ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2000Medizinstudenten in einer Obdachlosenpraxis: Lernen jenseits von „Paradefällen“ in der Universitätsklinik

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Medizinstudenten in einer Obdachlosenpraxis: Lernen jenseits von „Paradefällen“ in der Universitätsklinik

Dtsch Arztebl 2000; 97(7): A-363 / B-305 / C-285

Schlitt, Reinhold

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LNSLNS Für Medizinstudenten im 5. und 6. Klinischen Semester an der Humboldt-Universität zu Berlin ist ein Seminar in der Obdachlosenpraxis von Dr. med. Jenny De La Torre am Ostbahnhof Pflicht. Das Angebot wird bislang aber kaum zur Kenntnis genommen.

Da war ein Mann, der über Juckreiz im Rückenbereich klagte. Ich sollte mir das ansehen." Die Ärztin illustriert ihre Ausführungen mit einem Foto. Zu sehen ist der mit Maden übersäte Rücken des Patienten. Beklemmende Stille im Raum. Das nächste Bild zeigt eine ausgeprägte Staudermatitis, dann einen völlig deformierten Fuß, die Zehen sind schwarz. Zaghafte Zwischenfrage, ob das ein diabetischer Fuß sei. Schließlich folgt das Bild von einem Patienten mit einer großflächigen Dermatitis am rechten Bein. Die Socken sind bereits in die Haut eingewachsen. Das alles habe auch fürchterlich gerochen, erinnert sich die Dozentin, um dann zu ergänzen: "Dieser Mann kam kurz zuvor aus der Ambulanz eines Berliner Krankenhauses zu uns." Dort habe man zwar eine frische Platzwunde am Kopf des Patienten versorgt, dieses "Problem" aber einfach übersehen. Einigen Betrachtern entgleisen ob solcher Fotos die Gesichtszüge. Es handelt sich um Medizinstudenten im 5. und 6. Klinischen Semester. Vor ihnen steht die "Obdachlosenärztin" Dr. med. Jenny De La Torre.
Nicht schockieren, sondern ins Gespräch kommen
Seit dem Sommersemester 1998 spricht sie fast jede Woche vor Medizinstudenten der Humboldt-Universität zu Berlin. Initiiert haben dies Mitarbeiter des dortigen Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie. So sollen die künftigen Ärzte etwas über jene Patientengruppen erfahren, die durch ihre extremen Lebensbedingungen schneller als andere erkranken. "Den Studenten werden dabei Krankheitsbilder vorgestellt, die unter den Paradefällen in der Uniklinik so gut wie nicht vorkommen", sagt die stellvertretende Lehrbeauftragte des Instituts, Dr. med. Jaqueline Müller-Nordhorn. Die Seminare finden stets am Freitagnachmittag statt. Als Veranstaltungsort dient ein Nebenraum der Obdachlosenpraxis am Ostbahnhof.
Kein Zweifel - die Bilder aus den Patientendokumentationen haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Aber Jenny De La Torre will nicht schockieren. Geduldig lenkt sie die Diskussion auf Aspekte der Sozialanamnese, spricht über Schmerzempfindungen, Leidensgrenzen und das Schamgefühl ihrer Patienten. Und immer wieder über die Frage: Warum gehen sie erst so spät zum Arzt?
Plausible Antworten gibt es nicht, aber Erklärungsversuche: "Diese Menschen haben Angst vor Ärzten und weißen Kitteln, sie wollen nicht mehr zu uns. Also müssen wir auf sie zugehen." Zu oft hatten Obdachlose schlechte Erfahrungen gemacht, seien gedemütigt worden und spürten, in "normalen" Arztpraxen nicht unbedingt gern gesehen zu sein. Dabei sei es nicht nur das ramponierte Selbstbewusstsein, sondern auch das nach wie vor vorhandene Schamgefühl, das viele Obdachlose von einem Arztbesuch abhalte. Wie weit so etwas gehen kann, wird den Studenten am Beispiel eines Mannes verdeutlicht, der sich eines Tages mit diffusem Schmerzempfinden vorstellte und im Übrigen nur um einen frischen Verband für sein rechtes Bein bat. Die Untersuchung ergab ein zyanodisch verfärbtes Bein, das bereits eiskalt war. Mit Verdacht auf einen akuten Gefäßverschluss wurde der Patient sofort in die nächstgelegene Klinik gebracht und operiert. Bis dahin war ihm überhaupt nicht klar, dass sein Bein längst verloren war und er ohne schnellen Eingriff nicht überlebt hätte.
