ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2020Müttergesundheit: Es fehlt die fachliche Betreuung

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Müttergesundheit: Es fehlt die fachliche Betreuung

Dtsch Arztebl 2020; 117(4): A-136 / B-124 / C-120

Schmidt, Jean-Olivier

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Jeden Tag sterben weltweit 800 Frauen an den Folgen von Schwangerschaft und Geburt. Deutschland gehört zu den großen Geberländern beim Kampf gegen Müttersterblichkeit. In den letzten Jahren flossen rund zwei Milliarden Euro in Projekte der Entwicklungszusammenarbeit.

Workshop für Hebammen: Unter Anleitung lernen die Geburtshelferinnen aus der kirgisischen Stadt Osh, wie sie Neugeborene wiederbeleben können. Fotos: GIZ/Maxime Fossat
Workshop für Hebammen: Unter Anleitung lernen die Geburtshelferinnen aus der kirgisischen Stadt Osh, wie sie Neugeborene wiederbeleben können. Fotos: GIZ/Maxime Fossat

Anfang November 2019 tagte in Nairobi der internationale Bevölkerungsgipfel – ganze 25 Jahre nach dem ersten großen Gipfel. Damals in Kairo hatten sich 179 Staaten auf grundlegende reproduktive Rechte geeinigt, die eine selbstbestimmte Familienplanung und die Senkung der Müttersterblichkeit in den Mittelpunkt rückten. Seitdem hat es weltweit positive Entwicklungen gegeben: So ist seit 1994 die Müttersterblichkeit um 38 Prozent zurückgegangen. Das entspricht allerdings noch nicht dem Millenniumsentwicklungsziel, das sich die Weltgemeinschaft im Jahr 2000 selbst steckte: die Müttersterblichkeit bis 2015 um drei Viertel gegenüber 1990 zu senken. In Schicksalen bedeutet das, dass jeden Tag 800 Frauen durch Komplikationen in der Schwangerschaft und bei der Geburt sterben.

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Vor allem in Entwicklungsländern werden zu viele Frauen zu früh oder ungewollt schwanger. Dazu kommt, dass die Versorgung während der Schwangerschaft und bei der Geburt häufig völlig unzureichend ist. Die Weltgemeinschaft will deshalb das Thema Müttergesundheit im Rahmen der Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) weiterverfolgen, die die Millenniumsentwicklungsziele 2015 abgelöst haben.

Kompetenzen definieren

Die SDGs sehen vor, die Rate der Müttersterblichkeit bei der Geburt bis 2030 unter 70 je 100 000 Lebendgeburten zu senken. Um das zu erreichen, sollen möglichst alle Geburten von kompetentem medizinischem Personal betreut werden. Die zuständigen Organisationen der Vereinten Nationen, die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), das Kinderhilfswerk Unicef und der Bevölkerungsfonds, haben die dafür notwendigen fachlichen Kompetenzen definiert. Ein besonderes Augenmerk bei der Ausweitung der fachlich betreuten Geburten soll auf Subsahara-Afrika liegen. Denn zwei Drittel der weltweiten Todesfälle ereignen sich dort. Während in entwickelten Ländern für Frauen die Wahrscheinlichkeit, an Komplikationen in der Schwangerschaft oder bei der Geburt zu sterben, 1 zu 3 700 Lebendgeburten liegt, beträgt sie in Subsahara-Afrika 1 zu 38.

Deutschland spielt eine wichtige Rolle im Kampf für Müttergesundheit. Das Land ist einer der größten Investoren in globale Gesundheit. Mit Zuwendungen in Höhe von knapp 1,2 Milliarden US-Dollar steht Deutschland im Kreis der Geber an dritter Stelle. Die Mittel werden sowohl über multilaterale Organisationen wie die Weltbank , die WHO oder den Globalen Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria eingesetzt, als auch über die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit.

Für die Bekämpfung der Müttersterblichkeit hat Deutschland zwischen 2011 und 2015 rund zwei Milliarden Euro im Rahmen der sogenannten Muskoka-Initiative investiert. Dabei fördert die Bundesregierung neben multilateralen auch bilaterale Gesundheitsvorhaben, in denen die Mutter-Kind-Gesundheit eine besondere Rolle spielt. In Schwerpunktländern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zielen Gesundheitsprojekte – je nach Wunsch und Bedarf des Partnerlandes – insbesondere auf die Mütter- und Neugeborenensterblichkeit. Zu diesen Ländern zählen zurzeit Kambodscha, Kirgisistan, Tadschikistan, Tansania und Kamerun.

Risiken identifizieren: Eine Schwangere lässt im Familienzentrum im Dorf Papan ihren Blutdruck kontrollieren.
Risiken identifizieren: Eine Schwangere lässt im Familienzentrum im Dorf Papan ihren Blutdruck kontrollieren.

