ärzte sind somit lebenslanges Lernen sowie eine kritische Evaluation und Anwendung neuer wissenschaftlicher Informationen unabdingbar. Doch wie kann dies unter sich gleichzeitig ändernden gesundheitspolitischen und ökonomischen Rahmenbedingungen sichergestellt werden?

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Diese Frage diskutierte eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe des Wissenschaftlichen Beirat der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) unter der Federführung von Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Robert Jütte und Prof Dr. rer. nat. Heyo Kroemer. Das Ergebnis dieses Prozesses liegt jetzt vor: Die Stellungnahme „Wissenschaftlichkeit als konstitutionelles Element des Arztberufes“ wird mit diesem Heft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Unmissverständlich stellt sie fest: „Die wissenschaftliche Medizin muss weiterhin die Grundlage ärztlicher Tätigkeit bilden.“

Eine akademische Ausbildung auf der Basis kompetenzorientierter Lehrpläne und wissenschaftlicher Arbeiten bilde den Grundbaustein, erklärt Beiratsvorsitzender Prof. Dr. med. Dr. h. c. Peter Scriba dem Deutschen Ärzteblatt (). „Wissenschaftskompetenzen werden aber nicht nur im Medizinstudium, sondern auch in der ärztlichen Weiterbildung gemäß den Weiter­bildungs­ordnungen der Lan­des­ärz­te­kam­mern und in der Fortbildung erworben und kontinuierlich weiterentwickelt.“

Nach Scribas Ansicht wird es künftig zunehmend wichtiger werden, dass die Fortbildung die mittlerweile vielfältigen ärztlichen Versorgungssituationen mit ihrer Interdisziplinarität, Interprofessionalität und den flacher werdenden Hierarchien abbildet. „Eine zunehmende Verlagerung medizinischer Versorgung in den ambulanten Bereich setzt einen entsprechenden Zuwachs und eine kontinuierliche Weiterentwicklung medizinisch-wissenschaftlicher Expertise im ambulanten Bereich voraus“, betont er. Dies erfordere eine verstärkte Kooperation zwischen ambulantem und stationärem Sektor – auch bei Forschungsaktivitäten.

Freiräume für Fortbildung

Zudem plädiert der Beirat in seinem Papier dafür, das Augenmerk verstärkt auf die ärztliche Fortbildung zu richten. Es brauche ausreichende zeitliche sowie finanzielle Freiräume, um von der Industrie unabhängige Fortbildungen gewährleisten zu können. „Angesichts einer erheblichen Arbeitsverdichtung haben Ärztinnen und Ärzte zunehmend Schwierigkeiten, Zeitkontingente für lebenslanges Lernen (CME) einzurichten“, erklärt Jütte. „Notwendig ist daher eine Fortbildungskultur, in der CME mehr Wertschätzung im Sinne einer immanenten ärztlichen Tätigkeit erfährt“, betont der Federführende des Arbeitskreises gegenüber dem . CME sollte fester Bestandteil der ärztlichen Tätigkeit sein. Dies unterstütze Ärzte dabei, ihr Wissen regelmäßig zu aktualisieren. Neben bereits bestehenden und bewährten Formen von CME könnten auch neue digitale Instrumente der Wissensvermittlung beitragen. „Solche Online-Fortbildungsmaßnahmen helfen nicht nur Zeit und Kosten zu sparen. Sie ermöglichen es zudem, Wissen schnell in die Praxis zu bringen“, ist Jütte überzeugt. Zudem seien sie meist nicht-hierarchisch strukturiert und bezögen den Aspekt der klinischen Erfahrung in der evidenzbasierten Medizin mittels kollaborativer Ansätze ein.

Generell wünscht sich der Wissenschaftliche Beirat der BÄK eine verstärkte Diskussion über die Bedeutung einer wissenschaftlichen Ausbildung als Grundlage für lebenslanges Lernen im Rahmen der ärztlichen Berufsausübung. „Die vorliegende Stellungnahme soll – nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer Zunahme von Gründungen nicht-universitärer ‚Medical Schools‘ mit praxisorientierten Ausbildungsangeboten – einen Beitrag zur dringend erforderlichen Debatte sein“, erläutert Kroemer dem . Die wissenschaftliche Medizin müsse auch in Zukunft die Basis der ärztlichen Tätigkeit bilden. „Die eher praxisorientierte Ausbildung in ,Medical Schools‘ sehen wir vor diesem Hintergrund kritisch. Ihre Qualität muss deshalb kontinuierlich vom Wissenschaftsrat überprüft werden.“ Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Stellungnahme im Internet:
www.aerzteblatt.de/20176
oder über QR-Code.

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