Patienten motivieren, gesund zu werden
Viele Krankheitsbilder, die in der Obdachlosenpraxis vorgestellt werden, bedürfen einer längeren Behandlung oder medikamentösen Therapie. Die Studenten fragen nach der Compliance Obdachloser und danach, wie es der Ärztin gelingt, ihre Patienten über einen längeren Therapiezeitraum an die Praxis zu binden. Darauf gibt es keine einfache, schnelle Antwort. De La Torre jedenfalls erinnert immer wieder daran, dass mit jeder Behandlung auch der Kampf um das Vertrauen ihrer Klientel beginnt. Es nütze nichts, einen fiebernden Patienten mit Paracetamol und einer Bettruhe-Empfehlung zu entlassen, wenn nicht einmal geklärt sei, in welchem Bett er sich auskurieren kann. Was bringe es, fragt sie, offene Wunden zu desinfizieren und zu verbinden, wenn man den Kranken anschließend mit seinen verdreckten Klamotten wieder ziehen lässt? Weit mehr als in einer "normalen" Arztpraxis müssen sich Praxismitarbeiter und Ärztin hier um einen persönlichen Zugang zum Patienten bemühen, auch um festzustellen, wie man ihn motivieren kann, zu seiner Gesundung beizutragen.
Alkohol, Aufgabe der eigenen Persönlichkeit, Verwahrlosung, Selbstmordgefährdung und seelische Einsamkeit erschweren diese Bemühungen. "Aber es nützt nichts", konstatiert De La Torre, "wir müssen gemeinsam nach Punkten und Zielen suchen, an denen sich der Patient festhalten kann. Es muss etwas geben, für das es sich lohnt, die Genesung selbst zu wollen und an ihr mitzuarbeiten."
Reduzierte sich die Neugier der Studenten anfangs darauf, wie etwa die Behandlung der Patienten versicherungstechnisch abgewickelt wird, wirken sie jetzt viel nachdenklicher. Später, beim Rundgang durch die Praxisräume, dämmert es einigen, dass auch sie schon einmal Obdachlose in ihrer Ausbildung gesehen haben, auf der Station oder in der Notaufnahme ihres Lehrkrankenhauses. Was aber ist hier bei der medizinischen Betreuung anders? Was wird "evaluiert"? Gibt es eigene Behandlungsstandards? Was bedeutet "Niedrigschwelligkeit des Angebots" im Alltag einer Obdachlosenpraxis? Keiner der Studenten kann oder will sagen, wie er sich vor diesem Termin die Arbeit der inzwischen bundesweit bekannten Berliner Obdachlosenpraxis vorgestellt hat. Von der apparativen Ausstattung, fast ausschließlich aus Spenden finanziert, sind alle beeindruckt. Interessiert richten sich die Blicke auch auf den Medikamentenschrank. Aufmerksam werden einzelne Packungen beäugt und weitergereicht. Eher zufällig fallen die Wörter Arztmuster und Spenden, doch wie auf Kommando schauen jetzt alle nach dem Verfallsdatum. De La Torre kann sie beruhigen: "Es werden grundsätzlich keine Medikamente mit abgelaufenem Verfallsdatum gegeben, auch wenn es nur kurz überschritten ist. Die Obdachlosen sollen keinesfalls das Gefühl haben, Patienten zweiter Klasse zu sein; das wäre fatal."
Das Angebot der Humboldt-Universität für die Medizinstudenten ist bundesweit einmalig. Es mag auch eine Reaktion auf die Auseinandersetzung um die medizinische Versorgung Obdachloser sein, die in Berlin - gefördert durch den früheren Ärztekammerpräsidenten Dr. med. Ellis Huber - heftiger und öffentlicher als andernorts geführt wird. Reinhold Schlitt


Erstaunt über die akribische Dokumentation der Obdachlosenpraxis: die Studenten beim Rundgang durch die Praxisräume Fotos: Burkhard Lange

3 Der Nebenraum als Seminarort: Studenten der Humboldt-Universität erfahren vor Ort etwas über die besonderen Bedingungen des Behandlungsangebots für Obdachlose.


2 Was wird gegeben? Wo kommt es her? Interessierte Blicke in den Medikamentenschrank

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