Perinatalgesundheit in Kirgisistan

Beispiel Kirgisistan: Dort legt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), ein Bundesunternehmen mit Sitz in Bonn und Eschborn, seit zwei Jahren ein Projekt zur Perinatalgesundheit auf. Kirgisistan weist in der Euro-Region der WHO die höchste Müttersterblichkeit auf: 79 je 100 000 Lebendgeburten. Zur Förderung der Mütter- und Neugeborenengesundheit greifen in dem kirgisischen Projekt alle Instrumente der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zusammen: Die KfW Entwicklungsbank finanziert den Bau eines Perinatalzentrums der höchsten Versorgungsstufe in Bishkek und fördert gemeinsam mit der Weltbank und der Schweiz Projekte zur Primärgesundheit. Die technische Beratung erfolgt über die GIZ, dazu kommt die Vermittlung von Fachkräften durch das Centrum für Internationale Migration und Entwicklung, eine Arbeitsgemeinschaft von GIZ und der Bundesagentur für Arbeit, ergänzt durch Fachkräfte des Senior Expert Services und die Krankenhauspartnerschaften des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit fördert in Kirgisistan einen integrierten Ansatz. Dieser geht von der Ebene der primären Gesundheitsversorgung aus, wo es in Familienzentren insbesondere um die Beratung der Schwangeren und die Früherkennung möglicher Risiken geht, damit diese bei Bedarf rechtzeitig in spezialisierte Geburtskliniken überwiesen werden können. Da sich aber 37 Prozent aller Todesfälle auf der Sekundärebene, also in Distrikt- oder Regional-(Oblast-) Krankenhäusern ereignen, setzt man dort mit einem verbesserten Qualitätsmanagement an. Denn eine Analyse der Todesfälle ergab, dass insbesondere fehlerhafte Prozesse für die Todesfälle verantwortlich sind und weit weniger fehlendes Personal oder Material. Ziel des GIZ-Projektes ist es deshalb, eine Qualitätskultur zu schaffen, in der sich Ärzte, Hebammen und Pflegende offen über Fehler austauschen können, um daraus zu lernen. Das von der KfW geförderte Perinatalzentrum der höchsten Versorgungsstufe ist noch im Bau. Es soll die Versorgung von besonders schwierigen Fälle sicherstellen und als Schulungszentrum dienen. Zudem unterstützt die GIZ die Weiterbildung von Hebammen unter anderem mithilfe von Lernapps, die an den kulturellen und sprachlichen Kontext angepasst wurden.

Das Thema Müttersterblichkeit betrifft zwar insbesondere Länder mit niedrigem Einkommen. Es gibt aber ab dem Erreichen eines bestimmten Schwellenwertes keinen klaren Zusammenhang mehr zwischen den Gesamtausgaben für die Gesundheitsversorgung und der Rate der Müttersterblichkeit. So geben zum Beispiel die USA im Schnitt mehr als 10 000 US-Dollar pro Kopf für Gesundheit aus. Sie haben aber mit 24 Todesfällen je 100 000 Lebendgeburten eine Müttersterblichkeit, die höher liegt als die in allen anderen Industrieländern. Doch der Kampf gegen die Müttersterblichkeit muss nicht teuer sein. So hat Weißrussland mit Gesundheitsausgaben von 320 US-Dollar pro Kopf und Jahr eine Müttersterblichkeit von zwei je 100 000 Lebendgeburten und damit eine der niedrigsten weltweit. Jean-Olivier Schmidt

Der Artikel gibt die Position des Autors wieder und nicht die der GIZ, für die er arbeitet.

Wo und wie sich Deutschland engagiert

Die Länder, in denen Gesundheit einen Schwerpunkt der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit der deutschen Bundesregierung bildet, sind Burundi, Kambodscha, Kirgisistan, Malawi, Nepal, Tadschikistan, Tansania, die Ukraine und Usbekistan. Darüber hinaus gibt es Gesundheitsprogramme in einer Reihe von weiteren Staaten, wie etwa in Guinea, Liberia, Sierra Leone und Nigeria infolge der Ebola-Epidemie oder im Rahmen von Flüchtlingsprogrammen im Nahen Osten.

Hier werden staatliche Akteure wie die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, GIZ, (Technische Zusammenarbeit) und die KfW Entwicklungsbank (Finanzielle Zusammenarbeit) tätig. Im Rahmen der technischen Zusammenarbeit ergeben sich verschiedene Einsatzmöglichkeiten für entsandte Experten: über den Freiwilligendienst in der GIZ (giz.de), als integrierte Fachkraft über das Centrum für Internationale Migration (cimonline.de) oder im Rahmen des Senior Expert Service (ses-bonn.de). Hinzu kommen noch globale Programme wie die Klinikpartnerschaften (klinikpartnerschaften.de), ein gemeinsames Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und der Elke-Kroener-Fresenius-Stiftung.

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